Der Wahnsinn hat einen Namen: Krieg!

Regisseur Andreas Herzog im Gespräch

Regisseur Andreas Herzog erzählt über die Dreharbeiten, die Vorbereitungen und das benötigte Fingerspitzengefühl, was bei einem solche brisanten Thema benötigt wird.


ZDF: Sie haben zum ersten Mal mit Senta Berger gearbeitet und Ihren ersten Film der ZDF-Samstagskrimireihe "Unter Verdacht" inszeniert. Mit welchen Vorstellungen sind Sie in diese Regie-Arbeit hineingegangen?


Andreas Herzog: Mein erster Gedanke war: Wie kann man etwas ganz Individuelles aus der Geschichte herausholen, ohne das Format im Ganzen zu verraten. Schließlich ist "Unter Verdacht" ja ein bestens etabliertes Programmformat, und die Hauptfiguren sind gesetzt. Also ging es ganz konkret nur noch darum: vor allem Eva Prohacek besonders gut in die Handlung emotional einzubinden. Was verbindet sie mit Eric Glasner, nicht nur dienstlich, sondern ganz persönlich?

Aber das ging alles ganz gut, und das Stammteam Berger-Krause-Anthoff ist sowieso eingespielt. Es war eine Freude, am Set zu beobachten, wie spielend sich die Drei gegenseitig die Bälle zuwerfen. So entstanden wirklich tolle Dialoge. Da muss man als Regisseur nur ein bisschen aufpassen, dass es nicht aus dem Ruder läuft und die Schauspieler sich vergaloppieren.


So hat die Arbeit verdammt viel Spaß gemacht. Deshalb freue ich mich auch schon auf den nächsten "Unter Verdacht"-Film, den ich im September inszeniere. Und Senta Berger ist einfach eine Klasse für sich. Sie ist so charmant. Auf der einen Seite verhält sie sich am Set wie jedes andere Teammitglied, aber durch ihre Erscheinung fällt sie trotzdem auf. Diese Frau ist immer vorbereitet und kann gleichzeitig so toll improvisieren, dass sie Dinge lebendig werden lässt.


ZDF: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu dem hochpolitischen Thema des Films: das posttraumatische Erlebnis eines Polizisten, der in Afghanistan stationiert war und der für das Schicksal vieler anderer Soldaten steht.


Herzog: Ich bin selbst Kriegsdienstverweigerer, habe mir schon immer über den Dienst an der Waffe viele Gedanken gemacht, auch wenn sich die Aufgaben der Bundeswehr im Laufe der Zeit verändert haben. Deutschland schickt Soldaten und Polizeiausbilder in Krisengebiete und behauptet, die seien nur da, um Buntstifte an die Kinder zu verteilen. Dabei herrscht dort Krieg.


"Ach, nennt man das jetzt auch offiziell so", sagt Eva Prohacek in dem Film - ein von uns bewusst gesetzter Seitenhieb auf die vielen Monate, bis die ersten Politiker das erstmals offen aussprachen. Man muss wissen: Als wir den Film gedreht haben, hatte Deutschland noch kein klares Mandat in Afghanistan. Anhand des persönlichen Schicksals von Glasner konnten wir dieses Thema emotional erzählen und die Schrecklichkeiten aufzeigen, die von der Politik und den Medien eher ferngehalten werden.


ZDF: Haben Sie bei Ihrer Recherche selbst mit Soldaten oder Polizisten, die in Afghanistan stationiert waren, gesprochen?


Herzog: Mit einem Polizeiausbilder, der selbst einige Jahre im Kundus stationiert war. Er konnte sehr viele Dinge belegen, die auch im Film vorkommen, zum Beispiel wie wichtig es ist, die Position der Frau zu stärken. Dieser Mann hat nicht nur die Situation dort unten konkret geschildert, sondern uns auch bei den Ausstattungsdetails geholfen. Für die Soldaten in Afghanistan ist es dort Alltag, jeden Tag aufs Neue von einem anderen Anschlag zu erfahren, entweder an dem Ort, an dem man sich gerade befindet, oder einem in der Nähe.

