"Das ist nicht nur ein Beruf, sondern Berufung"

Interview mit der Dorfhelferin Johanna Hell aus Bad Aibling

Das ZDF zeigt im Sonntagsfilm "Für immer Frühling" die Geschichte einer landwirtschaftlichen Familie, die vom Schicksal heimgesucht wird. Unterstützung erhält sie durch eine Dorfhelferin. Dieser Beruf ist keine Fiktion, sondern existiert wirklich. Die wahre Dorfhelferin Johanna Hell aus Bayern erzählt im Interview, worauf es in diesem Berufsfeld besonders ankommt.


ZDF: Was ist eine Dorfhelferinnen-Station?


Johanna Hell: Pro Landkreis in Bayern gibt es eine Dorfhelferinnen-Station. Das ist eine Einrichtung, die landesweit organisiert ist. Familien, die Hilfe nötig haben, rufen dort an. Die Einsatzleitung, die dort ehrenamtlich arbeitet, verteilt die einzelnen Helferinnen im Landkreis.


ZDF: Wie erfahren Familien von dieser Möglichkeit der Unterstützung?


Johanna Hell: In den ländlichen Gegenden sind Dorfhelferinnen sehr bekannt. Über Mundpropaganda spricht sich das schnell rum. Übrigens gibt es auch Dorfhelferinnen in Baden-Württemberg und in Niedersachsen.


ZDF: Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?


Johanna Hell: Meistens beginnt er mit der Stallarbeit am frühen Morgen. Dann müssen die Kinder für Schule und Kindergarten fertig gemacht werden, danach wird im Haus Ordnung gemacht, Mittagessen gekocht, die kleinen Kinder beschäftigt. Nachmittags kümmert man sich um die Hausaufgabenbetreuung der Größeren, später geht es wieder in den Stall. Gut drei Viertel der gesamten Einsätze in Bayern sind tatsächlich in landwirtschaftlichen Familienbetrieben. Oft sind die Mütter sehr schwer erkrankt, zum Beispiel an Krebs, oder sie haben psychische Probleme.


ZDF: Braucht man als Dorfhelferin eine spezielle Ausbildung?


Johanna Hell:Und ob! In der Regel hat eine Dorfhelferin eine fünfjährige Ausbildung hinter sich. Voraussetzung ist die Grundausbildung zur Hauswirtschafterin, dann folgen zwei weitere Jahre an der Fachschule ( z. B. in den Bereichen Pädagogik, Psychologie, Pflege, Diät) mit Praktika in landwirtschaftlichen und sozialen Bereichen. Abschluss ist dann die staatliche Prüfung. Dorfhelferinnen lernen auch in psychologischer Hinsicht den richtigen Umgang, sie sind nicht nur Arbeitende, sondern auch Gesprächspartner. Meistens springen die Kinder auf uns an, weil wir es schaffen, sofort einen guten, warmherzigen Kontakt zu den Kleinen zu bekommen.


ZDF: Anders als im Film "Für immer Frühling", wo der kleine Tim die eigentliche Dorfhelferin nicht besonders mag...


Johanna Hell: An solch einen Fall kann ich mich nicht erinnern. Klar gibt es schon Einsätze, zum Beispiel bei einem schweren Unfall der Mutter, wo alles sehr schnell gehen muss und die Mama erst einmal nicht weiß, wer ihre Aufgaben übernimmt. Sonst lernen sich Familie und Dorfhelferin aber immer vorher kennen, was auch total wichtig ist. Außerdem muss unsere Einsatzleiterin erst einmal ganz genau abklären, welche ihrer Dorfhelferinnen für welche Familie geeignet ist.


ZDF: Dorfhelferinnen ziehen von Familie zu Familie - ist dieser Beruf mit eigener Familie überhaupt möglich?


Johanna Hell:
Das ist nicht nur ein Beruf, sondern Berufung. Man braucht wirklich eine große Leidenschaft dafür. Aber wie in anderen Beschäftigungen auch gibt es die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten.


ZDF: Kann auch ein Mann diesen Job ausüben?


Johanna Hell: Es gibt Betriebshelfer, das sind unsere männlichen Kollegen. Die gehen aber nicht in die Familien, sondern ersetzen den Bauern in seiner landwirtschaftlichen Arbeit.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet