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Wikipedia – Die Schwarmoffensive

Dokumentarfilm von Maria Teresa Curzio, Deutschland 2021

Wikipedia, 2001 gegründet, soll Wissen von allen für alle bereitstellen und wird als Online-Nachschlagewerk Nummer eins genutzt. Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme.

88 min
88 min
09.09.2021
09.09.2021
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.03.2022, in Deutschland, Österreich, Schweiz

Der Film greift zentrale Fragen rund um das Phänomen Wikipedia durch Begegnungen mit Protagonist*innen auf, die sich aus unterschiedlichen Motiven im Wikipedia-Kosmos engagieren oder ihm kritisch gegenüberstehen.

2001 von dem Amerikaner Jimmy Wales zusammen mit Freunden gestartet, hat Wikipedia das Prinzip der Autorenschaft revolutioniert. Jeder Artikel in Wikipedia wird von einem Autor (m/w/d) angelegt und von Hunderten anderer aus der ganzen Welt weiterentwickelt und fortgesetzt, korrigiert, kritisiert, teilweise gelöscht, komplett gelöscht und wieder neu geschrieben. Niemand wird vorher auf seine Qualifikation "geprüft". Allerdings gibt es Standards, die eingehalten werden müssen. Und es gibt von der Wikimedia Foundation eingesetzte Administrator*innen und Stewards mit Eingriffsmöglichkeiten, falls diese Standards verletzt werden.

Die Regisseurin Maria Teresa Curzio erklärt in ihrem Dokumentarfilm durch Gespräche mit Autor*innen und Wikipedia-Aktivist*innen wie Elke Koepping, Georg Hilt, Martin Rulsch und Peter Wuttke die Möglichkeiten und Grenzen von Wikipedia-Autor*innen und geht beispielhaft auf "Editierkriege" ein. Außerdem beleuchtet sie mit dem Philosophen Thomas Metzinger und dem Wikipedia-Insider Pavel Richter auch kritisch, wie relevant die in Wikipedia eingestellten Inhalte in Bezug auf gesellschaftliche und menschliche Themen tatsächlich sind. Es ist bekannt, dass nur ein geringer Anteil der Wikipedia-Nutzer*innen auch Autor*innen sind und dass davon 85 Prozent weiß und männlich sind und in Ländern der westlichen Welt leben. Florence Devouard, seit Langem in der Wikipedia Foundation aktiv, hat mehrere Projekte initiiert, um Frauen zu unterstützen, selbst für die Wikipedia zu schreiben. Darunter auch eines in Afrika.

Einen weiteren blinden Fleck der Wikipedia beleuchtet Curzio, indem sie den Peruaner Elwin Huaman begleitet, der eine Wikipedia-Version für seine indigene Gemeinschaft der Quechua bereitstellen will und auf Grenzen des Modells der Enzyklopädie stößt, dem die Wikipedia verpflichtet ist, aber einer Kultur oraler Wissensvermittlung nicht entspricht. Er will sich daher eines Bots bedienen, den der schwedische Programmierer Sverker Johansson für eine indigene Sprache auf den Philippinen entwickelt hat. Aber werden Bot-generierte Artikel von der Wikipedia-Gemeinschaft akzeptiert, und erfüllen sie die Standards? Diese Frage führt zu einer noch weitreichenderen: Wie wird Wissen in Zukunft überhaupt bereitgestellt? So gibt der Film auch Ausblicke auf die Themen des Zusammenspiels von Suchmaschinen und Wikidata - einer angestrebten abstrakten, das heißt, von natürlichen Sprachen unabhängigen Wikipedia - sowie von Chancen und Risiken einer personalisierten Wikipedia.

Die Dokumentarfilmerin und Drehbuchautorin Maria Teresa Curzio stammt aus Uruguay und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Zu ihrem Film "Wikipedia - Die Schwarmoffensive" schreibt sie: "Themen wie Wissen und authentische Information werden oft unterschätzt und manchmal erst wahrgenommen, wenn sie fehlen. Sie sind aber für eine funktionierende Demokratie ungeheuer wichtig. Ich bin in Uruguay während der Militärdiktatur aufgewachsen – unser Wissen wurde zensiert, kontrolliert und abweichende Meinungen unterdrückt. Freies Wissen war buchstäblich gefährlich. Das Nicht-wissen-können, aber auch das Nicht-wissen-wollen waren wichtige Säulen für den Machterhalt der Diktatur. Trotz aller problematischen Facetten steht Wikipedia für eine Idee, die mich bewegt: Wissen soll für alle verfügbar sein, und es soll sich ändern dürfen. In unserem Zusammenhang heißt das: Wie hat sich die Welt des Wissens von einem exklusiven Reservoir für nur wenige Herrschende zu einem wachsenden demokratischen Instrument für alle verändert? Wie kann sich die Gesellschaft mittels technologischer Fortschritte in Umgang mit Wissen weiterentwickeln? Und welche Gefahren stehen dahinter?"

nterview mit Filmemacherin Maria Teresa Curzio

Die Wikipedia - das ist ein großes Thema. Was war der Ausgangspunkt für das Filmprojekt?

Der Ausgangspunkt war meine Faszination für eine der letzten "Wildwiesen" im Internet. Meine ersten Filmideen gehen auf das Jahr 2012 zurück, und das Projekt begann mit einem kurzen Text, in dem ich versuchte, das Phänomen Wikipedia bildlich zu erklären, indem ich sie mit einer Arche Noah verglich, an der noch gebaut wird, während die Tiere schon an Bord kommen, sich gleichzeitig Verschwörer einschleichen, die das Schiff beschädigen und das Unternehmen verhindern wollen und die Besatzung selbst sich über vieles nicht einer Meinung ist. Wikipedia ist eine übriggebliebene Utopie aus den Anfangstagen des Internets, von der die Wikipedianer anfangs selbstironisch behaupteten, dass sie nur in der Praxis funktioniert, aber eben nicht in der Theorie. Das haben sie in den vergangenen Jahren eindrucksvoll widerlegt.

