"Vielschichtig und verwoben wie der Spreewald"

Interview mit Autor Thomas Kirchner

Thomas Kirchner hat mit "Die Tränen der Fische" nun seinen dritten Spreewaldkrimi für das ZDF geschrieben. Der ursprünglichen Idee lag die geheimnisvolle und filmisch noch unentdeckte Landschaft des Spreewaldes zu Grunde. Erst dann wurden die passenden Geschichten dazu entwickelt. Der Autor versteht die drei Filme als eine Trilogie, durch die sich nach einer thematischen Entwicklung ein Kreis schließt.


ZDF: Die beiden ersten Filme "Das Geheimnis im Moor" (2006) und "Der Tote im Spreewald" (2009) sind sehr vielschichtig. Wie ist es dieses Mal? Welche Themen oder Fragestellungen waren Ihnen wichtig?


Thomas Kirchner: Wie auch in den beiden anderen Spreewaldkrimis steht ein Familienschicksal im Zentrum des Films. Diesmal festgemacht an Vater und Sohn. Und wie auch in den beiden Filmen zuvor reichen die Verstrickungen in die Vergangenheit. Ohne die gibt es ja keine Gegenwart und auch keine Zukunft.

Der Vater Harry (Uwe Kockisch) sagt am Anfang des Films: "Wenn ich auf mein Leben zurücksehe, dann ist da nichts, auf das ich stolz sein könnte." Ein bitteres Fazit. Und dieses Leben hatte natürlich Auswirkungen auf das Leben der ihn liebenden Personen, allen voran das seines Sohnes (Matthias Körberlin), der sich von seinem Vater abwendete, nichts mehr von ihm wissen wollte, ihn verleugnete. Harry hat es hingenommen. Er hat seine Schuld anerkannt, seine 15 Jahre Knast abgesessen. Da aber nach meinem Verständnis nichts ohne Folgen bleibt, haben Entscheidungen von Gestern ihre Auswirkungen bis ins Heute. So führt diese alte Schuld die beiden zwangsläufig wieder zusammen, in eine neue/alte Gefahr für die Familie des Sohnes. Ein zweiter Erzählstrang nimmt eine der Hauptfiguren aus dem ersten Spreewaldkrimi wieder auf: Karsten Hellstein (Kai Schewe) verliebt sich in die Frau (Anja Kling) seines schärfsten Widersachers. Eine Liebe, die schon am Anfang auf ein Ende zusteuert. Auch dieser Film ist wieder vielschichtig, verwoben, einander durchfließend wie der Spreewald, in dem die Krimis immer Dramen sind.


ZDF: Welche Aspekte reizen Sie als Autor, Kriminalfälle ausgerechnet im Spreewald anzusiedeln?



Kirchner: Die Idee, einen Film im Spreewald anzusiedeln, wurde in einem Berliner Hotel geboren. Der Produzent Wolfgang Esser führte mich mit ZDF-Redakteur Pit Rampelt zusammen. Bei diesem Treffen überlegten wir, welche Landschaft in Deutschland noch ihrer filmischen Entdeckung harrte. Wir kamen auf den Spreewald. Es gab also zuerst die Landschaft und dann kamen die Geschichten.


ZDF: Inwiefern ist der Spreewald mehr als nur landschaftliche Kulisse für Ihre Kriminalfälle?


Kirchner: Allzu oft scheinen die Krimiplots austauschbar. Es ist egal, ob sie hier oder dort spielen. Das sollte beim "Geheimnis im Moor" anders werden. Aus der Landschaft wurde die Geschichte entwickelt: langsam, gemächlich fließend, fast schon träge, aber faszinierend und ein bisschen geheimnisvoll und verwoben. Wenn Sie im Spreewald sind, stellen Sie fest: Da ist Heute, Gestern und die Sorgen um Morgen auf eine sphärische Art miteinander verbunden. Eingebettet in mystische Natur. Das sollte der Geist der Filme werden. Was mir sehr entgegen kam, denn ich erzähle nun mal gerne etwas komplexer. Dass dem Einzelstück noch zwei weitere folgen durften, ist auch der faszinierenden Landschaft zu danken, die noch zu mancher Entdeckung einlädt und, so abgedroschen es auch manchmal klingt, ihre eigenen Geschichten fordert. Und im übrigen achtet Pit Rampelt gerne darauf, dass das Lokalkolorit nicht zu kurz kommt.


