"Das ist Porno, das ist pervers"

Der Regisseur Ralf Huettner im Gespräch

Der preisgekrönte Regisseur wagt mit dem 15. Film aus der Reihe "Kommissarin Lucas" den Sprung von der Kinoleinwand ins Fernsehen. Im Interview spricht er über den Film, Steuerhinterziehung und Dagobert Duck.


ZDF: "Vincent will Meer" brachte Ihnen den Deutschen Filmpreis 2011. Für "Kommissarin Lucas - Gierig" geht es nicht ans Meer, sondern an die Donau, wo eine Wasserleiche gefunden wurde. Was hat Sie gelockt, Ihren ersten, strengen Krimi zu drehen?


Ralf Huettner: Die Besonderheit dieser Kommissarin Lucas war mir wichtig: eine gewisse Härte, die sie abhebt von anderen Kommissarinnen - das fand ich sehr reizvoll. Die Lucas ist strenger, mehr im Job als ihre Kolleginnen und reagiert nicht immer weiblich-verständnisvoll.


ZDF: In eine eingeführte Reihe einzusteigen, birgt die Gefahr, gewissen Zwängen von den Erfindern der Figur zu unterliegen.


Huettner: Grundsätzlich ist das schwierig, ja. Aber ich fand auch reizvoll, die bestehenden Figuren, von denen ich ja eine konkrete Vorstellung hatte, weiterzuführen und zu formen. Wolfgang Feindt aus der ZDF-Redaktion und die Produzenten der Olga Film haben mir außerdem die Freiheit gelassen, die ich brauchte.


ZDF: "Gierig" erzählt von einem Mordfall im Zusammenhang mit Datenhehlerei zur Überführung von Steuersündern. Anfang 2010 wurde den deutschen Finanzbehörden eine CD mit Schweizer Bankdaten mutmaßlicher Steuerhinterzieher für 2,5 Millionen Euro zum Kauf angeboten. Wie nah liegen bei bei "Gierig" Fiktion und Realität beieinander?


Huettner: Unser Fall ist rein fiktiv, aber die Realität lieferte, wie oft mal bei "Kommissarin Lucas", einen aktuellen authentischen Aufhänger. Wir erzählen mehr als die Geschichte von Datenhehlerei, Steuerhinterziehung und Mord: Dieser Fall hat uns die Möglichkeit gegeben, einen ganzen Handlungsstrang lang bei den möglichen Tätern zu bleiben, ohne den Zuschauer wissen oder ahnen zu lassen, ob sie es tatsächlich waren. Wenn mehr als nur die Jagd nach dem Mörder erzählt wird, macht das einen Film reicher und spannender. Die Täterrollen können toll besetzt werden, und all das zusammen macht natürlich auch dem Regisseur großen Spaß.


ZDF: Sehr geschickt verflochten mit der Geschichte von "großen Fischen" bei der Steuerhinterziehung ist Rikes Geschäftsidee, ein Fisch-Restaurant - steuerfrei, da in den eigenen vier Wänden - zu eröffnen. Eine bewusste Parallele?


Huettner: Im Prinzip schon. Natürlich wird die Rike nicht zur Verbrecherin: Aber sie steht stellvertretend für viele: Steuerhinterziehung ist in Deutschland ja eine Art Volkssport. Ich glaube, da kann sich kaum jemand ausnehmen. Eigentlich hat doch jeder das Gefühl, dass er zu viel Steuer bezahlt.


ZDF: Der bekannte Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer sagt in einem aktuellen Interview: Die Menschen jagen dem Geld nicht aus Gier hinterher, sondern aus Angst. Gilt das auch für die Protagonisten Ihres Filmes? Huettner: Das ist der eine, wichtige Aspekt. Ich glaube im Zusammenhang mit dem Thema auch nicht an den Typ Dagobert Duck, der mit Dollarzeichen in den Augen den ganzen Tag in Geld baden möchte. Hinter den gierigen Bänkern stecken Menschen, die vielleicht auch nur Angst haben, ihren Job zu verlieren - ein sehr aktuelles Phänomen. Es gibt keine Garantie mehr - für nichts, und die Angst, die sich daraus entwickelt, versucht man, mit Geld zu kompensieren.


ZDF: Und der zweite Aspekt?


Huettner: Es geht im Zusammenhang mit der Gier natürlich schon auch um die Maßlosigkeit, die bei uns herrscht. Es gibt Autos mit zwölf Zylindern, die gerne gekauft werden. Wer braucht solch einen Wagen? Das ist Porno, das ist pervers. Das ist für mich der Gipfel der Gier, aber diese Typen haben wir mit unserem Film noch gar nicht erwischt. "Gierig" richtet den Blick auf die Kategorie darunter, auf die Verführten, die auf Banker hereingefallen sind, die ihnen angeboten haben, bei der Steuerhinterziehung zu helfen. Wir beschreiben ein unangenehmes, verdorbenes Geflecht, in dem keiner allein die Schuld trägt und keiner alleine Recht hat. Das ist das Moderne an dieser "Kommissarin Lucas": All unsere Protagonisten sind getrieben von den Umständen des Lebens, das so ist, wie es ist.


ZDF: Wonach sind Sie selbst gierig?


Huettner: Als Regisseur giere ich danach, dass die Leute die Filme lieben, die ich mache. Ganz banal. Man macht die Filme ja nicht für sich selber, sondern will vom Publikum etwas zurück haben.

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