Aber erst dann, wenn die Deutschen wieder zurück in der Heimat sind und weit weg von dem ganzen Wahnsinn, wird ihnen bewusst, wie schlimm diese Erlebnisse waren. Bei der Recherche hat uns auch die Fotojournalstin Veronika Picmanova (Buch: "Afghanistan - Leben & Sehen") geholfen. Sie hat selbst in Afghanistan Leute ausgebildet. Ein Buchautor war ein besonders wertvoller fachlicher Berater: Reinhard Erös, ein Deutscher, der Schulen in Afghanistan aufgebaut hat, sowie die Psychologin Barbara Abdallah-Steinkopff, eine Koryphäe auf dem Gebiet des posttraumatisches Belastungssyndrom.


Bei der Bundeswehr gibt es keinen Experten, der sich um diese Patienten kompetent kümmern kann.Von meiner Frau, die selbst Psychologin und Psychiaterin ist, weiß ich, dass es da einer speziellen Ausbildung bedarf. Sie hat mir auch Barbara Abdallah-Steinkopff empfohlen, weil diese schon Kinder betreut hat, die aus dem Sudan kommen und mit eigenen Augen sehen mussten, wie ihre Familienangehörigen verstümmelt oder sogar gezwungen wurden, sich an diesen Greueltaten zu beteiligen. Seit dem deutschen Einsatz in Afghanistan sind auch immer mehr Soldaten zu ihr gekommen, weil sie feststellen mussten: Bei der Bundeswehr kann mir niemand helfen.


ZDF: Waren die besonders dramatischen Szenen mit Ulrich Tukur, in dem er als Eric Glasner verzweifelt um seine getötete afghanische Freundin weint, eine große Herausforderung?


Herzog: Technisch waren sie sehr schwierig. Die Szenen spielen ja in Afghanistan. Obwohl wir sie in Wirklichkeit im Nordosten von München gedreht haben, musste alles authentisch aussehen. Wir fanden dafür ein altes Gelände der Bundesbahn, auf dem einst Waggons repariert wurden und das seit 17 Jahren leersteht, weil die Gebäude einsturzgefährdet sind. Im Winter darf man nicht reingehen, weil sonst das Dach zusammenfällt.

Dorthin haben wir viele Tonnen Sand gekarrt und auf der einen Seite einen Green Screen (Blue Box) gebaut, um den Supermarkt dahinter zu verstecken. Ein sehr begabter Szenenbildner, Holger Neuhäuser, hat uns später elektronisch eine afghanische Landschaft mit Hubschraubern und Rauchsäulen als Hintergrund gezaubert und die Autos im Vordergrund noch mit Einschusslöchern versehen.



ZDF: Soll dieser Film eigentlich eine politische Aussage haben?


Herzog: Er soll die menschlichen Seiten dieser Auslandseinsätze zeigen und die Zuschauer dafür sensibilisieren, nicht einfach alle Nachrichten so hinzunehmen, wie sie von den Medien gefiltert präsentiert werden, sondern versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen. Dafür tut der Film einiges. Er stellt Zusammenhänge her, die einem bei vereinzelten Nachrichten so gar nicht bewusst ist.


ZDF: "Rückkehr" zeigt die Verstrickung der Behörden mit der Rüstungsindustrie auf, die mit dem Krieg, auch in Afghanistan, ihr Geld verdient. Halten Sie das auch im wirklichen Leben für gang und gebe?


Herzog: Die Lasergeschäfte sind in dem Film nur Platzhalter für all die Waffen und Waren, die im Krieg eingesetzt werden und mit denen auch deutsche Firmen einen Heidengewinn machen. Wir wissen alle, dass auch in Deutschland viele Waffen hergestellt und in Kriegsgebiete geliefert werden - notfalls über Schlupflöchter, wenn neue Gesetze solche Aufträge verhindern sollen. Und die Politik schaut da weg, weil sie die Steuereinnahmen aus diesen Millionengeschäften einfach zu groß sind, als dass der Fiskus darauf verzichtet.

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