"Wann ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen?"

Heike Makatsch über "Zweimal zweites Leben"

Heike Makatsch spielt die junge Frau Änni, die sich nach einem schweren Reitunfall zurück ins Leben kämpft und feststellen muss, dass nichts mehr so wird wie es einmal war. Eine tragische Geschichte würde man meinen, doch die Schauspielerin stellt ihre Figur auch als eine Frau vor, die statt an ihrem Schicksal zu verzweifeln, der Welt mit Staunen und Ehrlichkeit begegnet.

Frau Makatsch, was hat Sie an der Geschichte und dem Drehbuch von Bernd Lange überzeugt?

Für mich als Schauspielerin war diese Rolle eine große Herausforderung. Diese Figur, Ännie, die vor ihrem Unfall nur so vor Leben strotzte, ihre ganze Familie in der Hand hielt, musste solch einen Einbruch in ihrem Leben erfahren und quasi bei null wieder anfangen. Das darzustellen war für mich sehr spannend – auch körperlich. Dabei hat mich besonders diese Konstellation, die ungewöhnliche Entwicklung der Geschichte sowie der Figuren interessiert. Zwei Menschen, die nicht mehr auf der gleichen Ebene wie vorher zueinanderfinden, sich aber trotzdem nicht verlassen. Ohne, dass man ein Happy End ausruft, konnten neue Wege gegangen werden. Es wird nicht moralisch gewertet, stattdessen versucht man, die Menschen zu verstehen. Was motiviert sie, wann muss man vielleicht loslassen, wann ist es an der Zeit, neue und eigene Wege zu gehen? Bernd Lange schreibt einfach tolle Drehbücher.

Wie haben Sie sich der Rolle von Ännie genähert? Haben Sie sich speziell darauf vorbereitet?

Auf manche Rollen muss man sich mehr, auf andere kann man sich weniger vorbereiten, die spielt man eher aus dem eigenen Leben heraus. In diesem Fall musste ich schon ein bisschen recherchieren. Ich habe mich lange mit meinem Schauspielcoach auseinandergesetzt, wie man die Rolle angehen kann. Dabei bin ich auch in Kliniken gefahren, habe mir Koma-Patienten angesehen und mit ihren Angehörigen gesprochen, mir viele Dokumentationen angeschaut und die Körpersprache und den Ductus von Koma-Patienten studiert. Am Ende des Tages muss man das aber alles wieder loslassen und sich bewusst machen, dass man natürlich nicht wirklich in der "Haut" eines Koma-Patienten steckt. Die Koma-Patientin, die wir dargestellt haben, gibt es vielleicht so gar nicht. Es ist eine freie Interpretation und meine Vorstellung, wie ihr Genesungsweg verlaufen könnte. Anders kann man dem nicht gerecht werden und hätte das Gefühl, zu versagen.

Als Zuschauer ahnt man, dass die Dreharbeiten sehr intensiv waren. Wie nah geht es Ihnen persönlich, eine so schwierige Rolle zu spielen? Gelingt es Ihnen am Ende des Drehtages wieder Distanz zu schaffen?

Das ist eine gute Frage, die ich mir so meistens gar nicht stelle. Ich merke erst im Nachhinein, wie tief ich in der Figur steckte und wie einsam man so auch seine Drehzeiten verbringt. Während der Dreharbeiten bin ich sehr bei mir und weniger im Außen. Ich konzentriere mich dann nur auf den Dreh und kümmere mich lediglich um das Schlafen und um meine Familie, die mich manchmal besucht. In dem Fall waren die Dreharbeiten aber auch irgendwie immer von Hoffnung und Humor geprägt, denn das hat Ännie ja auch die ganze Zeit. Sie ist auch stolz und hat immer den Blick nach vorne gerichtet. All das trägt man dann auch in sich. Ich glaube, das sind Sachen, die fallen mir jetzt auf, wenn ich darüber spreche, dass ich das wirklich während des Drehs gefühlt habe. Wenn man wieder etwas geschafft hatte, diese kleinen Schritte, die dann zu dem führen, was man erreichen wollte. So wie es auch bei Ännie ist.

Kann man es Leo verübeln, dass er sich zu Esther hin­gezogen fühlt? Ist sein Verhalten verwerflich?

Das ist etwas, womit wir alle gerungen haben. Wie will man das bewerten? Es ist natürlich an Benno, zu beschreiben, wie er seine Figur anlegen wollte. Ich persönlich habe immer das Gefühl gehabt, ich kann mir vorstellen, dass es zu so einem Punkt kommt. Natürlich ist ein Film immer ein Zeitraffer, und da kommt es in einem kurzen Zeitrahmen zu etwas, wovon man denkt "Kann man das bringen? Geht das?".

Aber Ännie gibt Leo ja auch frei. Er ringt ja eh mit sich, wahrscheinlich auch wegen der moralischen Seite des Ganzen. Aber es ist auch so, dass seine Annäherungsversuche von Ännie gar nicht gewünscht werden. Und er verlässt sie am Ende des Tages nicht. Ich denke, dass das vielleicht einer der Punkte ist, der übertragbar ist in ein "unbehindertes" Leben. Man schätzt den anderen Menschen immer noch und will auch immer noch füreinander da sein, aber man erkennt, dass man sich selber aufgeben würde, würde man jetzt in der alten Form verharren. Auch wenn ich das nicht endgültig beantworten kann – das muss jeder für sich entscheiden, wenn er den Film sieht – finde ich, ist dies auf jeden Fall eine Fragestellung, die uns alle irgendwann einmal im Leben betreffen kann.

Obwohl die Geschichte ernst und berührend erzählt ist, hat sie viele heitere Momente. Zeigt der Film in Ihren Augen auch Wege auf, wie man mit so einer für alle Beteiligten schwierigen Situation umgehen kann?

Krankheit als Chance zu nutzen ist sicherlich der konstruktivste und positivste Blick auf einen Schicksalsschlag innerhalb der Familie. Ich denke, man wird nicht umhin kommen, bei Krankheit und Unfällen eine philosophische Betrachtung des Ganzen zu erreichen, um die Situation zu meistern. Das würde man jedem wünschen. Jeder Mensch ist anders gestrickt im Umgang mit Krisen. Aber es wäre jedem zu wünschen, dass er seine Lebenslust nicht verliert und stattdessen irgendwann zu einem neuen – aber ebenso lebbaren, vielleicht sogar mit anderen Werten ausgestattetem Leben findet.

Hat der Film für Sie eine Botschaft?

Ja, ich denke auf ganz vielen Ebenen hat dieser Film eine Botschaft. Wo man als Zuschauer andockt, das ist jedem selbst überlassen. Es geht sicherlich nicht nur um den Schicksalsschlag, es geht auch um den Mut, Dinge zu verändern, den Blickwinkel zu wechseln, nicht loszulassen und trotzdem frei zu sein. Ich glaube, da gibt es viele Möglichkeiten, etwas für sich aus dem Film zu ziehen.

Das Interview führte Ellen Wirth

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