"Latent vorhandene Marotten faszinieren mich"

Interview mit Schauspieler August Zirner

August Zirner spielt einen der männlichen Machthaber im Leben der Rosa Koelbl und ihrer Gesellschaft: Medizinalrat Jakob Aigner hat eine Gebäranstalt gegründet, in der bedürftige Frauen zwar medizinisch betreut, aber auch zu Forschungszwecken missbraucht werden. Im Folgenden spricht der Schauspieler über die Dreharbeiten, seine Rolle und die Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Brigitte Hobmeier.


ZDF: Was hat Sie am Drehbuch gereizt?


August Zirner: Ich spiele die Rolle eines sehr wertekonservativen Mannes. Privat ist das nicht unbedingt meine Haltung, denn als Vater von vier Kindern weiß ich, wie wichtig Hebammen sind und kann den Kampf und die Emotionalität des Themas sehr gut nachvollziehen. Hebammen stehen an der Quelle des Prozesses der Geburt und der Veränderung in der Geburtshilfe. Das Drehbuch hat mich sehr gereizt, weil ich selbst erlebt habe, dass der direkte, empathische und emotionale Umgang mit dem Thema "Geburt" und die praktische Erfahrung der Hebammen der Wissenschaft und Schulmedizin vielleicht sogar überlegen sind. Ich hatte das Gefühl: Das wird ein guter Film. Und Gefühle sagen eben manchmal mehr aus als die statistische Quote.


ZDF: Sie haben bereits in der Vergangenheit die Rolle des Arztes gespielt. Wie bereits in "Dr. Hope - Eine Frau gibt nicht auf" geht es auch in der "Hebamme" um eine starke Frau, die sich gegen die Kirche und die Schulmedizin stellt. Wie würden Sie Ihre Rollen in beiden Filmen miteinander vergleichen? Zirner: In "Dr. Hope" habe ich tatsächlich eine ähnliche Figur gespielt. In beiden Rollen geht es um Macht, beide Mediziner sind konservativ, aber während es in "Dr. Hope" um wissenschaftliche Macht geht, ist der Konflikt Jakob Aigners in "Die Hebamme" eher ein gesellschaftlicher: Es kann nicht sein, dass eine Hebamme mehr weiß als die Medizin. Der Gegenspieler von Rosa Koelbl hat vor allem seine Klinik und die eigene Karriere im Sinn. ZDF: Jakob Aigner stellt sich auf die Seite des jungen Medicus und gegen die Hebamme. Ist er wirklich böse?



Zirner: Die Frage ist, wo "böse" anfängt. Aigner stellt sich auf die Seite der Medizin und des Mannes. Das ist nicht böse, sondern beschränkt. Er ist einer, der nicht mit Gewohnheiten bricht. Ich persönlich bin ein anderer Mensch, versuche bewusst, mit Gewohntem zu brechen.

Ich interessiere mich sehr für solche Typen und wie sie in ihrem System funktionieren, weil man im Leben ständig mit ihnen zu tun hat. Wahrscheinlich stecke auch ich in irgendwelchen Gewohnheiten fest, die ich nur nicht durchschaue, weil sie vielleicht etwas liberaler oder freigeistiger sind. Solche latent vorhandenen Marotten - Dinge, die man eigentlich wissen könnte und doch nicht weiß - faszinieren mich an den Menschen allgemein und insbesondere an der Figur Jakob Aigner.
ZDF: Aigner schreckt nicht davor zurück, den Autopsiebericht zu Gunsten des Medicus abzuwandeln. Wären Sie persönlich auch dazu bereit zu tricksen, um einen Kollegen zu schützen?


Zirner: Nein, Tricksen bringt nichts. Das ist eine Form von Lüge. Auch das Tricksen aus der Erkenntnis einer höheren Notwendigkeit heraus wird sich irgendwann bitter rächen. Und warum sollte ich mir als Privatperson oder als kleiner Angestellter einer Film-, Theater- oder Musikagentur diesen Stress antun?



ZDF: Brigitte Hobmeier spielt ihre erste große Fernsehrolle. Wie war die Zusammenarbeit mit der jungen, wenig filmerfahrenen Kollegin?


Zirner: Brigitte Hobmeier ist in der Hauptrolle toll und war mit ein Grund für meine Zusage. Ich kenne sie schon eine ganze Weile und hatte bereits früh das Gefühl: Das ist eine hochinteressante Schauspielerin. Vor Jahren hat sie in einer Produktion meine Tochter gespielt, und wir hatten schon damals einen Heidenspaß miteinander. Außerdem habe ich sie im Theater in Peter Steins "Faust" gesehen und war begeistert.

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