"Ich war im Kino"

Martin Walser reflektiert über sein Filmerlebnis

Lauter Gelungenheiten. Ich dachte von der ersten Szene an nicht an meinen Text. Das Badegewimmel fordert alle Aufmerksamkeit. Ein Durcheinander von Leibern, schönen und weniger schönen, und so dicht durch einander, dass man, weil man ja sehen will, was man da sieht, gar nicht dazu kommt zu sehen, was man da sieht. Aber gleich werden aus dem Gewimmel vier Einzelne ausgewählt, die dann zwei Paare sind.

V.l.n.r.: Klaus Buch (Ulrich Tukur), Helmut Halm (Ulrich Noethen), Helene (Petra Schmidt-Schaller) und Sabine Halm (Katja Riemann).
V.l.n.r.: Klaus Buch (Ulrich Tukur), Helmut Halm (Ulrich Noethen), Helene (Petra Schmidt-Schaller) und Sabine Halm (Katja Riemann). Quelle: ZDF

Vielleicht alle zehn Minuten ein Satz, der an meinen Text erinnert. Nicht eine Sekunde lang war ich unzufrieden. Ich war im Kino. Ich habe einen Lehrer gesehen, mit seiner Frau, im Urlaub, am Bodensee. Er ist einsam, ohne daraus seiner Frau oder der Welt einen Vorwurf zu machen. Dadurch wird seine Einsamkeit interessant, attraktiv. Seine Frau ist hungrig nach etwas, was sie, wenn sie's ausdrücken soll, nicht ausdrücken kann.

Geschichten ohne Worte

Dann bricht herein der Freund von früher, ein Nimmersatt an gekonntem Aktionismus. Und hat auch noch eine junge, über alle Maßen schöne Frau dabei. Aber die Frau des Lehrers ist ja auch schön. Noch immer. Also knistern sofort Überkreuzfaszinationen. Am ungeeignetsten dafür ist der Lehrer. Eine Peinlichkeitsexplosion nach der anderen. Alle vier möchten jetzt aus ihren Ich-Gefängnissen hinaus. Je mehr sie das wollen, um so krasser demonstrieren sie ihr Gefangensein. Das Kino lebt sich aus.

Die Gesichter der vier erzählen Geschichten ohne Worte. Geschichten, die durch keine Sprache zu erzählen wären. Ein Tischtennis-Doppel wird zur reinen Strindberg-Szene. Ich war im Kino. In einer glückverheißenden Landschaft werden vier Menschen von Szene zu Szene komischer, weil sie auf das, was sie wollen, nicht verzichten können. Es ist ihr Leben, was sie wollen. Ihr immer noch ungelebtes Leben. Es geht in jeder noch so lächerlichen Sekunde ums Ganze. Immer steht alles auf dem Spiel.

Unrettbarkeit von vier Menschen


Aus vier Menschen wie du und ich werden durch die vollkommene Zurschaustellung ihrer Gesichter große Figuren, Alltagsmythen. Die Regie steigert die Alltäglichkeit in eine Beispielhaftigkeit hinein, ohne die Alltäglichkeit zu zerstören. Das kann nur gelingen, wenn die Schauspieler ausbeutbar sind bis ins Letzte, Feinste, Peinlichste, Lächerlichste, Schmerzlichste. Und diese vier Schauspieler bieten Ausbeutbarkeit an.

Wenn ich die Geschichte, die diese vier Schauspieler spielen, nacherzählen würde, käme eine andere Geschichte heraus als in der Novelle "Ein fliehendes Pferd". Zwar werden die Motive so bedient, dass der Film diesen Titel tragen kann, aber gesehen habe ich im Kino die Unrettbarkeit von vier Menschen. Unrettbar unter diesen Umständen, die nicht zu ändern sind, obwohl von nichts anderem die Rede ist als von der höchst notwendigen Änderung dieser uns einsargenden Umstände.

Schicksalskomiker des Alltags


Das tut weh, diese vier Alltäglichen zu komischen Figuren werden zu sehen, während sie blutig ernst strampeln, ihren Gefangenschaften zu entkommen. Ihre Gesichter widerlegen immer alles, was ihnen an Fluchtphantasie einfällt. Das Kino zeigt es: Wirklich komisch ist die Verzweiflung nur, wenn sie ihre Ausweglosigkeit nicht begreifen kann. Das Ehepaar bombardiert sich im Supermarkt erbittert mit Billigware.

Ich war im Kino und habe einem Kampf zugeschaut, in dem vier Schauspieler alles entblößen, was zu verheimlichen ihnen Anstand und Sitte immer schon vorgeschrieben haben. Das ist dann der Gipfel dieser unserem Alltag abgetrotzten Komik: Alles, was diese vier zu Schicksalskomikern macht, heißt Sitte, Anstand, Menschlichkeit. Unrettbar sind sie, weil sie nicht fähig sind zur Rohheit, zur Grausamkeit, zur Unmenschlichkeit, zur Kälte. Das ist komisch genug. Ich war im Kino.

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