"Zwangsarbeit - zur besten Sendezeit?"

Elisabeth Herrmann über die Entwicklung ihres Romans zum Film

"Das Kindermädchen" hat eine erstaunlich lange Vorgeschichte für ein Buch. Sie beginnt 1999. Eigentlich schon viel früher, aber es dauert eben, bis eine moralische Frage den wankelmütigen und vergesslichen deutschen Zeitgeist endlich mal wachrüttelt. In diesem Fall waren es sechzig Jahre. Und die Frage war: Ist man als Erbe eines Vermögens verpflichtet, nach dessen Herkunft zu fragen?

Die Autorin Elisabeth Herrmann
Die Autorin Elisabeth Herrmann Quelle: ZDF

Es ging um die letzten noch lebenden Zwangsarbeiter des Dritten Reichs und eine geringe, fast schon symbolische Wiedergutmachung: fünf Euro Rente im Monat. Sehr junge Mädchen, zu schwach für die Schwerstarbeit auf den Feldern und in den Fabriken, wurden als Kindermädchen in Nazi-Familien geschickt. Viele ältere Menschen erinnerten sich plötzlich: Ja, ich hatte ein Kindermädchen. Aus Polen? Der Ukraine? Was ist aus ihm geworden? Viele taten das nicht.

Geschichten mit vielen Tränen

Ich fuhr nach Kiew und hatte das große Glück, fünf wunderbaren Frauen zu begegnen, die mir ihr Leben erzählten. Es kommt viel Unglück darin vor. Viele Tränen sind noch einmal geflossen. Wir saßen in den ärmlichsten Küchen, die ich je gesehen hatte, aßen Weißkraut und tranken Wodka. Ich hörte zu. Geschichten von Kindern, in Viehwaggons deportiert, zur Arbeit gezwungen, nach Kriegsende gleich weiter in Stalins Gulags geschickt. Auch das überlebt. Um dann, im hohen Alter, zu erfahren, dass man sie verleugnet. Zwangsarbeiter? Doch nicht in unserer Familie! Niemals!

Zähne zusammenbeißen

Ich begann zu schreiben. Jahrelang, mit großen Unterbrechungen. Denn jeder, dem ich diese Geschichte anbot, winkte ab. Manchmal glaubte ich selber nicht mehr daran. Wofür die Nächte um die Ohren hauen, wenn es sowieso keiner will?


Die Zeit verrann. Nichts ist demotivierender als der böse kleine Satz: Interessiert doch keinen. Quotenkiller. Kassengift. Über fünfzig Absagen von Verlagen. Buchmesse, das Script unterm Arm. Vorformulierte Absagen. Bedauerndes Kopfschütteln.

Heute werde ich auf Lesungen manchmal gefragt: Wie wird man Schriftsteller? Wie haben Sie es geschafft, dass ihr Buch veröffentlicht wurde? Ich sage dann: Indem man die Zähne zusammenbeißt und zum einundfünfzigsten Mal zum Briefkasten marschiert. Eines Tages war es soweit. Ich hatte einen Verlag.

Dunkles Kapitel deutscher Geschichte

Das Buch landete auf Platz 1 der KrimiWeltBestenliste, wurde bester deutscher Krimi 2006, und ist über hunderttausendmal verkauft. Soviel zum Thema "Wir wissen, was die Leute wollen". Oder "Kassengift". Es landete auch auf Jutta Liecks und Dietrich Kluges Schreibtisch. Sie sind Produzenten bei Network Movie und das Beste, was diesem Buch passieren konnte. Wie lange haben wir zusammengesessen! Wie viel hat Dietrich Kluge mit mir gearbeitet!

Ich wollte dieses Drehbuch schreiben, und er hat mir, der Anfängerin, diese Chance gegeben. Wir haben fast ein Jahr gebraucht, denn das Thema war, wie man sich denken kann, nicht ganz leicht zu vermitteln. Eine mit leichter Hand geschriebene Geschichte über einen Emporkömmling, der plötzlich in eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte stolpert. Zwangsarbeit - zur besten Sendezeit? Viele Diskussionen, viel Überzeugungsarbeit hinter den Kulissen, von der ich nicht viel mitbekam. Aber Daniel Blum, Redakteur beim ZDF, hat es geschafft.

Ein Traum geht in Erfüllung

Grünes Licht. Dann die Frage: Wer spielt diesen Vernau? Für uns kam nur ein Schauspieler weit und breit in Frage. Hoffen, Zittern, Bangen. Und endlich die erlösende Nachricht: Jan Josef Liefers hat zugesagt. Es ging los. Es ging wirklich los!


Wenn man älter wird, werden die Premieren seltener. Man hat so vieles schon gesehen und erlebt. Doch der Moment, als ich zum ersten Mal an einen Drehort kam, war so eine noch nie gemachte, überwältigende Erfahrung. Da waren sie ja alle! Joachim Vernau, der hochstrebende Anwalt. Utz, der Patriarch. Die Freifrau - gespielt von meiner Königin, Inge Keller. Ich stand stumm in einer Ecke, beobachtete, wie Carlo Rola meinen Papierseiten Leben einhauchte und dachte nur, wow. So fühlt sich das also an, wenn ein großer, heiß ersehnter Traum in Erfüllung geht.

Dank an fünf Frauen

Es gibt ganz zum Schluss eine Szene im Film, wenn der Zug in Kiew auf dem Bahnsteig einfährt. Vor vielen Jahren habe ich selbst dort gestanden und an eine Geschichte gedacht, die erzählt werden muss. Ich wollte sie "Das Kindermädchen" nennen. Sie sollte von einer Elfjährigen handeln, stellvertretend für rund 160 000 Kinder, die ihre Jugend in meinem Land verloren haben und die man sechzig Jahre später noch einmal verraten hat. Ich wollte, wenn sie jemals ein Publikum finden sollte, an die fünf Frauen erinnern, denen ich so viel verdanke: Anastasia Sidorenko, Valentina Sergejewana, Maria Jimilianowa, Hana Bondar, Pelageia Iwanowna.

Spassiba.

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