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Kolyma - Die Straße der Knochen

Dokumentarfilm von Stanislaw Mucha, Deutschland 2017

Kolyma - Die Straße der Knochen

Kolyma, die 2000 Kilometer lange Straße im Nordosten Russlands, heißt auch "Straße der Knochen". Zu Stalins Zeiten starben mehr als drei Millionen Menschen in den umliegenden Gulags.

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Der deutsch-polnische Filmemacher Stanislaw Mucha ("Absolut Warhola") ist entlang der Kolyma von Magadan bis Jakutsk gefahren und hat sich einem bislang wenig beachteten Stück Geschichte und den Menschen, die heute dort leben, behutsam mit der Kamera genähert.

Kolyma ist eine mehr als 2000 Kilometer lange Landstraße, die durch den tiefsten Nordosten Russlands verläuft und in der Stalin-Ära in der Zeit von 1932 bis 1953 entstand. Angesichts beträchtlicher Goldfunde in dieser Region errichtete man entlang der Trasse Hunderte von Arbeitslagern, in die Millionen Menschen, als politische Feinde und Kriminelle deklariert, jahrzehntelang unter schrecklichsten Bedingungen weggesperrt wurden. Mehr als drei Millionen ließen dabei ihr Leben. Für Beerdigungen gab es keine Zeit, die Leichen wurden oftmals nur am Rand der Straße verscharrt, ihre Knochen findet man dort bis heute noch: Es ist der wohl längste Friedhof der Welt.

Kolyma war das Zentrum des sowjetischen Straflagersystems, bekannt als "Gulag", und hat nie eine gründliche Aufarbeitung erfahren. Die geografische Abgelegenheit und der extreme Permafrost haben die Geschichte Kolymas bislang in Eis und Schweigen gehüllt.

Stanislaw Mucha hat mit seinem Team die 2000 Kilometer lange Kolyma durchfahren. Auf der Route der Gefangenen hat er im Land von Gold und Tod nach dem Leben heute gesucht: Kann man dort lieben, lachen oder glücklich sein? Wie erzieht man die Kinder? Wie verdient man Geld, singt oder stirbt? Muchas zahlreiche Begegnungen mit überraschend offenen Menschen und deren persönliche Geschichten lassen ein Bild von Kolyma heute entstehen, das immer noch im Schatten der Vergangenheit steht.

Muchas Reise beginnt in der Hafenstadt Magadan im Osten Sibiriens und endet in der Stadt Jakutsk, die im Winter als kälteste Großstadt der Welt gilt. Entlang der Kolyma-Trasse liegen zahlreiche Ortschaften, die einst von Gulag-Häftlingen erbaut wurden. Heute sind es trostlose, verlassene Dörfer und Städte, in denen man noch immer in den Dauerfrostböden nach Gold gräbt, und in denen die eigentlichen Götter Stalin oder Putin zu sein scheinen.

Der Film beschäftigt sich, aus der Gegenwart heraus erzählt, mit einem bislang wenig beachteten Stück Geschichte: Stanislaw Mucha gelingt es auf feinsinnige Weise, der besonderen Aura, die über dieser Gegend schwebt, erstaunlich nahe zu kommen. Mit seinem Gespür für Situationen, in Beobachtungen und Gesprächen verschafft er einen sympathischen Zugang zu den Menschen, die heute an der Trasse durch die ehemalige Hölle leben. Die eigenartige Ambivalenz, auf die man in Kolyma trifft, entwickelt dabei einen Sog, der den Zuschauer in den Bann zieht.

Interview mit Filmemacher Stanislaw Mucha

Eine grob gebaute, verwitterte, graubraune leere Kinderschaukel auf einem hoch in den Bergen liegenden, verlassenen Gelände. Rundherum kaputte Zäune und Holzlatten verstreut auf dem Boden. Im Hintergrund Berge, Täler und darüber ein wolkenverhangener Himmel. Um die Schaukel gruppieren sich fünf Personen.
"Genau dieses Bild der Schaukel war der Auslöser für unseren Film": Regisseur Stanislaw Mucha (2.v.r.) und sein Filmteam
Quelle: Tag/Traum Filmproduktion

Was war der Anlass deiner Beschäftigung mit der Kolyma? Stimmt es, dass die Geschichte dieser Gegend etwas mit deiner Familiengeschichte zu tun hat?

Auf unserer Kolyma-Reise folgte ich persönlich den Spuren meines Großvaters, der diese Strecke kurz vor Stalins Tod 1953 durchmachte. Er wurde durch die ganze Kolyma-Trasse gejagt, bis zu einem Punkt, wo in einem geheimen Arbeitslager Uran abgebaut wurde und wo er lediglich eine Holzschaukel für das Kind eines Lagerkommandanten bauen sollte, der dort im Haus oberhalb des Lagers zusammen mit seiner Familie lebte. Mein Großvater baute diese Schaukel auch. Und gerade als er damit fertig wurde, starb Stalin. Auf der Kolyma, wie im ganzen russischen Imperium, brach absolutes Chaos aus, und allgemeine Verunsicherung machte sich unter der Bevölkerung breit. Im Zuge dieses Durcheinanders gelang es meinem Opa, aus Kolyma zu fliehen, und eines winterlichen Tages kam er in Turnschuhen aus Sibirien nach Hause zurück. Ich habe diese Schaukel auch gefunden, nur Beweise, dass sie von meinem Großvater ist, gibt es nicht. Aber mir wurde sehr warm ums Herz, zumal auf Kolyma so oft Schaukeln nicht gebaut wurden. Genau dieses Bild der Schaukel war der Auslöser für unseren Film. Mein Großvater sprach oft von seiner kurzen und recht absurden Kolyma-Odyssee. Einer absurden, weil er ja schließlich solch einen langen Weg reisen musste, nur um auf Kolyma zum Glück nur eine banale Kinderschaukel zu bauen. Ich mochte den Gedanken, dass die Ironie des Reisens weiter geht, und wo er seine Schaukel baute, durfte ich jetzt einen Film drehen.

