"Johannas Geschichte kann überall stattfinden"

Interview mit dem Regisseur Kai Wessel

Regisseur Kai Wessel beschäftigt sich in seinen Filmen gerne mit gesellschaftsrelevanten Themen, die Menschen zum Nachdenken anregen und daher nachhaltig sind. Mit dem ZDF spricht er über verschiedene Aspekte dieses emotional intensiven Stoffs und über seine Arbeit.

Johanna (Maria Simon) und Yanis (Adam Bousdoukos)
Johanna (Maria Simon) und Yanis (Adam Bousdoukos) Quelle: ZDF


ZDF: Was hat Sie an dem Stoff gereizt?


Kai Wessel: In diesem Film geht es um drei Themen: Zum einen zeigt der Film eine grausame Reise in die Dunkelheit. Es ist die Geschichte einer Frau, die durch die tiefe Verletzung und Demütigung, die ihr widerfährt, ihr bisheriges Leben nicht mehr weiterführen kann. Ihr Weg führt in die absolute Isolation und Einsamkeit, zwangsläufig. Sie leidet dabei nicht nur an dem Verbrechen selbst, sondern fast mehr noch an den Folgen der Tat.

Zum anderen war mir das Thema K.O.-Tropfen / Liquid Extasy und deren vielen Varianten nicht bekannt. Ich fürchte, hier handelt es sich um ein Thema von zunehmender Bedeutung. Wir wollen nicht Angst und Schrecken verbreiten, aber das Thema muss dringend weiter an die Öffentlichkeit. Zumal manche Täter sich im Internet mit ihren Taten brüsten und diese teilweise sogar noch vermarkten.


Und dann ist der Film eben vor allem ein Krimi, ein klassischer "Whodunnit". Ganz organisch ergibt sich die Frage nach dem Täter aus der Hauptfigur heraus, denn Johanna muss erfahren, wer der Täter ist, sonst kann sie nicht weiterleben. Und wir als Zuschauer wollen das mit ihr erfahren.


ZDF: Was zeichnet die Hauptdarstellerin Maria Simon aus?


Wessel: Maria Simon ist für diesen Film ein Glücksfall. Maria ist in die Johanna förmlich "eingestiegen" und hat sich ihrer Geschichte im ganzen, schrecklichen Maß gestellt und sich selbst dabei nie geschont. Ihr Spiel war schon bei den Dreharbeiten manchmal so berührend, dass ich Gänsehaut und Tränen in den Augen hatte.
ZDF: In welchem Milieu spielt die Geschichte?



Wessel: Naja, ich hoffe, das kann man im Film sehen ... Es ist kein besonderes Milieu, nichts spezielles. Es gibt, soweit ich weiß, kein Milieu, in dem Vergewaltigungen häufiger stattfinden. Das war mir wichtig. Johannas Geschichte kann leider überall und in jedem Milieu stattfinden. Vergewaltigungen finden sehr häufig im sozialen Umfeld statt.


ZDF: Welche Herausforderungen mussten Sie während der Dreharbeiten meistern? Wessel: Ehrlich gesagt, war dieser harte, kalte Winter das größte Problem. Ende Januar lag Hamburg noch unter Eis und Schnee. Wir mussten uns entscheiden, ob wir einen Schnee und Eisfilm machen wollen, oder ob alles in ein, zwei Wochen weggetaut sein würde. Wir entschieden uns gegen Schnee und Eis. Das machte uns riesige Probleme, denn wer konnte damit rechnen, dass der harte, schneereiche Winter noch bis weit in den März hineingehen würde. Wir mussten dann also, wo es ging, Schnee und Eis sehr aufwändig beseitigen.


ZDF: Sie sind ein vielseitiger Regisseur, beschäftigen sich bei Fernsehfilmen gern mit gesellschaftsrelevanten Aspekten. Worum geht es Ihnen bei Ihrer Arbeit in erster Linie?


Wessel: Ich finde ja Fernsehen ein großartiges Medium. Man hat die Möglichkeit, in Millionen Haushalte zu gelangen und ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist ein großartiges Geschenk. Und eben auch eine gewisse Verantwortung. Verantwortung, nicht zu langweilen und auch immer wieder Themen zu behandeln, die von gesellschaftlicher Relevanz sein können. Das ist doch eigentlich eine wunderbare Chance, den Menschen Unterhaltung zu bieten und gleichzeitig Geschichten zu erzählen, über die sie vielleicht noch nachdenken, in der Familie oder im Büro noch diskutieren können, sich über Themen und eigene Erfahrungen austauschen können.

Das kommt in der Quotendiskussion gar nicht vor, diese Überlegung. Dabei ist es eine sehr wichtige Frage: Wie und mit welchem Gefühl verlassen die Zuschauer meinen Film, meine Sendung? Meiner Meinung nach ist "gutes Fernsehen" immer anregend. Wenn man das mit einer guten Geschichte tun kann, dann ist doch sehr viel erreicht, oder?

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