Die Datenflut - Fluch oder Segen?

Die Redaktion über den neuen Fall

George Orwells erschreckende Vision vom gläsernen Menschen, den die "Gedankenpolizei" auf Schritt und Tritt überwacht und keinerlei Privatsphäre mehr zulässt, ist nun schon mehr als 60 Jahre her. Das titelgebende Jahr "1984" haben wir dann noch relativ unbeschadet überstanden. Aber die Angst vor dem Überwachungsstaat hat im Jahr der letzten Volkszählung die Gemüter noch richtig erhitzt: 1987 ermittelte das Emnid-Institut, dass Datenmissbrauch an vierter Stelle der Befürchtungen von Bundesbürgern hinter Kriegsgefahr, Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung steht.

In Zeiten des Internets, der Mobiltelefone, Smartphones und sozialen Netzwerke scheint das alles Schnee von gestern zu sein. Nur bei massenhaften Bespitzelungen von Arbeitnehmern oder rechtlich verbotenen, systematischen Datenabgleichen - wenn sie denn ans Tageslicht kommen - flammt Empörung auf.

"Errungenschaften" neuer Technik

Aber längst haben wir uns an die Mautüberwachungsstellen auf den Autobahnen gewöhnt, seit kurzem ist SWIFT, das Bankendatenabkommen mit den USA, beschlossene Sache, der elektronische Personalausweis kommt ab November dieses Jahres, und das Datensammelsystem ELENA scheint noch längst nicht vom Tisch. Und es regt sich kaum noch Widerstand.

Die meisten Menschen nutzen selbst und zum Teil mit Begeisterung die Errungenschaften der neuen Technik, denn sie erleichtern einem vieles im Leben. Wer kann sich heute noch vorstellen, ohne Handy unterwegs zu sein? Oder ohne Navigationssystem durch eine fremde Stadt zu fahren? Und seien wir mal ehrlich: Sind wir nicht auch erleichtert, wenn nach 25 Jahren ein Serienkiller gefasst wird, weil er achtlos ein Stück Pizza weggeworfen hat? Die Datenflut - Fluch und Segen zugleich.

Neues gepaart mit Altbewährtem

Diesem nicht ganz leicht zugänglichen Thema haben sich Michael Gantenberg und Hartmut Block mit ihrem ersten Drehbuch für die Reihe "Unter Verdacht" in einer besonders behutsamen Form genähert und bei aller Komplexität nie die Krimispannung aus den Augen verloren. Auch der Regisseur Florian Kern inszenierte zum ersten Mal einen "Unter Verdacht"-Krimi und hat das mit einer solchen Bravour gemeistert, als sei er längst ein Routinier, der immer von der Geschichte und den Darstellern das Beste fordert.

Mit den starken Bildern von Bernd Fischer und abgerundet durch die außergewöhnliche Komposition von Manu Kurz, der von Anfang an die Reihe mit seiner Musik geprägt hat, ist "Tausend Augen" ein besonderes Erlebnis für Augen, Ohren und den Intellekt geworden.

Kein trockenes Thema

Schauspielerisch getragen, als gäbe es nichts Leichteres, von Senta Berger, die der Prohacek das Kämpferische verleiht, durch das immer wieder ihre geschundene Seele durchscheint. Mit Gerd Anthoff und Rudolf Krause hat sie dabei zwei perfekte Partner an ihrer Seite, die auf der Klaviatur von Maßregelung bis Fürsorge und von Intrige bis Loyalität alle Nuancen bedienen können.

Die Reaktionen nach den Aufführungen beim Internationalen Filmfest in München oder dem Krimifestival in Wiesbaden haben gezeigt, dass die Zuschauer den Film mit Begeisterung aufgenommen haben, gerade weil er keine einfachen Antworten parat hat und zeigt, dass Datenschutz kein trockenes Thema sein muss und heute noch viel wichtiger ist als 1984.

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