"Angst ist ein überlebenswichtiges Gefühl"

Interview mit Dr. med. Meinolf Leuchtmann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Köln

Angst hat an sich die Aufgabe, uns zu schützen. Eleonore aber wird von einer Angst getrieben, die sie komplett lähmt. Dr. med. Meinolf Leuchtmann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Köln, erklärt im Interview, worin sich eine "krankhafte" Angst von einer gesunden Angst unterscheidet.

Eleonore (Jutta Speidel)
Eleonore (Jutta Speidel) Quelle: Peter Evers

ZDF: Unter welcher Krankheit leidet Eleonore?

Dr. med. Meinolf Leuchtmann: Bei Eleonore liegt eine generalisierte Angststörung vor, die sich neben dem krankhaften Angstgefühl in übertriebener Nervosität, Reizbarkeit, innerer Unruhe, Schreckhaftigkeit und Zurückgezogenheit äußert. Angst an sich ist ein überlebenswichtiges Gefühl, das die Aufgabe hat, uns zu schützen. Eleonore aber hat Angst ohne ersichtbare, ohne erkennbare Ursachen.

Sie wird getrieben von einer größtenteils ungerichteten Angst, die für Gesunde nicht fühlbar und damit nicht nachvollziehbar ist, einer Angst, die in keinem direkten Zusammenhang mit einem Bedrohungserleben steht, wie etwa vor einem gefährlichen Hund oder vor schweren Prüfungen. Diese Angststörung ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar, da ja objektiv keine erkennbare Bedrohung vorliegt. Eleonores Angst ist anhaltend frei "flottierend", wie wir sagen, sie lähmt sie bis in alle Bereiche ihres Lebens.

ZDF: Verkörpert Jutta Speidel die Rolle glaubwürdig, werden vor allem die Momente der Angst glaubwürdig erzählt?

Leuchtmann: Absolut! Eleonore ist nicht beziehungsfähig, sie verlässt ihre Wohnung nicht, sie isst Knäckebrot, weil sie Angst vor irgendwelchen Keimen hat, ihren Besuchern zieht sie Plastikhandschuhe über - Eleonore hat sich in eine überschaubare, isolierte Welt zurückgezogen, sie hat sich ein Minirefugium geschaffen.

ZDF: Aber dennoch gelingt es ihr, aus diesem auszubrechen und nach Südafrika zu fliegen.

Leuchtmann: Eine richtige Katastrophe - der drohende Tod des Bruders - zwingt sie, ihr sicheres Nest zu verlassen. Das ist ein großer Schritt. Das gelingt vielen Menschen mit Angststörungen nicht. Aber sie schafft es im Verlauf der Geschichte noch einige Male, mit ihren Ängsten zurechtzukommen. Etwa, wenn sie im Auto sitzt und nicht raus kann und das auch noch mit einem Hund und dem fremden Kind!

In dieser für sie bedrohlichen Situation verliert sie aber allmählich ihre Angst, was beweist, dass Angst auf einer chemischen Reaktion im Hirn beruht, die nach einer gewissen Zeit erschöpft ist. Der akute Moment dieser Angst ist für die Betroffenen - in diesem Fall für Eleonore - eine schmerzliche, bittere Erfahrung. Aber die Angst geht vorbei, das Lähmende verfliegt, und der Betroffene sieht, dass sich die äußere Situation nicht verändert hat. In der Psychotherapie würde man das Expositions- oder Konfrontationsübung nennen.

ZDF: Wie viele Menschen in Deutschland sind von dieser generellen Angststörung betroffen, und was kann man dagegen tun?

Leuchtmann: Acht Prozent aller Patienten in den Allgemeinarztpraxen sind davon betroffen. Das ist nicht wenig! Manche muss man medikamentös behandeln, in den meisten Fällen aber hilft die Verhaltenstherapie. Wir führen diese Menschen im Gespräch und mit abgestuften Übungen behutsam an die Situationen heran, vor denen sie sich ängstigen. Früher setzte man sie den Situationen manchmal direkt aus. Von dieser Praxis sieht man aber heute ab.

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