"Wenn der Sport ... Angst macht"

Der Drehbuchautor Wolfgang Stauch im Gespräch

Wolfgang Stauch, geboren 1968, lebt in Berlin. Neben Drehbüchern schreibt er auch Hörspiele, Kurzprosa und Romane. Sein Krimi "Brubecks Echo" war 2001 für den Glauser-Preis nominiert und wurde für das ZDF unter dem Titel "Unter Verdacht - Brubeck" (2008) verfilmt. Auch für die 15. Folge von "Unter Verdacht" hat Wolfgang Stauch das Drehbuch geliefert. Im Interview spricht er über seine Arbeit und die Recherchen zu "Laufen und Schießen".


ZDF: "Laufen und Schießen" ist Ihr viertes Drehbuch für "Unter Verdacht". Was zeichnet diese ZDF-Krimireihe im Vergleich zu anderen aus?


Wolfgang Stauch: Unser Ermittler-Trio ist sicher überzeichneter als andere Figuren derartiger Formate. Vor allem die beiden Männer Langner und Reiter haben ja fast comichafte Züge, also einen überhöhten Realismus. Das macht diese Figuren für einen Autor hochinteressant, ist aber auch eine Herausforderung, weil sie dadurch eben auch eingeschränkte Aktions- und Reaktionsmuster haben: Reiter kann ja nicht jedes Mal in das Verbrechen, das Prohacek und Langner gerade aufzuklären versuchen, verstrickt sein. Bei "Laufen und Schießen" haben wir eine geschickte Lösung gefunden: Er steht auf Seiten der Guten - allerdings aus für ihn typischen, doch recht eigennützigen Gründen.

Und Senta Bergers Rolle, eigentlich die realistischste Figur dieses Trios, finde ich immer wieder toll, auch wenn sie - wie in diesem Buch - nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Außerdem war ich mir mit Regisseur Ed Herzog von Anfang an einig, dass wir auch stark auf komische Elemente setzen wollen, ohne die tragischen aus dem Blick zu verlieren - im Grunde wollten wir da "back to the roots" und an die Tonalität der ersten Filme der Reihe anknüpfen. Und dieses Anliegen wurde sowohl vom Produzenten wie von der Redaktion unterstützt.


ZDF: In dem aktuellen 90-Minüter geht es um Einnahme von Drogen, auch im Polizeidienst. Wie nah orientiert sich Ihr Drehbuch dabei an der Wirklichkeit?


Stauch: Dabei handelt es sich ja nicht um klassische, harte Drogen wie Heroin, die von harten Cops genommen werden, sondern um mehr oder weniger harmlose Stimulanzien gegen den Leistungsdruck, in der Arbeitswelt funktionieren zu müssen, gegen die Unmöglichkeit, eine Auszeit zu nehmen oder "Ich kann nicht mehr" zu sagen, ohne aus dem Spiel raus zu sein. Reiter wirft sich seine homöopathischen Kügelchen ein, und Langner Vitamine, wobei Reiter zu Amphetaminen rät, Prohacek nimmt Schmerztabletten, Sportler dopen und der Polizist Schön kokst, damit er sich überhaupt traut, in einen Streifenwagen einzusteigen. Ich denke schon, dass da ein Hauch Wirklichkeit dran ist.


ZDF: Nach den Doping-Skandalen im Rad- und Schwimmsport wird in "Laufen und Schießen" das Doping im Biathlon thematisiert. Das wirft kein gutes Licht auf diesen Hochleistungssport. Wie war Ihr Eindruck nach Ihren Recherchen: Geht es heute nur noch darum, bloß nicht erwischt zu werden?


Stauch: Man kann da nichts verallgemeinern. Soweit ich das beurteilen kann, herrscht in den bekannten dopingaffinen Sportarten aber durchaus eine Atmosphäre des Misstrauens - zwischen den Sportlern und zunehmend auch von Zuschauerseite. Genau dieses Misstrauen taugt für den einen oder anderen Sportler sicher auch als Motivation, es vielleicht doch mal mit Dopingmitteln zu probieren - mit dem Gedanken: "Ich bin talentierter als der, der vor mir steht. Und wer vor mir steht, dobt, selbst wenn er es nicht tut." In solch einer Atmosphäre gedeiht eine Melange aus Vermutungen, Halbwahrheiten, Rechtfertigungen, Lügen und Gewissheiten, die keiner ausspricht, besonders gut.

So ist es, wenn der Sport, der eigentlich Freude machen soll, Angst macht. Wem will man es da verübeln, nicht auszupacken? Gerade kam zum Beispiel die Nachricht, dass Floyd Landis nach seinem Doping-Geständnis kein neues Team gefunden hat - und schon spekuliert der eine oder andere, dass an grundsätzlichen Aufräumarbeiten kein wirkliches Interesse besteht. Die verantwortlichen Sportverbände und die Politik sind nicht bereit, mit dem Eisenbesen zu fegen - und sich dabei womöglich selbst vom Parkett zu fegen.


ZDF: Sie wecken eher Verständnis für den kriminellen Polizisten als für den kriminellen Politiker. Ist der "Underdog" für Sie denn interessanter?


Stauch: Nicht per se, ich bemühe mich zumindest darum, allen bösen Buben und Mädchen auch andere Seiten zu geben - dabei ist in diesem Fall, zumindest bei der Figur des Ministerialdirigenten Steiner, vor allem eine komische Seite zutage getreten. Das nimmt dem Thema sicher etwas die Tiefe. Ich finde allerdings diesen Kleinkrieg zwischen Justus von Dohnányi und Gerd Anthoff ziemlich lustig. Und dass die beiden korrupten, intriganten Streifenpolizisten dabei auch noch eine schöne Traurigkeit und Melancholie ausstrahlen, ist vor allem das Verdienst von Ed Herzog und den beiden Schauspielern Phillipp Moog und Tim Bergmann.

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