Wie verliefen die Dreharbeiten in dieser abgelegenen Gegend und bei oftmals tiefen Minusgraden rein praktisch?

Wir waren auf Kolyma einen Monat lang im Sommer, einen Monat lang im Winter. Die Dreharbeiten waren ziemlich anstrengend, obwohl wir sehr gut vorbereitet waren. Wir führten etliche Tests in Kältekammern durch, improvisierten, was das Zeug hielt. Das Extremste, was wir erlebt haben, war minus 53 Grad Celsius im Winter und plus 40 Grad im Sommer. Wir mussten in dieser Kälte ganz anders atmen lernen, sonst spuckten wir Blut. Im Sommer machten uns der Staub und die Mücken fertig. Und um unsere Psyche und Moral haben sich die Kolyma-Schamanen wunderbar gekümmert.

Kanntest du einige der Protagonisten, etwa den Major, schon vor den Dreharbeiten oder hast du sie auf den Reisen zufällig getroffen?

Ich kannte den Major von meiner Recherche. Ich wusste auf Anhieb, dass er ein großartiger Protagonist ist. Mit einer unglaublichen Lebensgeschichte und ein zerrissener Soldat dazu. Nun habe ich ihn aber im Buch verheimlicht, weil ich Angst hatte, dass mir ihn jemand verschreckt. Der Text landet ja in vielen Händen, bevor die Finanzierung dann steht. So hatte ich Angst, dass sich jemand auf die Reise macht und den Major interviewt, weil er eine für die russische Regierung recht unbequeme Haltung hat. Ich habe noch nie zuvor einen Russen gesehen, dazu einen Offizier, der sagt, dass er sich für seine Heimat schämt, und vor der Kamera bedauert, was auf Kolyma geschah. Der Major ist mein Lieblingsprotagonist. Ihm zu begegnen war sehr bereichernd für uns alle, die dabei waren. Und für die Zuschauer wird das ganz bestimmt nicht anders sein.

Der Film folgt im Prinzip der Strecke durch die Kolyma, aber manche der Protagonisten tauchen über den ganzen Film hin immer wieder als Gesprächspartner auf. Wie war dein Montagekonzept, um der Fülle an Aspekten und Begegnungen gerecht zu werden?

Erstens leben dort heute entlang der Straße nicht arg viele Menschen. Zweitens viele haben nur Gold und Diamanten im Kopf und verdrängen den Ort, um dort überhaupt arbeiten zu können. Die Menschen, die wir vor die Kamera bekamen, machen allesamt einen ziemlich geschädigten Eindruck. Sie sind erstaunlich offen in ihrem kaputten Dasein. Der Schaden kommt natürlich von dem Ort und der Erinnerung, was dort geschah. Ich wollte unbedingt einen emotionalen Zugang zu unseren Protagonisten vermitteln und diesen schafft man, wenn man zu ihnen im Film öfters wiederkehrt. So haben wir zwei Stränge der Reise: den äußeren, physischen von A nach B, die Fahrt vom Anfang bis zum Endpunkt der Trasse. Und wir haben das Wiederkehren zu Menschen, denen wir begegnet sind, was eine innere Reise darstellt. Und was ziemlich genau dem Gefühl entspricht, wenn man dort unterwegs ist. Man trifft sich eben erstaunlich oft, obwohl kein Handy funktioniert, und man kann sich nicht einfach verabreden. In der Montage ging es vorrangig darum, lieber wenige Begegnungen zu zeigen, dafür aber öfter unsere Protagonisten zu Wort kommen zu lassen.

Wie ist der Film, der auf Festivals und im Kino gezeigt wurde, bisher aufgenommen worden?

Der Film lief ziemlich gut, die Zuschauer lobten immer wieder, dass man in dem Film auch lachen oder schmunzeln kann. Sonst wäre das Ganze wahrscheinlich nicht zu ertragen. Diese Leichtigkeit war mein oberstes Ziel von Anfang an. Und von allen Zuschauern waren mir die Russen am spannendsten. Kolyma ist eine offene Wunde in Russland, eine recht schizophrene, weil auch jede russische Familie Kolyma-Opfer zu beklagen hat, und deshalb kamen die Russen fast immer inkognito in die Vorführungen. Mit großer Angst im Gesicht. Sie haben einen Rachefilm erwartet, sagten sie danach. Und ausnahmslos haben sie sich dann in den Diskussionen geoutet und waren dankbar für die Herangehensweise. Manche sprachen sogar davon, dass sie sich das erste Mal nicht schämen mussten. Erstaunlich war auch, dass in jeder Vorführung jemand aus Deutschland war, der etwas mit Kolyma zu tun hat. Ich erinnere mich an einen Mann, der nie zuvor im Kino war, geschweige in einem Dokumentarfilm. Weil er aber gegenüber dem Kino wohnt, hat er das Wort "Kolyma" auf dem Plakat gesehen und kam deshalb in die Vorführung. In der Diskussion erzählte er ziemlich emotional, dass er auf Kolyma als Sohn eines deutschen Kriegsgefangenen geboren wurde und die ersten zehn Jahre seines Lebens dort verbrachte. Im Film erkannte er sogar die Lagersiedlung, wo er einmal war.

Interview: Udo Bremer, Filmredaktion 3sat

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