Die Dreharbeiten wurden, wie Du im Film thematisierst, durch die Corona-Beschränkungen erschwert. Wie hast Du Dir die Teams zusammengestellt, die für Dich an den internationalen Drehorten gearbeitet haben, und wie konntest Du diese Dreharbeiten beeinflussen oder steuern?

Maria Teresa Curzio trägt eine weiße Bluse mit bunten Punkten und steht im Gang eines Büchermagazins mit mehreren Regalreihen.
Regisseurin Maria Teresa Curzio in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz‎
Quelle: Marcus Lenz

Ich arbeite seit vielen Jahren mit einem großen, internationalen Netzwerk und hatte gleich zu Beginn der Pandemie eine Filmreihe für den KiKa realisiert, für die ich aufgrund der Umstände auf kreatives Personal in aller Welt zurückgreifen musste. Meine Hoffnung, für diesen Film wieder selbst reisen zu können, zerstreuten sich leider wegen des Lockdowns nach den ersten Drehs in Österreich und Schweden. Zusammen mit meinen Produzenten stellte ich für die folgenden Drehs in Frankreich, USA, Kamerun, den Philippinen und Peru Teams vor Ort auf, die von mir mit Drehplänen, Interviewfragen bis hin zu den Kameraeinstellungen sehr detailliert instruiert wurden. In Zoom-Briefings sind wir alle Einzelheiten für die Drehs intensiv durchgegangen. Sofern die Internet-Verbindungen gut waren, konnte ich über WhatsApp live dabei sein und die Interviews selbst führen. In Europa konnte ich aufgrund der zeitweise gelockerten Einreisebestimmungen selbst drehen. Das Verfahren war mitunter zeitraubend und mühsam, und auch die unterschiedliche, vor Ort in Kamerun oder auf den Philippinen verfügbare technische Ausstattung stellte uns vor Probleme, die aber alle mit den wunderbaren Akteuren und Teams vor Ort gelöst werden konnten.

Eine Stärke des Films ist, dass Du Wikipedianer nicht nur hast interviewen, sondern sie bei ihrer Mission hast begleiten können. War das Teil des Konzepts oder entstand das bei den Dreharbeiten?

Die Nähe zu den Protagonisten und die filmische Begleitung ihrer Arbeit war von Anfang an Teil des Konzepts, um das Prozesshafte der Wikipedia zeigen zu können. Ein Problem war, die Wikipedianer vor die Kamera zu locken, denn den meisten geht es nicht ums Rampenlicht, sondern darum, in Ruhe und ungestört ihrer ehrenamtlichen Arbeit für die Wissensplattform nachzugehen. Viele arbeiten deshalb auch mit Pseudonymen, um - insbesondere bei umstrittenen Themen - nicht den Angriffen anderer ausgesetzt zu sein.

Wie bist Du bei der Montage vorgegangen, um Sachinformationen und Protagonistengeschichten zu verknüpfen?

Der Film ist so konzipiert, dass jeder meiner Protagonisten für eine konkrete Sachfrage innerhalb des Films steht. Daraus ergibt sich, im Zusammenhang mit den Experten, eine sich aufbauende Struktur, die nach und nach Sachfragen klärt und den Zuschauer parallel zu den für Wikipedia wichtigen Zukunftsfragen führt. Darüber hinaus habe ich versucht, mich in den Zuschauer hinein zu versetzen: Was kann ich an Wissen über die Wikipedia voraussetzen, was möchte er möglicherweise wissen und welche Zusammenhänge benötigen eine detailliertere Form der Erzählung, zum Beispiel anhand von Animation und Soundeffekten.

Hast Du, nach allen Recherchen, eher mehr Vertrauen in die auf Wikipedia gebotenen Informationen oder ist Dein Misstrauen gewachsen?

Gewachsen ist die Klarheit, dass die Wikipedia eine erste Rampe, ein Startpunkt ist. Weitergehende Recherchen kann sie nicht ersetzen. Sie ist Ort der Anregung, um sich weiter zu entwickeln und den kritischen Umgang mit Information zu schärfen. Darin hat sie mein volles Vertrauen. Ich habe auch erfahren, wieviel Arbeit und Engagement hinter der Wikipedia stecken, und dass die Wikipedia nichts anderes als ein Abbild der realen Welt ist. Nur rund 100.000 aktive Autoren bestimmen, was potenzielle vier Milliarden Internetnutzer weltweit zu den unterschiedlichsten Sachverhalten lesen können. Frauen sind mit 10 Prozent der Autoren völlig unterrepräsentiert, aber die Wikipedia kann nur so gut sein, wie die Vielfalt ihrer Autoren. Aber es braucht MitstreiterInnen weltweit, um diese Qualität auf Dauer aufrecht zu erhalten. Ich habe gelernt, dass es mit der Wikipedia ähnlich ist wie mit der Demokratie. Wenn keiner sich mehr dafür einsetzt, kann es ganz schnell schwierig werden.

Interview: Udo Bremer

scobel - scobel – Aufklärung neu denken! 

Der Zugang zum Wissen war nie so breitgefächert wie in der heutigen Informationsgesellschaft. Warum treffen wir keine besseren Entscheidungen? Wo liegen die Grenzen der Aufklärung?

Videolänge
59 min · Wissen
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