Im Zweifel für den Angeklagten

Regisseur Matti Geschonneck über seinen Film

Für einen Anwalt ist es für einen Prozess nicht relevant, ob er an die Unschuld seines Mandanten glaubt. Regisseur Matti Geschonneck setzt sich in "Das Ende einer Nacht" mit dem Verhältnis von Wahrheit und Rechtssprechung auseinander.

Werner Lamberg und Eva Hartmann
Werner Lamberg und Eva Hartmann Quelle: ZDF

In einem seiner Interviews sagte Ferdinand von Schirach, Autor von "Schuld und Verbrechen": "Der Anwalt will die Wahrheit nicht wissen." Diese Aussage hatte mich im ersten Moment sehr überrascht, sie leuchtete mir aber auch ein. Übernimmt der Anwalt ein Mandat, muss er sich für die Interessen seines Mandanten einsetzen, die Argumente der Gegenseite entkräften. Seine Aufgabe besteht darin, nach Möglichkeit einen Freispruch für ihn zu erwirken. Nichts anderes ist seine Aufgabe. Es geht dabei nicht um die Frage der Schuld oder Unschuld seines Mandanten. Es ist für den Anwalt irrelevant, was er selbst glaubt. Relevant ist allein die Frage, was das Gericht glaubt.

Die Ehe: eine Dunkelzone

Ich habe Reinhold Elschot vorgeschlagen, dieses Thema aufzugreifen, einen "Gerichtsfilm" zu machen, in dem sich Richter und Strafverteidiger, jeweils von einer Frau dargestellt, in einem Vergewaltigungsprozess begegnen. Vergewaltigungen in der Ehe spielen sich in einem uns verborgenen Raum ab, in einer Dunkelzone. Es gibt keine Zeugen, nur die beiden Ehepartner.


Ich ging davon aus, dass dieser Film sehr dialogreich wird. Das würde ihn mit "Liebesjahre" verbinden, bei dem ich mit Magnus Vattrodt bereits sehr gut zusammengearbeitet habe. Und Magnus Vattrodt war für mich ganz klar der ausgewiesene Autor. Wir haben gemeinsam recherchiert, uns mit Richtern und Strafverteidigern getroffen und diverse Prozesse in Wuppertal, Köln und Düsseldorf besucht. So entstand der Stoff.

Konflikt mit moralischen Werten

Zwei starke Protagonistinnen, deutlich im Unterschied, gleichwertige Gegnerinnen in diesem Duell. Spannend für mich, die beiden im Laufe der Geschichte zu beobachten, wie sie aneinander geraten, wie schließlich ihr Gewissen sie in Konflikt mit ihren moralischen Werten und ihrer Arbeit bringt. Wichtig für den Film: die parallel erzählte Ehegeschichte der Richterin, die unsere Geschichte nochmals reflektiert, die Richterin in ihrer Unfehlbarkeit in Frage stellt.

"Ich bin Anwalt. Was interessiert mich die Wahrheit." Davon ging ich aus. Das war Ausgangspunkt der Geschichte. Diesen Satz serviert der Adlatus der Anwältin, gespielt von Alexander Hörbe. Er bringt die Sache auf den Punkt.

Was ist Wahrheit?

Schwer, in einem derart undurchsichtigen Fall Antworten zu finden, sich für die "richtige" Seite zu entscheiden. Was ist Wahrheit? Der Betrachter fällt sein Urteil, meist ein emotionales Urteil. Er vorverurteilt. Dann kommen die Zweifel, er beharrt auf seinem Urteil. Dann erneute Zweifel ... Und auch der Film kann die Antworten nicht geben. Ein Gericht in einer demokratischen Gesellschaft muss eine Entscheidung fällen, anders würde das System auseinander brechen.

In dubio pro reo. Im Zweifel für den Angeklagten. Unsere Rechtssprechung sieht die Entscheidungsregel vor, so unbefriedigend die Entscheidung auch sein mag und trotz moralischer Zweifel oder Unverständnis. Unsere Richterin nimmt sich das Recht zu urteilen, es ist aber auch ihre Pflicht. Die Verteidigerin ist dem Interesse ihres Mandanten verpflichtet.

"Ich will nicht richten"

Ohnmacht gegenüber einem Gewaltverbrechen bleibt - Hilflosigkeit auch unserer beiden Heldinnen, zwei beschädigte Figuren. Einsamkeit ist die Folge. Diese Zerrissenheit zwischen juristischem Pragmatismus und moralischer Befangenheit versucht der Film zu zeigen. Ja, die Ehefrau ist das Opfer. Es ist schwer für mich als Regisseur, Partei und gleichzeitig auch keine Partei zu ergreifen. Ich kann und will nicht richten. Ich selbst gerate in ein moralisches Dilemma. Aber das Gericht muss entscheiden ... In dem Duell der Richterin und der Verteidigerin stoßen beide Frauen an ihre Grenzen. Schuld oder Unschuld des Angeklagten spielen keine Rolle mehr. Es gibt keine Siegerin. Was bleibt, ist Respekt.

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