"In allen Vorurteilen findet sich ein Körnchen Wahrheit"

Interview mit Drehbuchautor und Regisseur Nikolaus Leytner

Österreich trifft Deutschland: zwei unterschiedliche Lebensarten, zwei verschiedene Geschwindigkeiten. Grimme-Preis-Träger Nikolaus Leytner hat einen Krimi inszeniert, der genau aus diesem Zusammentreffen mit all seinen Klischees seinen komödiantischen Reiz bezieht. Der Regisseur reflektiert über die kleinen Unterschiede im Film und im wirklichen Leben.


ZDF: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?


Nikolaus Leytner: Die Grundidee stammt von ZDF-Redakteur Martin R. Neumann und orientiert sich lose an dem französischen Film "Die Bestechlichen" aus den 70er Jahren. Wie schon Karl Kraus gesagt hat, trennt Österreicher und Deutsche die gemeinsame Sprache. Genau dies wollten wir zum Inhalt des Films machen. Ein junger, ehrgeiziger deutscher Polizist mit hohem Berufsethos trifft auf einen älteren, sehr gemütlichen und latent korrupten Wiener Kollegen.



ZDF: Für wen haben Sie den Film gemacht?



Leytner: Ich unterteile das Publikum ungern in Zielgruppen. "Willkommen in Wien" ist zunächst ein Krimi - da funktioniert die dramaturgische Spannung erfahrungsgemäß gut. Und aus dem Aufeinandertreffen solch unterschiedlicher Charaktere und Temperamente ergeben sich komische Situationen fast zwangsläufig. Da haben wir dann noch ein bisschen dran geschraubt ...


ZDF: War es schwierig, Krimi und Komödie zu verbinden?


Leytner: An sich nicht. Tragikomödien sind das, was mich interessiert, weil sie relativ nah am wirklichen Leben bleiben. Das ist ja auch selten ausschließlich tragisch oder komisch. Oft entscheidet nur die Perspektive, aus der man eine Situation betrachtet, darüber, ob sie als komisch oder tragisch empfunden wird. Uns Österreichern liegt es sehr, beides zu verbinden.


ZDF: Warum haben Sie sich gerade für Wolfgang Böck und Florian Bartholomäi in den Hauptrollen entschieden?


Leytner: Ich überlege beim Cast immer lange und sorgfältig: Welche Gesichter passen in die Geschichte und zueinander? Die Darsteller müssen einerseits für das Publikum attraktiv sein und andererseits dem Wärmebild der Figuren in meinem Kopf entsprechen. Mit Wolfgang Böck habe ich bereits in der Vergangenheit erfolgreich zusammengearbeitet. Florian Bartholomäi kannte ich nur aus Filmen, war aber sofort beeindruckt von seiner außergewöhnlichen schauspielerischen Begabung. Er ist ein sehr engagierter junger Schauspieler und, was Optik und Ausstrahlung betrifft, ein guter Kontrast zu Wolfgang Böck.


ZDF: Der Film steckt voller Klischees. Wieviel Wahres ist dran an den Vorurteilen zwischen Deutschen und Österreichern?



Leytner: In allen Vorurteilen findet sich ein Körnchen Wahrheit ... Aber die Vorurteile im Film haben ja zunächst die Figuren - nicht ich als Autor und Regisseur. Im Lauf der Geschichte kommen sie sich dann näher, verstehen einander besser und beginnen, die Klischees zu überwinden.



ZDF: Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?


Leytner: Der Konflikt zwischen "Ösis" und "Piefkes" wird in Deutschland wahrscheinlich wesentlich weniger virulent erlebt als in Österreich. Hier kann man zum Beispiel überall DVDs mit dem 3:2-Sieg Österreichs gegen Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien kaufen - bis heute, obwohl dieses Spiel 1978 stattfand. Denn das war die Stunde, in der wir auf einem traditionell von Deutschland dominierten Gebiet endlich einmal zurückschlagen konnten, und das hat unserem (seit dem Zusammenbruch des Weltreiches Österreich- Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg) schwer lädierten Selbstbewusstsein Auftrieb verliehen ...

