"Weil Rache ein Ziel braucht"

Interview mit Sven S. Poser und Martin Eigler

Das Autoren- und Regieteam Sven Poser und Martin Eigler hat mit dem Polizeithriller "Blutige Fährte" nun schon die dritte Folge der Reihe um die Stralsunder Kriminalkommissarin Nina Petersen realisiert. Im Gespräch mit dem ZDF sprechen die beiden über die spezielle Dramaturgie von Thrillern dieser Art, die sich durch starken Zeitdruck und extreme Täterfiguren auszeichnen.

Mann in dunkler Gasse
Mann in dunkler Gasse Quelle: ZDF


ZDF: Worum geht es im dritten "Stralsund"-Film?


Sven S. Poser: Nina Petersen und Kollegen suchen nach einem Mann, der scheinbar grundlos auf Fahnder geschossen hat. Der Zuschauer weiß schon sehr früh, dass der Unbekannte am Beginn einer Mordserie steht. Beide Parteien, Polizei und Mörder, starten also fast zur selben Zeit. Dadurch entsteht ein regelrechter Wettlauf um das Leben der Personen, die der Täter ins Visier genommen hat.


ZDF: Was ist das verbindende Element für die Filme der "Stralsund"- Reihe?

Martin Eigler
Martin Eigler Quelle: ZDF


Martin Eigler: Die bisherigen Filme sind weniger Krimis, sondern eher Thriller. Allen bisherigen Geschichten ist gemein, dass sie sich innerhalb kurzer Zeit ereignen. Die Zeitspanne, in der "Blutige Fährte" erzählt wird, umfasst etwa 36 Stunden. Dadurch haben wir ein hohes Tempo und einen hohen Druck, der auf den ermittelnden Polizisten lastet, zumal der Verbrecher weiter aktiv ist, das Unheil also weiter seinen Lauf nimmt.Die Hauptaufgabe der Polizei ist es also, das Unheil zu beenden, die nächsten Schritte des Täters heraus zu finden, um diesen zu stoppen. Der Zeitdruck, die Intensität, die sich aus der parallelen Schilderung von Verbrechen und Polizeiarbeit ergibt, erfordert eine andere Dramaturgie als ein klassischer Krimi.



ZDF: Auch einen anderen Umgang mit den Hauptfiguren?


Eigler: Trotz des Zeitdrucks gibt es immer wieder Momente, in denen sich die Entwicklung der Figuren und horizontale Entwicklungen andeuten. Karl Hidde zum Beispiel hat in der vorangegangen Episode bei einem Bombenanschlag ein Bein verloren. Es war uns wichtig, anhand seiner Nöte die mentalen und physischen Erschwernisse zu erzählen, die so eine Behinderung mit sich bringt, wenn eigentlich niemand Rücksicht nehmen kann. Nina Petersen und ihr Kollege Benjamin Lietz sind wieder ein Paar, das seine Beziehung allerdings noch klären muss. Der Druck der Ereignisse führt immer wieder zu Konflikten, ob und wie man Privatleben und beruflichen Alltag auseinander halten kann.


ZDF: Ein anderes Merkmal, das sich durch alle drei Filme durchzieht, sind die extremen Täterfiguren.

Sven S. Poser
Sven S. Poser Quelle: ZDF


Poser: Die Erosion der traditionellen Beziehungs- und Familienmodelle wird seit Jahrzehnten beobachtet. Zum Glück hat die Gesellschaft neue Modelle entwickelt, in denen sich die meisten Menschen aufgehoben fühlen. Trotzdem fallen viele durch die veränderten Raster. Die Folge ist Isolation und Vereinsamung. In den ersten beiden Teilen klang diese Erfahrung nur an.

In "Stralsund - Blutige Fährte" wollten wir einen Täter erzählen, der dieses Ausgeschlossensein ganz besonders stark empfindet. Um ihn herum scheinen alle Menschen zufrieden und in ihr Umfeld eingebunden. Nur er findet keinen Zugang. Das Glücksversprechen der Gesellschaft zählt für ihn nicht. Er fühlt sich betrogen und seine Gefühle verraten. Daraus entwickelt er den Hass und die Energie, sich in Bewegung zu setzen und loszuschlagen. Statt im Stillen zu resignieren, nimmt er Rache. Und weil Rache ein Ziel braucht, erwählt er als Opfer vier Frauen, die er für das Scheitern seines persönlichen Glücksversprechens verantwortlich macht.


ZDF: 2011sorgten monströse Morde weltweit für Schlagzeilen - jeweils verübt von Tätern, die sich lange vorher von ihrem Umfeld abgekoppelt hatten. Poser: Es erscheint in der Rückschau fast logisch, dass sich diese Täter in ihrer Isolierung immer mehr in ihre Gewaltphantasien hineingesteigert haben. Wo es keinen Austausch gibt, kann es auch keine Korrektur der eigenen Irrtümer und Hassbilder geben. Allerdings hat es diesen Tätertypus wohl schon immer gegeben. Neu sind die extreme Brutalität und die breite mediale Aufbereitung.


ZDF: Wie geht es mit der "Stralsund"-Reihe weiter?


Eigler: Im Mittelpunkt von Teil vier steht ein mysteriöser junger Mann aus Litauen, der scheinbar grundlos Tod und Leid über eine Gruppe von Männern bringt, die seit vielen Jahren Hilfslieferungen ins Baltikum fahren. Die Dreharbeiten zu dieser Folge werden Anfang Mai 2012 beginnen.

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