"Meine Mutter, Erich Honecker und ich"

Notizen des Produzenten Christian Granderath

Der Drehbuchautor Stefan Kolditz gehörte wie die Regisseure Andreas Dresen und Peter Welz sowie die Autorin Laila Stieler zu den ersten Ostdeutschen, die ich nach dem Fall der Mauer 1989 persönlich kennen lernte. Nach drei gemeinsamen Filmen hat Stefan mir in der Nacht zum 1. Mai 1999 sehr spät und sehr betrunken in einer Kneipe am Käthe Kollwitz Platz in Berlin erzählt, dass er in den Siebzigern seinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze geleistet hatte. Seine Eindrücke und Erinnerungen waren völlig anders als das Bild, das ich als Westdeutscher von der Grenze, von den Grenzsoldaten und vom Schießbefehl hatte.

Alexander (Jacob Matschenz, l.) und sein Widersacher Kerner (Max Riemelt, r.) Quelle: ,ZDF

Die Mauer und die deutsche Teilung hingen für mich irgendwie immer mit dem Geburtstag meiner Mutter zusammen - Erich Honecker hatte sie an ihrem 31. Geburtstag errichten lassen, und so gehörten zum Hoch-soll-sie-leben auch die alljährlichen Radio- und Fernsehgedenksendungen, in denen Mauer, Schießbefehl und deutsche Teilung beklagt wurden. Daher rührte eine gewisse Neugier, die nicht wirklich befriedigt werden konnte, denn ostdeutsche Verwandtschaft hatten wir nicht, und bis zum Fall der Mauer waren Begegnungen mit den "Brüdern und Schwestern" von drüben eine Rarität.

Zum Feindbild geronnenes Klischee

Kontakte gab es eigentlich nur, wenn ich in den Achtzigern nach West-Berlin trampte. Unfreundliche und bedrohliche VoPos und Grenzsoldaten erschienen als Gefängniswärter und zum Feindbild geronnenes Klischee der grauen Diktatur des Proletariats und vermeintlich spießiger Ostdeutscher, das bis heute auch das filmische Bild der deutschen Teilung weitgehend prägt.

Die Sicht eines ostdeutschen Soldaten

Dies liegt sicher auch daran, dass es im deutschen Film - weder im Kino noch im Fernsehen - jenseits von gelegentlichen Armeeklamotten so gut wie keine Bilder gibt, die überhaupt vom deutschen Militär nach 1945 erzählen. Dabei hat sich der Kalte Krieg im deutschen Alltag wohl nirgendwo dramatischer und zugespitzter gezeigt als an der innerdeutschen Grenze, wo Soldaten tagtäglich mit dem Schießbefehl konfrontiert waren.Bislang gibt es aber kaum Filme, die davon aus der Sicht eines ostdeutschen Soldaten erzählen. Dazu existieren bislang fast ausschließlich Geschichten aus der Perspektive der Opfer mit entsprechend eindeutiger Gut-Böse Verteilung.

Mein spontanes Angebot, ihm vor diesem Hintergrund eine Drehbuchentwicklung zu finanzieren, hat Stefan Kolditz in jener Nacht und in den nächsten drei Jahren immer wieder abgelehnt. Er wollte aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht von dieser Zeit erzählen, auch weil er meinte, dies interessiere sowieso niemanden. Als ich ihn 2002 schließlich überzeugt hatte, fand sich lange kein Sender, der in dieses historische Projekt einsteigen wollte - bis sich 2004 Günther van Endert und Hans Janke vom ZDF für diesen deutschen Armeefilm begeisterten.

Von der Banalität des Bösen

"An die Grenze" sollte bewusst einen anderen Akzent setzen, um von der Banalität des Bösen zu erzählen und so ein bislang kaum bekanntes, spannendes Terrain der deutschen Nachkriegsgeschichte deutlicher auszuleuchten und die Diskussion über diese Zeit um eine - wie wir meinen - wichtige Facette zu bereichern.

Neben den Protagonisten ist der Star dieses Films auch der Ort: die deutsche Landschaft im ehemaligen Zonenrandgebiet. Im Sommer 2006 konnten wir "An die Grenze" schließlich drehen: ein ostdeutscher Autor, ein westdeutscher Produzent - und mit Urs Egger ein Schweizer Regisseur.

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