Interview mit Nadja Uhl

Nadja Uhl über ihre Rolle als verdeckte Ermittlerin Isabell Mosbach alias Karla Parker.

Frau Uhl, was hat Sie an dem Filmstoff und ihrer Figur überzeugt?

Der Stoff von "Tod im Internat" hat mich fasziniert, weil er ein großes Generationenthema anspricht. Er erzählt, wie sich ungeklärte Lasten der elterlichen Generationen auf die nächsten Generationen auswirken. Was macht es mit der nächsten und übernächsten Generation, wenn Väter und Mütter ihre Lasten mit sich führen, die im schlimmsten Fall, wie in unserem Film dargestellt, sogar zum Tod des eigenen Kindes führen? Was machte es zum Beispiel mit den Kindern, deren Väter aus dem Krieg zurückkamen, die verbittert waren und verlernt hatten, zu lieben? In dem Film geht es in all seinen Zuspitzungen um die Suche nach Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Erkenntnis. Das sind Themen in meinem Leben, die mich nach wie vor sehr interessieren. Und da ich sie in diesem Filmstoff gefunden habe, habe ich zugesagt.

Für ihre Figur Isabell/Karla scheint der Sport Schwimmen ein Lebenselixier zu sein. Auch Sie schwimmen leidenschaftlich gern. Ist das Zufall?

Nein, das war eine Idee von Regisseur Torsten C. Fischer und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Ich empfinde es als Geschenk, dass er diesen realen Part, den ich liebe, der Figur Karla gegeben hat. Für sie ist Schwimmen ein unbewusstes tägliches Ritual, mit dem sie sich auf diese Weise immer wieder neu belebt – so habe ich es zumindest empfunden. Karla hatte eine Mutter, zu der sie kaum Kontakt hatte und die nun gestorben ist, und einen abwesenden Vater, von dem sie bis heute nicht weiß, warum er plötzlich verschwand und ob er überhaupt noch am Leben ist. Die heutige Lehrerin Karla ist auch ein Kind alter Lasten der elterlichen Generation. So wie all die ungeliebten, verlassenen Eliteschüler dieses Internats, die sich quasi zu einer "eigenen Geburt" verhelfen müssen. Karla findet sich in der Natur und im Schwimmen.

Gab es einen besonders schönen, intensiven Moment, an den Sie sich während der Dreharbeiten erinnern?

Ich habe es als sehr bereichernd empfunden, als Lehrerin vor der Schulklasse zu stehen. Die jungen Schauspieler nahmen ihr Spiel so ernst und waren so uneitel. Das hat mich gefreut. In den Drehpausen haben wir darüber diskutiert, was Lebenslügen in Kindern auslösen, und dass wir alles tun müssen, um unsere Kinder davor zu bewahren, dass wir unsere Lasten und Lebenslügen an sie weitergeben. Ich bin überzeugt davon, dass Kinder der Schlüssel zur Selbsterkenntnis der Eltern sind. Sie zeigen ihnen den Weg zu sich selbst. In dem Film unterbricht Karla dann auch den Kreislauf einer Last: Sie zerreißt den Kontoauszug, der Till als Felix‘ Mörder überführen würde. Hätte sie dies nicht getan, wäre Tills Leben und das seiner neuen kleinen Familie mit Sophie zerstört. Karla aber trifft eine klare Entscheidung: "Irgendwann muss es auch mal vorbei sein".

Gab es für Sie auch eine unangenehme Erfahrung während des Drehs?

Als besonders traurig empfand ich den Moment, als ich den jungen Felix aus dem Wasser ziehen musste. Das zu spielen war nicht schön. Auch der Junge war ein Opfer seines Vaters, der nicht bei sich "aufgeräumt" hatte und erst wach wird, nachdem sein Sohn gestorben ist.

Im Internat und unter den Eltern der Schüler herrscht ein Klima des Misstrauens und der Angst. Kamen da persönliche Erinnerungen an Ihre Kindheit in der DDR hoch?

In der Reflektion meiner Kindheit in der DDR auf jeden Fall. Missstände durften nicht angesprochen werden, das wurde als Angriff auf das System gewertet. Aber auch heute erfahre ich, dass es längst nicht vorbei ist, die Netzwerke leben, ob man es wahr haben will oder nicht. Wie stark diese sind, mag dahin gestellt sein, aber ich bemerke, dass es in unserer Gesellschaft momentan wieder einen Umgang mit freier Meinungsäußerung gibt, der mich sehr nachdenklich stimmt. Ich wünsche mir so sehr, dass ich mich irre, aber es schleicht sich wieder ein altbekanntes Gefühl ein, das ich nicht leugnen kann: Die Zeiten werden feiger, es herrscht wieder häufiger ein Klima der unreflektierten Akzeptanz. Menschen, die etwas Kritisches benennen, werden bekämpft und diffamiert. Jeder wache, kreative Künstler spürt, dass sich momentan etwas verändert: dass nicht einfach mehr gesagt werden darf, wenn man glaubt, Unrecht zu sehen, dass man schon beäugt wird, wenn man konstruktiv hinterfragt. Und ich frage mich: Wollen wir alle nur einer Meinung sein, oder ist nicht viel mehr Reibung gefragt, die uns kreativ macht? Aber es gibt Zeiten, da muss man gut überlegen, wie man sich verhält, wenn man Dinge erkannt hat. Manchmal ist es ratsamer, in die Stille zu gehen, damit die richtigen Stimmen dann zur richtigen Zeit gehört werden. Schlussendlich glaube ich an Liebe und Wahrhaftigkeit.

Auch Karla kommt an einen Punkt, an dem sie Strukturen der teilweise korrupten Verhältnisse und Manipulationen erkennt und alte Seilschaften durchschaut …

… was für sie unglaublich schmerzhaft und schockierend ist. Ihre beste Freundin wird schließlich umgebracht, damit sie nicht weiter in der Vergangenheit recherchiert. Und Karla wird von Maas massiv bedroht, falls sie weiterhin plant, mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Filmstoff hat mich daher auch vor diesem Hintergrund interessiert.

Haben Sie eine Vision, wie Karla weiterleben könnte?

Ich glaube, sie steht an einem Neuanfang, vielleicht sogar vor einer Transformation. Resigniert hat sie nicht, es ist am Ende dieses Films eher Müdigkeit, gepaart mit Erkenntnis und Erschöpfung, die man ihr in ihrem letzten Blickwechsel mit Ermittler Sellinger ansieht. Sie hat eine große Aufgabe bewältigt, nämlich die, sich mit ihrer schon toten Mutter zu versöhnen. Interessant wäre herauszufinden, wie sie mit ihren Erkenntnissen und den neu gewonnenen Wahrheiten umgehen wird.

Das Interview führte Gitta Deutz

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