"Das Leichte ist verdammt schwer"

Redakteur Martin R. Neumann im Gespräch

Fernsehspiel-Redakteur Martin R. Neumann erklärt im Interview, wie die Figur "Wilsberg" ihren Weg auf den Fernsehschirm gefunden hat und wo die besondere Herausforderung in der Umsetzung der Buchvorlage von Jürgen Kehrer lag.


ZDF: Wie fing alles an mit Wilsberg?



Martin R. Neumann: 1993, da kam ich gerade zum ZDF, sprach man allseits von starken Frauen, die von da an auch prompt die Fernsehspiele und Krimireihen bevölkerten. Getreu dem Motto "Never follow the crowd", dachte ich mir: Biete doch mal eine Geschichte an, in der ein - vermeintlich - "schwacher Mann" im Mittelpunkt steht. Und da kam es mir gerade recht, dass mich ein Schulfreund auf einen Münsteraner Autoren - Jürgen Kehrer - aufmerksam machte, der gerade die ersten Regional-Krimis mit Georg Wilsberg herausgebracht hatte.


ZDF: Ein glücklicher Zufall also?



Neumann: Ja, ich traf mich gleich mit Jürgen Kehrer und dessen Verleger und dann legten wir los. Diese Zeit war besonders schwierig, aber auch sehr spannend, denn von den Romanen konnten wir nur das Grundgerüst übernehmen. Wilsberg war ursprünglich kein Antiquar, sondern Münzsammler, es gab keine resolute Kommissarin Springer, keinen Manni, keinen Ekki und vor allen Dingen keine quirlige Alex.


ZDF: Wieso macht man dann überhaupt einen Film, wenn man sowieso alles umkrempelt?



Neumann: Ein Roman ist grundsätzlich etwas anderes als ein Filmdrehbuch, den kann man nicht 1:1 umsetzen. Die Wilsberg-Romane sind zum Beispiel aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben und die Plots für eine Fernsehdramatisierung nicht spannend genug. Lesespannung ist nicht gleich Fernsehspannung.


ZDF: Was haben Sie dann unternommen?



Neumann: Neben einer fernsehgerechten Dramatisierung der jeweiligen Kriminalfälle stellten wir in erster Linie unsere vier Hauptdarsteller neu auf und hinterfragten ihre Beziehungen untereinander: Welche Charaktermerkmale heben wir hervor, wie können wir ihre Konflikte verschärfen und vor allen Dingen: wie können wir die Zuschauer für diese Truppe begeistern? Eine gute Idee war es - denke ich - unseren vieren ein bestimmtes Temperament zuzuweisen. Wilsberg den Phlegmatiker, Ekki den Melancholiker, Kommissarin Springer die Cholerikerin und Alex die Sanguinikerin. Da sind bereits die Konflikte vorprogrammiert und es funktioniert ja auch.


ZDF: Wieviele Autoren arbeiten an dem Format?



Neumann: Es gibt immer einen, maximal zwei Autoren pro Folge. Während wir anfangs nur alle zwei Jahre einen Film produziert haben, sind es aufgrund des großen Erfolgs mittlerweile schon drei pro Jahr. Und darin liegt leider auch ein kleines Problem. Autoren und gelegentlich auch Regisseure verlassen sich teilweise auf diesen Erfolg und tappen dann auch schon mal in die "Bequemlichkeitsfalle", wie ich das immer nenne. Nach dem Motto: Ach, das läuft sowieso, das ist ja eh ein erfolgreiches Programm. Aber da irrt man sich gewaltig. Die Arbeit am Format ist oft mühevoll und nicht immer konfliktfrei.

So konnte Alex z.B. nicht dauerhaft die genervte Studentin geben. Also haben wir sie ins Referendariat geschickt und ein Jura-Examen machen lassen. Mittlerweile ist sie eine erfolgreiche Anwältin, die Wilsberg nun auch fachlich Paroli bieten kann. Figuren müssen sich entwickeln und können nicht ewig im Status quo verharren. Wie auch das gesamte Format. Ein Glück nur, dass Wilsberg Zeitgeist-resistent ist. An dem perlen Internet-Blasen, Banken-, ja sogar ganze Weltwirtschaftskrisen oder auch Aufregungen um Casting-Shows völlig ab. Und das ist auch gut so.


ZDF: Bei Wilsberg fällt auf, dass es mal ernste und mal komischere Episoden gibt. Warum?



Neumann: Auch das gehört zum Konzept. Man kann sich immer wieder überraschen lassen. Völlig falsch wäre es zum Beispiel, wenn die Episoden in witzelnder Halbdistanz nur so dahinplätschern. Viel interessanter ist es doch, die Amplituden stärker ausschlagen zu lassen, das heißt den Krimi mit noch mehr Komik zu kontrastieren. Dabei muss man die Autoren in ihrer Arbeit immer wieder auch unterstützen. Den einen gelingt dann eine sehr spannende Geschichte, den anderen wiederum eine, in der der gepflegte Ulk mehr zum Tragen kommt. Auch hintersinnige Scherze und Slapstick dürfen nicht fehlen. Was immer so locker und leicht daherkommt, ist in harter Kleinarbeit entstanden. Das geht bis zur sehr zeitaufwändigen Bearbeitung der Tonspur. Auch hier machen wir uns Mühe mit der Musikauswahl und den Soundeffekten.


ZDF: Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass das auch beim Zuschauer so ankommt?



Neumann: Es gibt in Münster zu jeder Erstsendung eine Kino-Filmvorführung vor Publikum, im Sommer sogar ein Wilsberg-Open-Air, zu dem 1000 Fans kommen, fast schon ein Volksfest. Da bekommt man sehr genau mit, was funktioniert und was nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, an welchen Stellen die Leute lachen oder ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt. Solche Veranstaltungen sind unbezahlbar, Medienforschung aus erster Hand sozusagen.

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