Klarer Fall von kontrollierter Schizophrenie

Interview mit Hauptdarstellerin Natalia Wörner

Im Film "Die Lüge" tauschen zwei Frauen ihre Rollen: Sie sind äußerlich zwar nicht zu unterscheiden, könnten vom Wesen her aber kaum unterschiedlicher sein. Natalia Wörner sieht sich für ihr Engagement in diesem Thriller einer ganz speziellen Herausforderung ausgesetzt: Sie spielt beide Protagonistinnen zugleich. Im Interview verrät sie, wie sie beide Rollen gemeistert hat.

Susanne Lasko (Natalia Wörner, vorn von hinten) hat sich bei der ersten Begehung des Hauses von Nadia Trenkler (Natalia Wörner, hinten von vorn) eine Handverletzun zugezogen. Nadia Trenkler fügt sich selbst die gleiche Verletzung zu. Quelle: ZDF


ZDF: Welche persönliche Herausforderung stellte die Doppelrolle für Sie dar?


Natalia Wörner: Die Herausforderung für mich als Darstellerin war, zwei sehr unterschiedliche Frauen zu spielen. Ich habe die Szenen mit den beiden Frauen aus zwei grundsätzlich verschiedenen Perspektiven gespielt. Dabei musste ich mir absolut im Klaren sein, wie die einzelnen Profile der Figuren sind und wie sie dann in der Handlung aufeinander prallen.

Das Spannende für mich war, dass sich die Figuren im Laufe der Geschichte nicht in ihrer Charakterlandschaft verlaufen dürfen. Das Profil muss scharf bleiben, gerade weil es sich im Laufe der Geschichte verändert - und es muss darüberhinaus auch besonders in Situationen scharf sein, in denen Susanne und Nadia unter extremem Druck stehen. Als Schauspielerin ist das ein aufregender Augenblick ... Ein klarer Fall von kontrollierter Schizophrenie.


ZDF: Susanne Lasko und Nadia Trenkler - was sind das für Frauen?


Wörner: Sie sind grundsätzlich verschieden - verschiedener könnten Frauen kaum sein. Aber die eine möchte die andere dennoch zu ihrem Ebenbild machen. Susanne lässt sich auf diesen Teufelspakt ein. Sie geht auf eine Reise, die sie am Ende zu sich selbst bringt. Der Plan von Nadia hingegen geht nicht auf, das Leben rächt sich mit seiner Unberechenbarkeit an ihr. Nadia Trenkler glaubt, in ihrem Leben alles kontrollieren zu können, aber sie hat eine wichtige Kraft nicht auf dem Zettel: Die Gefühle. Damit wirft sie sich selbst aus dem Rennen. So machen beide Charaktere eine Entwicklung mit sehr unterschiedlichem Ausgang.


ZDF: Warum lässt sich Susanne auf diesen Teufelspakt ein?
Wörner: Ihr Bauch sagt ganz klar "Nein": Sie weiß genau, dass es sich nicht gut anfühlt. Aber sie tut es trotzdem aus einer Notlage heraus. Sie hört nicht auf ihre Intuition, ihre Gefühle, ihre innere Stimme - das ist die Geschichte. Der Film zeigt, was es heißt, wenn man seinen Gefühlen nicht vertraut, die Fähigkeit des Glaubens an sich selbst verloren hat und nicht auf die eigenen Bedürfnisse hört. Es geht in diesem Film also auch um Vertrauen und Selbstvertrauen und darum, wie man es zurückerobern oder gar verfeinern kann.


ZDF: Die Rolle der agilen Geschäftsfrau verlangt der Figur der Susanne ja einiges ab!


Wörner: Ja, sie sieht sich am Anfang als Opfer ihrer Lebensumstände, die gegen sie zu sein scheinen: Sie ist arbeitslos, ihre Mutter ist krank, ihr Mann möchte sich scheiden lassen. Sie nimmt das alles hin, steht gewissermaßen selbst auf der Bremse, verweigert, kommt nicht raus aus der Situation. Sie verhakt sich in der Tristesse ihres Lebens. Dann bekommt sie dieses Angebot und erfährt an sich eine völlig andere Seite.

Es ist ihre kämpferische, aktive Seite, aber auch eine ganz andere Form der Weiblichkeit, die zum Tragen kommt. Das Leben hat ihr ein Angebot gemacht, es stellt ihr eine Aufgabe, an der sie wachsen kann, wenn sie sich darauf einlässt. Die Begegnung mit Michael ist plötzlich spannend. Auf einmal sind Gefühle da, sie verliebt sich. Es wachsen Bedürfnisse aus diesen Gefühlen und die Frage: Was ist für diese Frau authentisch, von welchen Konventionen muss sie sich befreien, um ihr Leben positiv leben zu können?


ZDF: Wie kann sie sich in solch einer Situation verlieben? Der Mann ist ihr ja wildfremd?
Wörner: Zwei eigentlich Fremde lassen sich aufeinander ein und erleben etwas Besonderes. Der Moment ist das Wunder - er ist sozusagen pur. Nichts ist erotischer, als ein gelassener Mann, der sich einfach auf die Situation einlässt und absolut gegenwärtig ist. Die Situation zwischen den beiden ist aber natürlich auch deshalb so erotisch, weil Susanne Angst haben muss, entdeckt zu werden. Furcht, Aufregung und Spiel: eine spannende Voraussetzung für eine Gegenwärtigkeit in diesem Moment. Sie begegnen sich mit großer Direktheit, unverstellt und offen. Test oder Fest? In dem Fall ein Fest.

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