"Stunde Null" des internationalen Terrorismus

Reflexionen des Zeitzeugen Ulrich K. Wegener, General a. D.

Im September 1972 war ich Verbindungsoffizier des Bundesgrenzschutzes und dem damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher unterstellt. Ich kam gerade aus Rom zurück, wo ich ein Studium am Nato Defense College absolviert hatte, als mich Genscher zu sich rief, damit ich ihn in Sicherheitsfragen bei den Olympischen Spielen berate.

Vorbereitung des Einsatzes in der Connollystraße
Vorbereitung des Einsatzes in der Connollystraße Quelle: ZDF

Unterschätzte Bedrohung

Nach dem Attentat war ich bei den ersten Verhandlungen mit den Tätern zwar nicht unmittelbar dabei, habe aus nächster Nähe aber alles beobachtet. Die schwerwiegendste Fehlentscheidung damals war sicher der Ortswechsel. Wir haben die Situation später mit der GSG9 nachgestellt, um nach Möglichkeiten zu suchen, wie sich eine derartige Situation möglichst unblutig beenden ließe. Danach hätten wir die Entscheidung mit Sicherheit im Olympischen Dorf beziehungsweise in der Tiefgarage gesucht. Zugegeben ist dies mit Hilfe einer Spezialeinheit etwas anderes als mit normalen Polizeibeamten. Der Überfall auf das Olympische Dorf wird zu Recht als "Stunde Null" des internationalen Terrorismus bezeichnet. Es handelte sich um den ersten Anschlag eines palästinensischen Kommandos bei einer internationalen Großveranstaltung. Der eigentliche Anführer der Attentäter war Abu Daoud, der zwar nicht vor Ort war, dem aber sicherlich die gesamte taktische Führung oblag. Im Nachhinein ist festzustellen, dass man die Bedrohung durch palästinensische Terroristen damals unterschätzt hat und sich des Ausmaßes ihrer Möglichkeiten nicht bewusst war.

Erste Einheiten der GSG9


Als Konsequenz aus der Katastrophe wurde deshalb wenig später eine Spezialeinheit gegründet, die zunächst an das Bundeskriminalamt angegliedert sein sollte. Ich habe damals dagegen gestimmt, da ich der Ansicht war, dass wir keine zusätzlichen Kriminalisten benötigten, sondern eine Einheit, die speziell auf diese neue Form von Gegnern vorbereitet sein musste. Dieses Argument hat letztlich überzeugt, und die GSG9 wurde schließlich beim Bundesgrenzschutz angesiedelt.
Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher übergab mir das Kommando und ich flog zur Vorbereitung nach Israel. Wir haben sehr von der Erfahrung der Israelis profitiert und uns intensiv mit den Hintergründen des internationalen Terrorismus beschäftigt, um neue Konzeptionen für die Organisation und die Ausbildung zu entwickeln.

Wenige Monate später konnte ich dem Minister eine Konzeption für eine Spezialeinheit präsentieren, die einen revolutionären Ansatz hatte und völlig anders organisiert war als der Bundesgrenzschutz. Anders als gängige Einheiten wie Hundertschaft, Zug oder Gruppe sollten die Experten der GSG9 in kleinen Trupps zusammengestellt werden, wobei jeder Einzelne über spezielles Wissen und spezielle taktische Erfahrung verfügte. Ein Jahr nach dem Attentat - im September 1973 - waren die ersten Einheiten der GSG9 einsatzbereit.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet