"Ab der ersten Sekunde dachte ich: 'Perfekt!'"

Interview mit der Schriftstellerin Mari Jungstedt

Die erfolgreiche Krimireihe "Der Kommissar und das Meer" basiert auf den Büchern der schwedischen Schriftstellerin Mari Jungstedt. Im Gespräch erzählt sie, auf welche Kompromisse ein Autor sich bei der Verfilmung seines Werks einlassen muss. Außerdem verrät sie, wie sie selbst mit der filmischen Umsetzung ihres Romans zufrieden ist.

"Der Kommissar und das Meer - Niemand hat Schuld": Robert Anders (Walter Sittler) und Thomas Wittberg (Andy Gätjen) stehen auf einem Steg. Hinter ihnen liegt ein blaues Boot an, weiter hinten steht ein Polizist auf dem Steg im Hintergrund.
Vor der Insel Farö kollidiert auf offener See ein Fischkutter mit einem Motorboot. Ein Unfall? Oder steckt mehr dahinter? Quelle: ZDF


ZDF: Erinnern Sie sich an den ersten Gedanken, den Sie hatten, als Sie Walter Sittler in der Rolle ihres Kommissars im ersten Film gesehen haben?


Mari Jungstedt: Ganz ehrlich, ab der ersten Sekunde dachte ich: "Perfekt!". Man hat ja ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn man schreibt. Ich hatte bei der Arbeit für mein erstes Buch Kontakt zur Polizei auf Gotland aufgenommen. Ich traf den Leiter der Polizeistelle auf der Insel, sprach länger mit ihm, stellte viele Fragen. Diese reale Person hatte ich dann im Kopf, als ich anfing, zu schreiben. Walter entspricht ihm in Alter und Größe, aber das ist gar nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist die Ausstrahlung, die jemand hat. Walter ist ein so fantastischer, sympathischer Mensch!



ZDF: Und erkennen Sie die anderen Figuren Ihrer Bücher auch in den Filmen wieder?


Jungstedt: Ja, einige. Ich hatte zwar im Buch ihr Aussehen etwas anders angelegt, aber Frida Hallgren trifft die Figur der Emma auch sehr gut. Sie verkörpert diese als starke, selbstständige Frau. Auch Sólveig und Andy sind in meinen Augen sehr passend. Entscheidend ist doch: Sind die Filme gut? Stimmt die Atmosphäre? Als Buchautor muss man bei der Verfilmung des Stoffes von seinen eigenen Ideen loslassen können. Buch ist Buch und Film ist Film. Es gibt da einen großen Unterschied in der Erzählweise. Da ich beim schwedischen Fernsehen gearbeitet habe, war mir das auch vollkommen klar, bevor es losging.


ZDF: Sind Sie beim Filmgenre Krimi persönlich mehr interessiert an der klassischen "who done it"-Erzählstruktur wie beispielsweise im Film "An einem einsamen Ort" oder eher an der Beschreibung von Psychogrammen, die der Frage nach dem "Warum" nachgehen - wie bei dem Film "Sommerzeit"?


Jungstedt: Ich bin generell immer eher interessiert an der Frage "warum?". In all meinen Büchern versuche ich zu erklären, warum die Dinge so passiert sind, wie sie sind. Warum sind die Personen so weit gegangen, haben solch ein furchtbares Verbrechen begangen? Warum haben sie einen Menschen getötet? Mich interessiert also am meisten der psychologische Faktor. Wenn ich mir jetzt die beiden Filme "An einem einsamen Ort" und "Sommerzeit" ansehe, dann finde ich, dass "An einem einsamen Ort" eigentlich auch ein Psychogramm liefert. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, aber die Darsteller spielen so eindringlich, sie legen die Psyche der Figuren und die Beziehung untereinander auf eine sehr gekonnte Art und Weise nach und nach offen. Das ist sehr spannend zu sehen. Ich finde den Film gerade deshalb so gut, auch wenn es eher eine "who done it"-Geschichte ist.

"Der Kommissar und das Meer - Für immer Dein": Robert Anders (Walter Sittler) und Emma Winarve (Frida Hallgren) genießen einen gemeinsamen Abend bei Freunden und stoßen mit Rotwein an.
Robert Anders (Walter Sittler) und Emma Winarve (Frida Hallgren).


ZDF: In Ihren Büchern findet sich immer auch eine Betrachtung der gesellschaftlichen Verhältnisse Schwedens. Sie zeigen das System, in dem Opfer und Täter stehen. Oft geht es um die elementaren Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen.


Jungstedt: Ja, das ist richtig. Ich habe folgende Intentionen, wenn ich ein Buch schreibe: Das Buch soll natürlich unterhalten im besten Sinne. Es soll so spannend sein, dass man es nicht mehr aus der Hand legen möchte. Aber es soll auch einen tieferen Sinn bieten. Mehr oder weniger haben alle meine Bücher ein und dasselbe Thema: In welcher Form prägt uns alle unsere Kindheit für den Rest unseres Lebens? Und: Wie verletzlich sind Kinder? Wie abhängig sind Kinder letztlich von ihrer Umgebung, ihren Eltern? Müssen Sie ihren Eltern folgen, auch wenn es schlecht für sie ist, was diese tun? In welcher Art und Weise sind sie ausgeliefert?

Ich selbst hatte keine einfache Kindheit, wurde viel allein gelassen, war auf mich gestellt. Man hat damals nicht mit mir gesprochen, wenn die Erwachsenen untereinander Probleme hatten. Heute sehe ich meine eigenen Kinder, die viele Freunde haben, in deren Elternhäusern aber auch keine Gesprächskultur da ist.


Es hat zwar in Schweden im Umgang mit den Problemen Jugendlicher viele Fortschritte an den Schulen gegeben, zum Beispiel psychologische Hilfe usw., aber es gibt immer noch viele, die ihre Probleme ganz allein bewältigen müssen. Niemand kümmert sich um sie, ihre Schuldgefühle usw. Ich finde es wichtig, das zu thematisieren. Und so bleibt auch die Figur des Kommissar Anders nicht von Familienkonflikten verschont.


ZDF: Erzählen Sie uns eine lustige Geschichte, die Sie mit Deutschen erlebt haben.


Jungstedt: Oh, ich weiß nicht, ob das lustig ist, aber ich war mit 19 Jahren mal in Portugal und habe dort an der Algarve einen unglaublich gut aussehenden, fantastischen deutschen Jungen kennen gelernt. Ich war furchtbar verliebt in ihn. Ich erinnere mich heute noch, dass er besonders attraktiv war! Wir sahen uns ein paar Tage, es passierte aber nichts Ernstes. Danach schrieben wir uns noch ein paar Mal, wie man das halt so macht. Aber, ob Sie es glauben oder nicht, seine Adresse hat sich bei mir eingebrannt. Ich erinnere mich noch heute, fast 30 Jahre später, an seine Adresse, und deshalb habe ich sie dann in einem Buch verwendet: Friedensstraße 7. Das musste dann einfach mal sein.


ZDF: Wieso sprechen die Schweden bei den deutschen Urlaubern von einem "Bullerbü-Syndrom"?


Jungstedt: Die Deutschen haben ein zu romantisches Bild von unserem Land: Natur, die allen gehört, saubere Campingplätze, kleine schnuckelige Holzhäuschen, Astrid Lindgren, ein funktionierendes Sozialsystem. In der Tat sind wir ja nur 9 Millionen Menschen. Das ist wenig, wenn man bedenkt, wie viele in Deutschland auf engerem Raum leben. Wir haben wirklich viel Platz, aber eben auch unsere Probleme. Schweden lernen in der Schule deutsch, aus diesem Grund kennen sie Deutschland vermutlich besser und haben ein realistischeres Bild, als umgekehrt.

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