ZDF: Die Spreewaldkrimis sind keine klassischen Ermittlerkrimis, die sich vor allem durch die Person des Ermittlers definieren. Trotzdem gibt es als Konstante Kommissar Krüger. Welchen Stellenwert hat er für die Spreewaldkrimis?


Kirchner: Es ist richtig, dass die Spreewaldkrimis immer als Ensemblefilme gedacht waren. Aber sie sind auch Krimis. Und die brauchen einen "Fall" und einen "Ermittler". Pragmatisch und hellwach, mit einem tiefen Humanismus und Verständnis für die Abgründe der Menschen ausgestattet, steht Krüger nicht immer im Zentrum des Geschehens, ist aber doch die menschliche Konstante der Filme. Und das Interessante an wiederkehrenden Figuren ist, dass sie große Erzählbögen, dem Leben gleich, zulassen.



ZDF: Welche Entwicklung macht Kommissar Krüger in den bisherigen Spreewaldkrimis durch?


Kirchner: Einer Liebe folgend strandete Krüger, aus dem Ruhrpott kommend, unvorbereitet im Spreewald. Wie der Zuschauer. Mit ihm konnten und können wir ihn entdecken. Wir erfuhren von vertuschten Vergewaltigungen und Bergbau-Unfällen zu DDR-Zeiten, von sich ändernden Fließgeschwindigkeiten, von der Minderheit der Sorben und den Nutria. Diesmal sind es aufgefüllte Braunkohletagebaue und der weitere Ausbau des Tourismus, der die Region vor neue Herausforderungen stellt.

Krüger hat die Liebe zu einer Frau verloren, aber dafür den Spreewald und seine Menschen lieben gelernt. Er fällt am Ende von "Die Tränen der Fische" eine zutiefst menschliche Entscheidung, die ihn, wenn sie jemals auffliegt, die Karriere kosten kann. Christian Redl als Kommissar Krüger war und ist ein Glücksgriff. Redl versteht es, mit genauester, minimalistischer Spielweise größtmöglichen Effekt zu erzielen und diese tiefen nonverbalen Einblicke in eine Figur zu geben, die man sich als Autor immer wünscht.
ZDF: Es war zu lesen, dass Sie die drei Filme, auch wenn jeder für sich alleine stehen kann, als Trilogie verstehen. Können Sie das erläutern?


Kirchner: Es ist wichtig und wird es auch weiterhin bleiben, dass jeder Film für sich stehen muss. Aber, und das macht den Mehrwert für die Fans aus, es muss dennoch weitergehen, sich entwickeln. Diese Entwicklung sehe ich in den ersten drei Filmen hauptsächlich in ihrer Thematik. "Das Geheimnis im Moor" - als Aufbruch: Alte bequem gewordene Wahrheiten hatten keinen Bestand mehr, am Ende musste man sich dem Leben neu stellen.

"Der Tote im Spreewald" - der Weg: Der Versuch das Leben zu meistern, endete in einer persönlichen und landschaftlichen Eiszeit. "Die Tränen der Fische" - die Versöhnung: Die Geschichte kommt aus einer Eiszeit und schließt in einer wenn auch sehr dramatischen, so doch versöhnlichen Katharsis. Klar geworden ist mir das erst beim Schreiben des dritten Films, in dem sich für mich ein Kreis geschlossen hat. Um noch einmal auf Kommissar Krüger zurückzukommen: Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Krüger auf eine Liebe trifft, die Erwiderung findet.

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