"Kuss Kuss am Bosporus"

Persönliche Randnotiz von Regisseur Berno Kürten

Eine deutsch-türkische Komödie? Oh Gott oder auch Allah steh' uns bei. Bei so einem Thema traut man sich kaum zu atmen, vor lauter Fettnäpfchen, die einen umgeben. Alle Schlagworte rasen gleichzeitig durch den Kopf: Islam und Abendland, EU oder privilegierte Partnerschaft, Kopftuchverbot, Istanbul europäische Kulturhauptstadt, Party- und Schwulenmetropole, Minarette sind Speerspitzen gegen die Ungläubigen, politisch korrekt langweilen oder kein Vorurteil ist zu billig - Hauptsache wir haben einen Gag.

Voll da, lebendig

Schließlich stand das Drehbuch, gut gerüstet für alle Möglichkeiten, da schlüpfte Tim in sein Kostüm. "Wie soll sich Jakob denn bewegen? Wir müssen über die Bewegungen von ihm nachdenken", forderte er begeistert. Wir reichten Tim Jakobs Aktentasche, der er von nun an "hinterherlief". In diesem Moment war die Figur da, wie aus dem Nichts. Jasmin sprach mit der Szene vor, in der sie Jakob nach dessen Rückkehr aus Istanbul auf dem Hausflur zusammenstaucht. Selbstkritisch will sie wissen: "Ich bin zu heftig, oder? Das ist zu Kreuzberg-verstehste-Alter, oder?" Nein. Nein! Das ist live, voll da, lebendig. Macht weiter beide. Bitte. Was für ein Glück! Alles was ausgedacht war, zwar nach bestem Wissen und Gewissen, aber eben nur gedacht, begann in diesem Moment mit Jasmin und Tim zu laufen.

Prickelndes Gesamtgefühl

Glücklicherweise liefen nahezu immer zwei Kameras gleichzeitig, wodurch wir im Hinblick auf Bewegungen und Positionen der Akteure großzügiger sein und die Szenen relativ frei laufen lassen konnten. In Istanbul, nach drei Wochen Berlin-Dreh, ging das B-Kamerateam, bevor es sich bei der A-Kamera langweilte, auf die Suche nach dem Flair, den diese Stadt ausmacht. Nicht zuletzt wegen dieser von unserem Produzenten von Anbeginn unterstützten Vorgehensweise eröffneten sich im Schneideraum bis dahin ungeahnte Möglichkeiten mit dem Material zu spielen. Was für ein Reichtum. Für mich ist es immer wieder faszinierend, die Transformationen eines Stoffs vom Buch zum Dreh zum fertig geschnittenen und vertonten Film zu beobachten. Zwar sind die Vorstellungen und die daraus resultierende Vorbereitung ganz exakt, aber man weiß nie, wie sich alles am Ende genau zusammenfügt. Das ist das Wunderbare. Bei diesem Film war dieser Prozess besonders intensiv. Begeistert staunend, auch mal leidend und zagend. Bis sich aus scheinbar unendlich vielen einzelnen funkelnden Aspekten etwas zusammensetzt, das dieses prickelnde Gesamtgefühl entstehen lässt, wie bei einem Kuss ... Liebeskuss am Bosporus.

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