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Plötzlich ist die Welt ganz klein

Dokumentarfilm von Maja Classen, Deutschland 2016

Leben auf der Frühchen-Station: Autorin Maja Classen kehrt mit der Kamera zurück in die Klinik, in der sie vier Jahre zuvor selbst Mutter von frühgeborenen Zwillingen wurde. Hautnah begleitet sie drei Familien durch die ersten Lebenswochen ihrer Babys.

Beitragslänge:
81 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.11.2020

Die Frühgeburt erwischt die meisten Familien eiskalt. Aus großer Vorfreude wird große Angst. Und dann wird die Welt plötzlich ganz klein. Schläuche und Gepiepse. Alles dreht sich um den Winzling im Inkubator. Es ist eine Gratwanderung zwischen Leben und Überleben.

Das St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof ist eines der wenigen Krankenhäuser Deutschlands, das es den Eltern ermöglicht, auf der Intensivstation zu wohnen und in speziellen Familienzimmern ihre Babys rund um die Uhr zu begleiten. Inmitten der hochtechnisierten Apparatemedizin sind die ersten "Rooming-in"-Nächte ein Horror für Mütter und Väter: Dauernd schlägt der EKG-Alarm, geschlafen wird kaum, offene Türen, keine Privatsphäre. Nur langsam wachsen die Familien in ihre neuen Rollen hinein. Muttermilch abpumpen, Füttern per Magensonde, erste Stillversuche, Waschen, Wickeln, Visite - für Kinder und Eltern gilt es, überleben zu lernen. Auch wenn die kleinen Herzen vergessen zu schlagen. Und trotzdem zu kuscheln und eine emotionale Bindung aufzubauen.

Grenzsituationen menschlichen Lebens

Ohne Kommentar fängt die Autorin mit ihrer sensiblen Kameraführung und teilnehmenden Beobachtung das Geschehen ein. Als "Ein-Frau-Team" filmt sie ausschließlich aus den Perspektiven der Eltern oder der Babys, wodurch sie eine große Nähe zu den Protagonisten herstellt. Maja Classens Erzählweise vermittelt atmosphärisch dichte Impressionen vom Alltag auf der Frühgeborenen-Station und beschreibt zugleich auf einer abstrakten Ebene das surreale Gefühl in Grenzsituationen menschlichen Lebens. Der Fokus liegt nicht auf dem Spektakulären der Frühgeburt, sondern auf dem Wunder des Lebens an sich, das auch in einem hochtechnisierten Umfeld eine grundlegende menschliche Erfahrung bleibt, die tiefer geht als alles.

Frühgeborenes im Inkubator wird mit blauem Licht der Fototherapie behandelt und gleichzeitig von einer Krankenschwester per Magensonde mit Muttermilch ernährt.
Frühgeborene leiden häufig unter Neugeborenengelbsucht, die dann per Fototherapie mit kurzwelligem blauem Licht behandelt wird.
Quelle: ZDF/Maja Classen

In Deutschland kommen jährlich rund 63 000 Frühgeborene zur Welt. Auch die Zahl der "Hochrisiko-Kinder" unter 1500 Gramm wächst rasant. Die Gründe für den Zuwachs liegen im medizinischen Fortschritt. Durch künstliche Befruchtung kommen häufiger Mehrlingsschwangerschaften zustande, das Alter der Schwangeren wird höher. Das St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof hat die höchste Geburtenrate Deutschlands und erhielt als weltweit erste Kinderklinik das WHO-Zertifikat "babyfreundlich". Das Konzept vom Rooming-in beruht auf dem Grundsatz, Eltern und ihre Babys nicht zu trennen, um von Anfang an die Bindung zu fördern.

Rooming-in wird schon seit Jahren auf normalen Wochenbettstationen praktiziert, ist aber auf Frühgeborenen-Stationen noch großes Neuland. Denn diese Abteilungen sind Intensivstationen mit hohen Hygienestandards und intensivmedizinischen Geräten. Deshalb sehen die meisten Neonatologien noch immer aus wie Technikzentren, in denen die Inkubatoren aufgereiht stehen und die Babys in erster Linie vom medizinischen Personal versorgt werden. Der Kontakt zu den Eltern beschränkt sich auf die Besuchszeiten.

Zwischen Euphorie und Todesangst

Der neue Ansatz bringt aber nicht nur Vorteile, sondern bedeutet sowohl für die Eltern wie auch für das medizinische Personal hohe Anforderungen und reichlich Konfliktpotenzial. Die Eltern befinden sich quasi dauernd im Ausnahmezustand, zwischen Euphorie und Todesangst, während die Schwestern und Ärzte neben ihrem übervollen Pensum an medizinischer Betreuung auch noch Zeit und Kraft für die emotionale Betreuung der Familien aufbringen müssen.

