Zwischen Ruf und Berufung

Der medizinhistorische Hintergrund

Die Geschichte der Hebamme Rosa Koelbl spielt im frühen 19. Jahrhundert, als die politische Situation im nördlichen Tirol äußerst instabil und von Streitigkeiten um Recht, Ordnung und Macht geprägt war. In diese Zeit fällt auch ein neuartiger, medizinhistorisch interessanter Konflikt: Die Schulmedizin übernimmt uraltes Frauenwissen und dringt in den Bereich der bis dato von Hebammen kontrollierten Geburtsbegleitung ein. Mit dem ihr eigenen Forschungsdrang, dem unerschütterlichen Glauben an neue technische Hilfsinstrumente und weitreichenden Änderungen überrollt sie Jahrhunderte altes Hebammen-Wissen und religiöse Ansichten.

Basierend auf wahren Motiven

Nach einer Idee von Monika Bittl erzählt der Autor Peter Probst die Geschichte einer bittersüßen Liebe zwischen einem jungen Arzt, der sich dem wissenschaftlichen Fortschritt verpflichtet fühlt, und einer Hebamme mit großem handwerklichem Geschick und umfassenden Kenntnissen in Kräuterkunde. Diese stellt das von der Kirche auferlegte Frauenbild nicht selten in Frage.


Der Stoff basiert auf wahren Motiven aus dem Leben der Hebammen Barbara Widenmann (*1695) und Katharina Hintermeier, die zwischen 1730 und 1830 in Augsburg und Ingolstadt praktizierten. Die Figur des Antagonisten Gennaro ist angelehnt an den Fall des Arztes Dr. U. aus Ingolstadt, dessen handwerkliches Unvermögen zu einer Reihe von verletzten Gebärenden führte.

Ein weiterer dokumentierter Fall ist die Geschichte des Augsburger Medicus Dr. Daisch, der als "Todesengel" Mitte des 18. Jahrhunderts traurige Berühmtheit erlangte. Die damalige Ärztekammer hatte den Fall untersucht, als bekannt wurde, dass Daisch Frauen zu seinen Forschungszwecken regelrecht massakrierte. Seine "fortschrittlichen" Methoden führten bei 61 Geburten zu 22 toten Müttern und 43 toten Kindern.

Perfektionismus und Glauben

Barbara Widenmann war eine erfahrene Hebamme, die in der freien Reichsstadt Augsburg ab 1729 eine freie Hebammenpraxis führte und dort während 19 Jahren mehr als 1800 Schwangeren bei der Geburt beistand. Sie hatte selbst 15 Kinder und war mit einem Augen-, Schnitt- und Wundarzt verheiratet. Erstaunlicherweise wird sie im "Lexikon der herausragenden Ärzte" namentlich erwähnt, nicht ihr Mann. Ihre Erfahrungen stellte sie in einem Buch zusammen, das von ihrem Perfektionismus, ihren weitreichenden Kenntnissen und ihrem tiefen Glauben zeugt.


Die Schrift "Kurtze jedoch hinlängliche und gründliche Anweisung christlicher Hebammen, wie sie so wohl bey ordentlichen, als allen ausserordentlichen schwehren Geburten denen kreissenden Frauen Hülffe leisten..." erschien 1735 in Augsburg als Sachbuch für Hebammen und Chirurgen. Chirurgen waren damals im Gegensatz zum studierten Medicus mit Lateinkenntnissen eher Handwerker, die eine Meisterprüfung ablegen mussten. Wie die Hebamme gehörten sie zum Heilpersonal auf niederer Stufe.

Ausbildungsstandard für Hebammen

Barbara Widenmann war eine für ihre Zeit fortschrittliche Hebamme. Seit dem 18. Jahrhundert war die Ausbildung der Hebammen staatlich geregelt. Ihr Buch, das ausführliche Anweisungen zu unterschiedlich schwierigen Geburten liefert und dies mit Bildern erklärt, sollte auch einen guten Ausbildungsstandard der Hebammen sicherstellen. Das Besondere an dem Werk ist, dass Widenmann die Handstellungen einer Hebamme bei der Geburt explizit beschreibt und die Benutzung von Stäbchen - die heute nicht mehr in Gebrauch sind! - erläutert.

Taufspritze als wichtigstes Utensil

Ausführlich erklärt sie überdies das Aussehen und den Gebrauch technischer Hilfsinstrumente. Es waren die spezialisierten Wundärzte, sogenannte "Geburtshelfer", die über gute Kenntnisse in der Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers verfügten und neue technische Instrumente in die Geburtsmedizin einführten. Ihre Erfahrungen waren vor allem dort wichtig, wo der "normale" Geburtsvorgang gestört war.


Widenmanns Buch ist auch zu entnehmen, worin die vordringlichste Aufgabe einer Hebamme bestand: die Seele des ungeborenen Kindes sollte durch die Taufe gerettet werden - notfalls auch auf die Gefahr des Todes der Mutter hin - deren Seele durch die Taufe ja bereits gerettet war. Die Hebammenordnung sah vor, dass die Geburtshelferin ehrsam und ihrem Glauben verpflichtet war, den Pfarrer im Notfall informierte und die Taufe ausführte. In jedem Hebammenkoffer fand sich deshalb die Taufspritze als wichtigstes Utensil.

Der aufwühlende Fall der Ingolstädter Hebamme Katharina Hintermeier ist durch ihren regen Briefwechsel mit dem Präsidium des Appellationsgerichts Regensburg dokumentiert. Hintermeier weigerte sich , dem Arzt D. U. ihren Instrumentenkoffer vorzuführen, wie es ihre Pflicht gewesen wäre. Dr. U. hatte sich nach seiner Ankunft in Ingolstadt der Hebamme empfohlen und hoffte darauf, dass sie den Gebärenden den Medicus weiterempfehlen würde. Dies lehnte sie vehement ab, hatte der studierte, arrogante Dr. U. doch bei etlichen Fällen seine Unfähigkeit bewiesen und sich sein schlechter Ruf bereits unter den Frauen verbreitet.

Problematisches Verhältnis

Als Dr. U. zum Landphysikus befördert wird, stellt sich Hintermeier mit ihrer Weigerung, ihren Hebammenkoffer zu zeigen, öffentlich gegen den Arzt. Dafür kommt sie in dreistündigen öffentlichen Arrest, verbüßt eine 14 tägige Gefängnisstrafe und muss 100 Gulden Prozesskosten zahlen. Katharina Hintermeier wehrt sich, denn sie fühlt sich ungerecht behandelt. Ihren Schreiben an das Appellationsgericht Regensburg legt sie Zeugnisse von Privatfamilien bei, die ihre Arbeit als Hebamme loben und das Pfuschwerk des Dr. U. belegen.


Es ist nicht bekannt, ob Hintermeiers Appell Erfolg hatte. An ihrem Fall lässt sich jedoch deutlich ablesen, wie problematisch das Verhältnis der Geburtsmedizin zum Hebammenstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die ärztliche Geburtshilfe bereits etabliert, die Rechte der Hebammen wurden beschnitten. Seither ist das Wissen über natürliche Geburten, das sich Hebammen über Jahrhunderte hinweg erworben und tradiert haben, kleiner geworden. Die damals üblichen "Stäbchen" aus Holz, die statt einer Geburtszange zum Wenden des Kindes genutzt wurden und mit einer festen Schnur verbunden waren, sind heute in Vergessenheit geraten.

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