"Wir wollten dem Film einen modernen Look geben"

Interview mit Regisseurin Dagmar Hirtz

Für die Umsetzung der auf wahren Begebenheiten basierenden Geschichte der Hebamme Rosa Koelbl im frühen 19. Jahrhundert konnte die preisgekrönte Regisseurin Dagmar Hirtz gewonnen werden. Bei den Vorbereitungen für den Film stützte sie sich primär auf die Aufzeichnungen der Hebamme Barbara Widenmann, die weitreichende Erfahrungen und Kenntnisse besaß. In Brigitte Hobmeier sah die Regisseurin die Idealbesetzung für die Rolle der Rosa.


ZDF: Fiel es Ihnen als Frau leichter, sich in das Thema des Films hineinzuversetzen?


Dagmar Hirtz: Ja, auf jeden Fall. Denn es ging ja um die Annäherung an die Figur der Hebamme, aber auch um die Zeit, in der die Geschichte spielt, nämlich das frühe 19. Jahrhundert. Wir hatten sehr gutes Material von einer Hebamme, die um 1750 ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aufgezeichnet hat. Das habe ich genau studiert. Beschäftigt habe ich mich auch mit den Erfahrungen von heutigen Hebammen und befreundeten Frauen, die mit Hilfe von Geburtshelferinnen ihre Kinder auf die Welt gebracht haben.


ZDF: Für wen haben Sie den Film gemacht?


Hirtz: Natürlich möchte man immer ein breites, vielschichtiges Publikum ansprechen. Auf dem Münchener Filmfest beispielsweise hatten wir bereits eine große Resonanz. Dort haben unter anderem auch mein 25-jähriger Neffe und ein Freund den Film gesehen. Beide waren sehr angetan, sogar richtig begeistert. Das lässt hoffen, dass wir mit "Die Hebamme" nicht nur Frauen ansprechen, sondern ein möglichst breites, auch männliches Publikum.


ZDF: Wie schwierig war es, die Dorfatmosphäre von 1813 nachzustellen, die Kleidung, die medizinischen Geräte und die gesamte Requisite?



Hirtz: Dafür gab es erfahrene Mitarbeiter: den Ausstatter Rudi Czettel und die Kostümbildnerin Ingrid Leibezeder. Wir haben uns vor allem durch Darstellungen und Bilder aus der Zeit für das Projekt inspirieren lassen. Zusammen mit meinem Kameramann, Jo Heim, wollte ich dem Film einen modernen Look geben, Konzept und Stil sollten nicht historisierend sein. Und ich denke, das ist uns auch gelungen.


ZDF: Wie hoch war der logistische Einsatz für das Projekt?


Hirtz: Der Aufwand war sehr groß. Teile der Sets wurden extra gebaut, wie beispielsweise der Dorfplatz, denn es gab hier nur die Kirche und das Haus des Pfarrers im Hintergrund. Auch andere bereits vorhandene Häuser wurden entsprechend der damaligen Zeit adaptiert. Wir hatten das große Glück, dass wir im Bauernhöfe-Museum Kramsach bei Innsbruck drehen durften, in den Original-Höfen aus verschiedenen Jahrhunderten. Die Authentizität dieser Höfe hat eine großartige Atmosphäre geschaffen - das hätte man mit Nachbauten in einem Studio niemals erreichen können. Die Dreharbeiten waren also mit großem logistischem Aufwand verbunden, da wir an vielen verschiedenen Orten gedreht haben: in den Tiroler Bergen, bei Innsbruck, in Hall, Burghausen und Raitenhaslach in Bayern und an vielen anderen Orten.


ZDF: Die Atmosphäre und vor allem das ernste Thema lassen den Film teilweise recht düster wirken. Mit welchen Effekten und Stilmitteln wurde gearbeitet?



Hirtz: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es natürlich kein elektrisches Licht. Die Lichtquelle in den Bauernhäusern war die Feuerstelle und damit waren Atmosphäre und Stimmung in den Innenräumen vorgegeben. Für die Gebäranstalt hingegen wurde sehr bewusst dieses Motiv mit hellen, weiten Räumen ausgewählt und eingerichtet, sozusagen als Gegenwelt zur dunklen bäuerlichen Welt, um eine positive Atmosphäre für die gebärenden Frauen darzustellen.


ZDF: Das aufwühlende Thema kann für den Zuschauer möglicherweise zu schwer verdaulicher Kost werden. Wie schaffen Sie es, die Zuschauer einerseits nicht zu verschrecken und andererseits zu fesseln?


Hirtz: Das hängt mit der Beschreibung der Figuren und der Führung der Darsteller zusammen und wie sie einerseits kraftvoll, andererseits sensibel, aber auch mit einem gewissen Humor agieren. Über die Figur des Pfarrers kann man durchaus schmunzeln, auch wenn er als Vertreter der Kirche eine harte Entscheidung trifft, durch die die Hebamme letztlich ihre Zulassung verliert. Wenn der Film eine gewisse Härte hat, so ist das in seiner Thematik begründet: die Stellung der Frauen und der Hebammen, die ein enormes Wissen und große Erfahrungen haben, aber über keinerlei Rechte gegenüber der sogenannten Obrigkeit verfügen.


ZDF: Sie haben sich für die bisher vor allem in Theaterkreisen bekannte Brigitte Hobmeier in der Hauptrolle entschieden. Warum gerade sie?



Hirtz: Brigitte Hobmeier ist die einzige und ideale Besetzung für die Hebamme, so wie wir sie uns vorgestellt haben. Einerseits hat sie eine besondere Sensibilität, andererseits auch eine Bodenständigkeit, unglaubliche Kraft und Durchsetzungsfähigkeit. Und sie ist eine hervorragende Schauspielerin, die mir nie das Gefühl vermittelt, dass sie "spielt", sondern sie ist bei sich und zutiefst authentisch. Alle Darsteller haben sich sehr mit ihren Rollen auseinandergesetzt und dadurch viel zur Kraft des Films beigetragen. Als Regisseurin mache ich immer wieder die Erfahrung, dass man von Schauspielern, die ihre Arbeit ernst nehmen, unglaublich viel geschenkt bekommt.

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