"Treue Hände, lange Finger"

Im Gespräch mit Wolfgang Stumph

Der Hauptdarsteller in "Stankowskis Millionen" Wolfgang Stumph erzählt im Interview über seine Rolle als Werner Stankowski, die DDR und die Treuhand. Außerdem plaudert er über die Eigenheiten von ost- und westdeutschem Humor.

Wolfgang Stumph
Wolfgang Stumph Quelle: ZDF


ZDF: Herr Stumph, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Thema Treuhand?


Wolfgang Stumph: Eigentlich hat das schon bei Salto Postale angefangen. Da habe ich als Wolle Stankoweit mal mit Frau Breuel "telefoniert". Das Thema Treuhand bewegt mich also schon sehr lange. Ebenso lange ist aber kein Autor darauf angesprungen. Michael Lehmann, der Produzent, hat mich dann mit Thomas Brussig zusammengebracht. Und als ich vorschlug, zu diesem Thema eine Komödie zu machen, war er gleich davon überzeugt.


ZDF: Warum sollte ein Film über die Treuhand unbedingt eine Komödie werden?


Stumph: Das Thema sollte nicht dokumentarisch behandelt werden. Komödiantisch kann man in Deutschland viel leichter über die Dinge lachen, sie sogar auslachen, obwohl sie eigentlich ernst und problematisch sind. Wir tun uns ja oft ein bisschen schwer damit, über uns selbst zu lachen. Aber das Lachen schafft einen gewissen Abstand, es wirkt befreiend.Man kann sich geradezu ein Thema von der Seele lachen. Außerdem entspricht das meiner Haltung, die Themen mit einem Augenzwinkern anzupacken. Jetzt scheint mir auch der zeitliche Abstand groß genug zu sein, um das Thema Treuhand auf diese Weise anzugehen und souverän darüber zu stehen.


ZDF: Sie machen Ihre Haltung gerne öffentlich. Ist das ein Leitmotiv für Ihre Arbeit?


Stumph: Ich kann gar nicht anders, als meine Haltung zu dokumentieren. Ich komme vom politisch-satirischen Kabarett. In der "Herkuleskeule" oder als Stankoweit in "Salto Postale" zum Beispiel habe ich meine Sicht auf die aktuelle Politik dargestellt. In dieser Tradition spiele ich jetzt wieder eine "St"-Figur, nämlich den Werner Stankowski.

Was ich in meinen Filmen mache, ist eine Art satirisches Volkstheater, mit dem ich meine Meinung auf verschmitzte Art und Weise zum Ausdruck bringe. Die Gunst der Zuschauer erlaubt mir, mich in immer neue Themen zu stürzen. Es ist ein großes Glücksgefühl, die Themen anpacken zu können, die einem unter den Nägeln brennen. Und weil ich das kann, brauchen die Journalisten von mir auch keine Home- Stories. Wer meine Filme kennt, weiß, wie ich ticke.


ZDF: In "Stankowskis Millionen" werden eine Menge Klischees über Ossis und Wessis bedient. Ist das komisch?


Stumph: Ja, beide kriegen ihr Fett weg. Man darf nicht vergessen: Der Film spielt im Jahre 1992. Da waren wir ja noch viel mehr geprägt von den Klischees übereinander. Wobei das Verständnis von "Klischees" natürlich von der eigenen Haltung und Lebenserfahrung abhängt. Der eine sagt: "Das berührt mich tragisch-komisch". Ein anderer sagt aber: "Darüber kann ich weder lachen noch nachdenken".


ZDF: Lachen wir denn heute noch unterschiedlich?


Stumph: Die Weise, in der ich mich mit meinem Humorverständnis in die Film- und Fernsehlandschaft einbringe, ist natürlich von anderer Prägung als der "Humormarkt" in den alten Bundesländern vor 1989. Dagegen ist der Humor heute sehr direkt, nennt gleich Ross und Reiter. Da spielen Dinge wie Schadenfreude, Verletzendes oder auch Treffer unterhalb der Gürtellinie eine große Rolle. Das ist nicht meine Sache.

Die Art und Weise, wie man politische Anspielungen in der DDR gemacht hat, war zwangsläufig subtiler, gewissermaßen von hinten in die Brust. Davon bin ich geprägt, und ich kann mich nun mal nicht mehr verändern oder anpassen. Aber das war ohnehin immer das Ziel meiner künstlerischen Arbeit: unverkennbar zu bleiben.Der westdeutsche Rezensent oder Zuschauer, der ja aus einer anderen Humortradition kommt, findet vielleicht manches zu betulich. Die Andeutungen sind ihm nicht direkt genug. Aber es gibt natürlich noch ganz andere Humor-Unterschiede. Ein Polt, ein Schneider, ein Hildebrandt hat ein völlig anderes Humorverständnis als ein sogenannter Comedian. Und dann kommen natürlich die regionalen Unterschiede hinzu. Humor ist sehr vielschichtig.