Maja Classen: "Im Oktober 2011 musste ich plötzlich ins Krankenhaus. Ich war in der 27. Woche schwanger mit Zwillingen, und es ging mir sehr schlecht. Eine Woche später wurden meine Babys per Kaiserschnitt geboren. Sie mussten noch acht Wochen auf der Neonatologie des St.-Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof behandelt werden, und ich durfte die ganze Zeit an ihrer Seite bleiben. Es war die existenziellste Erfahrung meines Lebens. Erst später erfuhr ich, dass das hier praktizierte Konzept des 'Rooming-in' bis heute die absolute Ausnahme in Deutschland darstellt. In den meisten Frühgeborenen-Stationen werden die Babys von Ärzten und Pflegenden versorgt, die Eltern besuchen ihre Kinder nur stundenweise tagsüber. Der Umstand, dass Neugeborene monatelang von ihren Eltern getrennt werden, schockierte mich zutiefst. Deshalb möchte ich mich dafür einsetzen, dass in Zukunft jede Familie mit Frühgeborenen diese Möglichkeit erhält und mit meinem Film ein Plädoyer für eine menschliche Frühgeborenen-Medizin halten."

Maja Classen, geboren in Heidelberg, aufgewachsen in Hamburg, lebt als freie Regisseurin und Autorin in Berlin.

Interview mit Filmemacherin Maja Classen

Was hat Sie dazu bewogen, einen Film über Frühgeborene zu machen?

2011 wurde ich selbst Mutter von frühgeborenen Zwillingen. Es war für mich eine der existenziellsten Erfahrungen meines Lebens, die mit sehr viel Angst verbunden war, dann aber insgesamt sehr positiv verlief. Wir hatten das große Glück, auf der Frühgeborenen-Intensivstation des St.-Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof zu landen - mit ihrem baby-freundlichen Konzept. Als ich erfuhr, dass es in deutschen Neonatologie-Abteilungen noch lange kein Standard ist, dass Eltern im Rooming-in rund um die Uhr an der Seite ihrer frühgeborenen Babys sein können, wusste ich sofort, dass ich etwas über dieses Konzept machen wollte. Zuerst dachte ich aber an ein Radiofeature, weil ich die Situation als zu fragil empfand, um sie durch ein Kamerateam zu stören.

Wie verlief die Recherche zu dem Filmthema?

Ein Großteil der Recherche bestand in meiner persönlichen Erfahrung, die mir nicht nur einen tiefen Einblick in die Thematik, sondern auch einen Vertrauensvorschuss beim Klinikpersonal und bei den Protagonisten verschaffte. 2013 hatte ich bereits einige Wochen mit einem Rekorder O-Töne auf der Station gesammelt und ein 50-minütiges Radiofeature für den Deutschlandfunk erstellt. Produzentin Katharina Herrmann hatte das Feature gehört und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, einen Film zu dem Thema zu machen. Gemeinsam entwickelten wir das Drehkonzept, in dem ich als Ein-Frau-Team arbeiten wollte, so wenig invasiv wie möglich. Das war dann die Bedingung, unter der das Krankenhaus in den Dreh einwilligte. Dieser persönliche Autorenzugang war es auch, der die Dokumentarfilmredaktion von 3sat überzeugte.

War es schwer, Protagonistinnen zu finden, die bereit waren, in Ihrem Film mitzuwirken?

Es war sehr schwer, passende Protagonisten zu finden. Niemand plant eine Frühgeburt, sie kommt plötzlich und unerwartet und löst große Ängste aus. Wenn eine Mutter mit Frühgeburtsbestrebungen ins Krankenhaus kommt, ist sie mit allem möglichen beschäftigt, aber nicht damit, sich filmen zu lassen. Diese Schwierigkeit war uns von Anfang an bewusst. Dennoch war es mir wichtig, diesen Moment vor der Entbindung und auch die Entbindung selbst in den Film einzubeziehen. So planten wir für die Suche nach den Protagonisten sehr viel Zeit ein. Erst nachdem ich vier Wochen lang jeden Tag mit der Kamera im Gepäck in der Klinik war und etliche Vorgespräche geführt hatte, war die erste Familie gefunden. Und dann war bei der Drillingsmutter Aysun die Anspannung vor der Entbindung so groß, dass ich die Kaiserschnitt-Geburt ihrer drei Babys zunächst nur unter Vorbehalt drehen durfte.

