TCM versus Schulmedizin

Interview mit Dr. med. Rainer Nögel

Dr. med. Rainer Nögel erklärt den Ansatz und die Methoden der traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dabei geht er auf die Unterschied zwischen dieser mindestens 2000 Jahre alten Heilkunst und der modernen westlichen Medizin ein, und die Berührungsängste und Missverständnisse, die oft damit verbunden sind. Die TCM sieht er nicht als Alternative, sondern als sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin in der ärztlichen Praxis.


ZDF: In "Der Doc und die Hexe" wird ein archaischer Streit zwischen Schulmedizin und Traditioneller Chinesischer Medizin thematisiert. Was sind die unterschiedlichen Ansätze?


Nögel: Da muss ich gleich weiter ausholen: Es gibt eigentlich keinen "archaischen Streit". Die Chinesische Medizin ist viel älter. Berührungsängste kamen natürlich erst mit der zunehmenden Bekanntheit der TCM hier im Westen, das heißt seit den 70ern, eigentlich erst 80ern auf. Die Vorbehalte beruhten vor allem auf Missverständnissen über die unterschiedlichen Ansätze,vielleicht auch auf gewissen Verlustängsten. Konkreter: Es ist keine Alternativmedizin, sondern eine Komplementärmedizin. Unsere westliche Medizin ist sehr leistungsstark in der quantitativen und kausalen Betrachtung, das heißt auch im Messen und Sichtbarmachen. Die Chinesische Medizin hat ihren Fokus im Qualitativen, hier steht das Befinden, die Funktionen, das Zusammenspiel zwischen Seele und Körper im Vordergrund.
ZDF: Und was ist genau unter TCM zu verstehen? Wie sieht die Behandlung aus?


Nögel: TCM ist ein moderner Begriff, der etwa in den 50er Jahren, nach der kommunistischen Machtübernahme, gebräuchlich wurde, ansonsten heißt es eben Chinesische Medizin. Sie besteht nachweisbar seit mindestens 2000 Jahren und hat in dieser Zeit als das am längsten kontinuierlich angewandte Medizinsystem der Menschheit eine unglaublich hohe Stabilität durch Erfahrung und Überprüfung der faszinierenden, theoretischen Modelle gewonnen.


Sie sieht den Menschen als lebendiges Wesen, das ständig verschiedensten Einflüssen ausgesetzt ist und versucht, seine energetische Konstellation zu erfassen und sie, falls notwendig, zu unterstützen, um Krankheit zu vermeiden und Gesundheit wieder zu erlangen. Die Behandlung umfasst neben der sogenannten Lebenspflege wie Qigong und Taiji eine individuelle Ernährungsberatung, Tuina (chinesische Physiotherapie, Akupressur und manuell Therapie), sowie Phytotherapie und Akupunktur.


ZDF: Im Film kann an einigen praktischen Beispielen verfolgt werden, wo klassische Schulmedizin und wo TCM zum Einsatz kommt. Bei welchen Krankheitsbildern sehen Sie für die Behandlung eher die Schulmedizin, wann ist TCM gefragt?



Nögel: Die Stärke der Schulmedizin liegt bei organischen und akuten Erkrankungen, die entsprechend starke Maßnahmen erfordern: Chirurgie, Intensivmedizin, Chemotherapie, Antibiotika, Labordiagnostik, bildgebende Verfahren. Die Chinesische Medizin ist angezeigt zur Vorbeugung und zur Behandlung funktioneller Störungen wie Migräne, Allergien, Infektanfälligkeit, Reizdarm sowie psychosomatischer Probleme.


ZDF: Sehen Sie Annährungen und ein Zusammenwirken von Schulmedizin und TCM?
Nögel: Eine Verzahnung im Sinne an den jeweiligen Patienten angepasste Diagnostik und Therapie ist natürlich am Besten und sowohl in China als auch hier im Westen zunehmend selbstverständlicher. Die Chinesische Medizin findet zunehmend ihren Platz hier im Westen, die ideologischen Gräben werden kleiner. Immer mehr klinische Einrichtungen und auch Praxen bieten beides an oder empfehlen bei Bedarf "das Komplement". Wichtig dafür ist aus unserer Sicht eine gute Ausbildung.


ZDF: Wo wird TCM in Deutschland denn gelehrt? Wie sieht der Ausbildungsweg aus?


Nögel:
Oft wurde, und wird, einfach so akupunktiert.Die ChinesischeMedizin ist aber in China ein eigenes Studiumvon mehreren Jahren. Bei uns wird die Chinesische Medizin entweder von Heilpraktikern angewandt oder von Ärzten. Da die Chinesische Medizin in China aber ein eigenes Studium von mehreren Jahren ist und zur Therapie für eine Vielzahl von Störungen geeignet ist, finden wir, dass es prinzipiell auch eine ärztliche Leistung sein sollte. Im ärztlichen Bereich gibt es seit einiger Zeit immerhin eine offizielle Zusatzbezeichnung "Akupunktur" der Ärztekammern, mit einer Prüfung nach 200 Stunden Ausbildung. Eine genaue Beschreibung dazu finden Sie übrigens hier:Deutschsprachige Ärztegesellschafte für traditionelle Chinesische Medizin


ZDF: Ist TCM in Deutschland anerkannt? Übernehmen die Krankenkassenkassen die Kosten für entsprechende Behandlungen?



Nögel: Die offizielle Anerkennung hinkt diesen Entwicklungen hinterher. Haben früher die Kassen zum Teil alles bezahlt, wurde dies im Laufe der Jahre weniger. Wohl durch die allgemeine Finanzknappheit der Kassen, mehr aber durch eine inflationäre Anwendung der Akupunktur und durch politische Gegenmaßnahmen. Seit einigen Jahren ist den Ersatzkassen die Erstattung verboten, außer bei Kniearthrose und chronischen Lendenwirbelsäulenschmerzen, obwohl sie aufgrund der erfolgreichen und kostengünstigen Behandlung eigentlich oft gerne erstatten würden. Die Privatkassen erstatten in der Regel sowohl Akupunktur als auch Phytotherapie.

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