ZDF: Tragen Sie durch Ihre Filme zu einer Art "Vereinigung in den Köpfen" bei?


Stumph: Es freut mich, dass ich hier und dort gleichermaßen verstanden zu werden scheine. Ich sehe mich als eine Art Volksschauspieler, ich will ja für alle spielen. Es gilt, Themen von gesamtdeutschem Interesse zu finden. Da spielt die richtige Besetzung eine besonders große Rolle. Ostdeutsche Schauspieler sollten die ostdeutsche Thematik vertreten und westdeutsche Schauspieler die westdeutsche.

Das ist in diesem Fall mit traumhaften Schauspielern gelungen: Wenn man sich nicht in die Rolle des Anderen hineindenken muss, wirkt man authentischer. Wenn ostdeutsche Schauspieler sich über Ostdeutsche lustig machen, erhöht das die Glaubwürdikeit. Obendrein war es ein großes Vergügen, dass auch die Autoren, Thomas Brussig und Johannes Betz, ihre jeweiligen Erfahrungen in die ost- beziehungsweise westdeutschen Figuren legen konnten.

Und die Regisseurin ist eine Westdeutsche, geübt in Komödien. Wir haben zum ersten Mal miteinander gearbeitet, und es war ein tolles Geben und Nehmen. Der Kameramann Peter Ziesche wiederum ist aus dem Osten. Sie sehen, das hat sich bei diesem Film mit aller Konsequenz durchgezogen.


ZDF: Hat die Ost/West-Verteilung am Drehort zur Lagerbildung geführt? Gab es Frotzeleien jenseits des Drehbuchs?


Stumph: Nein, eigentlich nicht. Es war eher spannend abzugleichen, was wir voneinander wissen. Christian Tramitz zum Beispiel, der schon sehr weit weg vom Zentrum Deutschlands beheimatet ist, für den war das, was er über die Details der Geschichte, die Gefühle und Probleme der Ostdeutschen erfahren hat, eine gute Weiterbildung. Durch die gemeinsame Arbeit ensteht Neugierde aufeinander. Das ist das Schöne an diesem Beruf, dass man sich auch jenseits der künstlerischen Aufgabe austauschen kann.


ZDF: Wie haben Sie die Zeit der Treuhandanstalt erlebt?


Stumph: Ich lebte ja in Dresden. Da sah und hörte man doch, was geschah. Man wusste, was los war, in Zschopau mit MZ und so weiter. Man wusste, was alles abgewickelt wurde und wie viele persönliche Schicksale daran hingen. Natürlich geschah das auf gesetzlicher Basis, aber wie viele menschliche Niederlagen daran hingen, kann kein Gesetz und keine Regelung auffangen. Dass diese Erlebnisse Schmerzen und Wunden bei den Einzelnen hinterlassen haben, ist doch klar.

Manche haben ihren Weg gefunden, manche sind halbwegs gut über die Runden gekommen, und manche lecken ihre Wunden noch heute. Sowohl die, die das Geld und die Macht hatten, als auch die Schlitzohren, die es natürlich auch in der DDR-Wirtschaft gab, haben die zügellosen Verhältnisse ausgenutzt und versuchten, ihr Schäflein ins Trockene zu bringen. Dass dabei große Fehler gemacht wurden, liegt in der Natur des Menschen. Wie heißt es bei Nestroy: "Der Mensch ist gut, nur die Leut' sind schlecht".


ZDF: Sie spielen einen Computerexperten. Sind Sie selbst ein Computerfreak?


Stumph: Ja. Ich war vor meinem Schauspielerdasein schließlich mal in der EDV Lehrausbilder. Und als Mensch dieses Zeitalters habe ich natürlich meinen Computer und mein iPad und mein iPhone. Ich bin mein eigenes Büro und kann gut mit diesen Sachen umgehen.


ZDF: Noch was Technisches: In diesem Film fahren Sie keinen Trabant, sondern einen Wartburg. Ihr bayerischer Chef will den exotischen Wagen unbedingt ausprobieren und kommt nicht gut damit zurecht.


Stumph: No klar. Das ist ja kein Automatik-Wagen. Der hat eine knallharte, äußerst schwergängige Schaltung, und da rumst es eben im Getriebe beim Schalten vom Dritten in den Zweiten. Für mich war das eine nostalgische Angelegenheit. Wie man in eine Bockwurst beißt, die an Kindheit oder Jugend erinnert, so ist das, wenn man den Geruch von diesem Plastik riecht, oder das Gemisch 1:50 - da sagt man sich: "Ja, das kenn' ich gut".

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