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten in den oft sehr intimen Situationen mit den Eltern und unter den extremen Bedingungen des Klinik-Alltags?

Nachdem die Protagonisten erstmal gefunden und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen uns entstanden war, ging es ganz gut. Dadurch, dass ich das alles kannte, war ich sehr vorsichtig. Ich besuchte die Familien der Protagonisten auch oft, ohne dabei zu filmen. Wenn sie sich gerade nicht danach fühlten, ließ ich die Kamera aus. Dann haben wir einfach geredet und ich konnte ihnen durch meine persönliche Erfahrung Mut machen. Mir war klar, dass ich bildlich nicht alles würde einfangen können, was man sich für einen Film gewünscht hätte. Der Schutzraum der Familie stand für mich immer an erster Stelle. Aber es gab auch Situationen, in denen ich meinen Dreh wirklich unterbrechen musste, weil die akute Sorge um das Baby so groß war, dass die Familie nicht in der Lage war, vor die Kamera zu treten.

War es für Sie ausgeschlossen, das Versterben eines Babys im Film zu zeigen?

Nein, der Tod schwingt als Möglichkeit immer mit und ist für mich kein Tabu, auch nicht im Film. Glücklicherweise versterben heutzutage nur noch wenige Babys bei der Geburt. Für mich war es offen, ob das Thema direkt oder indirekt in den Film finden würde. Das Leben von Aysuns kleinstem Drilling Elif hing anfangs am seidenen Faden, dies wird thematisiert. Und Steffen erzählt im Interview, wie er eines Nachts das Sterben eines Babys auf der Station mitbekommt. Ich glaube, dass der Film diesen Aspekt schon braucht, um realistisch zu sein.

Was wollten Sie in Ihrem Film zeigen?

Frau in Porträtaufnahme
Maja Classen
Quelle: Berlin-av

Mir geht es darum, mit dem Film zu zeigen, wie wichtig es für Familien frühgeborener Babys ist, von Anfang an zusammenzubleiben und eine emotionale Bindung aufzubauen. Das ist für mich nicht verhandelbar, weil sich die psychische und physische Gesundheit eines Menschen aus einer stabilen Beziehung entwickeln muss. Gerade die ersten Wochen und Monate im Leben eines Menschen sind hier von zentraler Bedeutung. Aber das aus Schweden stammende Konzept des Rooming-in ist in Frühgeborenen-Intensivstationen in Deutschland noch nicht weit verbreitet. Es gibt nur wenige deutsche Kliniken, die es geschafft haben, das umzusetzen. Der Standard ist aber immer noch eine Neonatologie, in der die Babys hauptsächlich vom Klinikpersonal versorgt werden und die Eltern nur zu Besuch kommen dürfen. Dies hat häufig Bindungsstörungen zur Folge, die ein ganzes Leben lang nachwirken können.

Ich wollte mit meinem Film zeigen, wie wichtig diese Bindung direkt nach der Geburt ist. Aber ich wollte keine wertende Gegenüberstellung von unterschiedlichen Konzepten machen, wie man sie vielleicht in einem journalistischen Magazin zu diesem Thema erwartet hätte, keine Blaulichtreportage oder Medizindokumentation, in denen wissenschaftliche oder ethische Fragen im Vordergrund stehen. Mir ging es um die universelle Erfahrung des Elternwerdens, die ich in dieser Grenzsituation als so tiefgreifend und schützenswert empfunden habe. Und so verstehe ich meinen Film auch als ein ganz persönliches Plädoyer für eine humane Frühgeborenen-Medizin.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film? Haben die Mütter und Väter der frühgeborenen Babys und die Ärzte und das Pflegepersonal den Film schon gesehen?

Wir haben den Film den Familien gezeigt. Es war uns wichtig, dass sie sich respektiert fühlten und mit allen Aufnahmen einverstanden waren. Es gab von keiner Seite einen Einwand. Alle mochten den Film und waren sehr berührt davon, diese intime existenzielle Erfahrung in dem Film festgehalten zu sehen. Bei der Premiere beim Achtung-Berlin-Festival waren einige Vertreter des St.-Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof anwesend. Sie waren sehr begeistert und meinten, der Film werde helfen, ihr Konzept bekannter zu machen, so dass sich hoffentlich weltweit immer mehr Kliniken trauen, Rooming-in auch in der Frühgeborenen-Station umzusetzen.

Interview: Margrit Schreiber, 08.05.2017

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