Im Ernst: Natürlich - und Gottseidank - unterscheiden sich beide Länder in Tradition und Mentalität. Und in der Sprache. Deshalb gibt es übrigens auch zwei verschiedene Fassungen von "Willkommen in Wien". Einmal die österreichische "Hardcore-Version" mit Original-Dialekt. Für die Ausstrahlung in Deutschland haben wir einige Passagen neu synchronisiert, um eine etwas zurückhaltendere Dialekt-Fassung zu bekommen, die auch von Deutschen verstanden wird.


ZDF: Ein großes Thema ist auch Korruption bei der Wiener Polizei. Steckt da ebenfalls ein Funken Wahrheit drin?


Leytner: In Österreich gibt es gerade eine große Diskussion über Korruption: Im Zuge der Undercover-Aktion einer britischen Zeitung hat sich einer unserer EU-Mandatare bestechen lassen, für Geld Gesetzesänderungen zu bewirken. Zu sagen, dass jeder Polizist in Österreich bestechlich ist, wäre sicher übertrieben. Aber für die Beamten ist es entscheidend, sich im Milieu auszukennen und entsprechende Verbindungen zu haben - da wäscht schon einmal eine Hand die andere. Das gibt es wohl auch in der Realität.

Wolfgang Böck hat für seine Rolle als Polizeikommissar Trautmann, die er jahrelang gespielt hat, eine Ehrenauszeichnung der österreichischen Polizei bekommen. Mir ist nicht bekannt, dass ihm diese nach der österreichischen Ausstrahlung von "Willkommen in Wien" wieder aberkannt worden wäre. Die Polizei sieht das also nicht so eng ...


ZDF: War die deutsch-österreichische Zusammenarbeit am Set ähnlich schwierig wie die zwischen Schuh und Richter zu Beginn?



Leytner: Wolfgang Böck und Florian Bartholomäi haben sich privat sehr gut miteinander verstanden. Mit Julia Stemberger, Aglaia Szyszkowitz und nicht zuletzt Heinz Hoenig in der Rolle des bösen Russen haben wir einige Rollen mit Darstellern besetzt, die man auch in Deutschland gut kennt - und dabei war die deutsch-österreichische Zusammenarbeit nie wirklich ein Problem. Das Gefühl, in einer Fremdsprache zu inszenieren, hatte ich bei den deutschen Kollegen immer nur dann, wenn das eine Wiener Dialektwort, das den Zusammenhang ganz genau beschrieben hätte, nicht verstanden wurde. Da merkt man erst, wie schwierig es ist, manche ganz spezielle Farbe oder besondere Nuance eines Ausdrucks präzise in Hochdeutsch zu vermitteln.


ZDF: Hat sich der eine oder andere vielleicht sogar ein Stück weit wiedererkannt?


Leytner: Ich habe einigen deutschen Bekannten den Film gezeigt, Freunden, die seit Jahren in Österreich leben. Sie haben sich in der Figur und in den Gefühlen des Thorsten Richter durchaus wiedergefunden. Sie haben ihre Initiation, als sie damals nach Österreich gekommen sind, ganz ähnlich erlebt. Ich selbst bin ja auch kein gebürtiger Wiener, sondern erst zum Studium aus der Provinz nach Wien gekommen und hatte zunächst auch so meine Probleme mit dem "Wiener Schmäh", bei dem man nie sicher sein kann, ob etwas ernst gemeint ist oder nicht. Die Kollegen aus Deutschland tun sich da noch schwerer.

Der "Wiener Schmäh" kommt ja vorzugsweise von hinten und meistens verdeckt. Das ist nicht dieses Gerade, Offene, das die meisten Deutschen haben und auch zu Recht schätzen.
ZDF: Warum haben Sie sich gerade für Wien als Schauplatz entschieden?



Leytner: Der Wiener Dialekt hat so viele Farben. Für viele Dinge gibt es Ausdrücke, die kleine Unterschiede und Nuancen beschreiben, die eine starke poetische Kraft oder Komik haben. Die Sprache ist immer auch Ausdruck einer Wesensart, eines Temperaments. Das Wienerische ist - als Sprache und als Charakteristikum - etwas ganz Spezielles. Deswegen konnte dieser Film mit einer Figur wie Albert Schuh nirgendwo anders als in Wien spielen.

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