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Zehn Jahre "Markus Lanz"

Der Moderator im Interview

Seit zehn Jahren bietet Markus Lanz mit seinen lebendigen Talkrunden erfolgreiche Fernsehunterhaltung im ZDF. Das Format hat sich zu einem festen Bestandteil des ZDF-Programms entwickelt. Jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag bietet der Moderator eine große Bandbreite an Gästen und Vielfalt an Themen – politisch aktuell, gesellschaftspolitisch relevant, berührend, unterhaltsam.

Markus Lanz
Markus Lanz
Quelle: ZDF/Juliane Werner

Herr Lanz, zehn Jahre gibt es ihre Talkreihe jetzt bereits – was war 2008 die Idee, die Philosophie?

Wir haben uns damals ein bisschen als Seite 3 einer Zeitung gesehen, aber die Sendung hat sich dann doch sehr verändert. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir nicht im luftleeren Raum senden. Nicht nur wir, das ganze Land hat sich in den vergangenen zehn Jahren enorm verändert. Interessanterweise hatte ich von Beginn an die Vorstellung, dass wir auch in einer Sendung, die im ZDF eigentlich als reine Unterhaltungssendung definiert ist, viel mehr politische Gespräche führen sollten. Mein Gefühl war, dass mit der Politik etwas passierte. Dass Politik plötzlich nicht mehr den Einfluss hatte, den sie zu haben glaubte. Auf der anderen Seite aber war sie stärker gefordert, Einfluss zu nehmen, als jemals zuvor. Wie sehr das notwendig ist, sehen wir heute zum Beispiel an der Frage, wie internationale Konzerne dazu gebracht werden können, auch Steuern zu zahlen und nicht nur zu vermeiden.

Zehn Jahre, mittlerweile dreimal in der Woche "Markus Lanz". Sind Sie persönlich nach dieser langen Zeit noch neugierig auf Ihre Gäste?

Die Neugierde ist interessanterweise jetzt, wo wir – zumindest nach meinem Empfinden – in der Nähe dessen sind, wo wir eigentlich immer hinwollten, eher noch größer geworden. Vor allem bin ich weiter denn je weg davon, irgendeine Unterscheidung zu machen zwischen vermeintlich wichtigen und vermeintlich weniger wichtigen Menschen. Es gibt ganz oft Geschichten von Leuten, die das Leben für einen kurzen Moment ins Rampenlicht stellt, die mich hinterher manchmal noch wochenlang beschäftigen.

Welche Gäste oder welche Geschichten rühren Sie besonders?

Zum Beispiel Menschen, bei denen man merkt: Das Leben war nicht immer gut zu denen, und trotzdem haben sie etwas unglaublich Konstruktives daraus gemacht. Und die spannende Frage, die mich im Laufe der Zeit immer mehr beschäftigt hat, ist: Warum bewirkt ein ähnlicher Vorgang bei dem einen, dass er sich verliert und aufgibt, und bei dem anderen das krasse Gegenteil davon? Wie sind Menschen gestrickt? Was treibt sie? Und so verstehen wir auch unsere Sendung. Es geht schon auch darum, denen, die zuschauen, immer wieder zu zeigen: Hier ist eine Lebenssituation, die deiner vielleicht nicht unähnlich ist. Was hat der andere daraus gemacht, wie ist er damit umgegangen? Vielleicht ist da ja eine Idee, eine Inspiration auch für dein Leben dabei.

Sie haben viele Gäste, die kommen aus der Politik, der Wirtschaft oder sind Musiker. Die reden gerne. Aber Sie haben ja auch ganz bewusst Menschen mit ergreifenden Einzelschicksalen in Ihrer Sendung. Wie bekommen Sie die zum Reden?

Es geht eigentlich immer darum, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, die das möglich macht. Dann erzählt jemand möglicherweise Dinge, die er so noch nie erzählt hat. Mich hat sehr die Geschichte von Jochen Busse beeindruckt, der über seinen Vater erzählt hat – ein ehemals sehr erfolgreicher Fabrikant, der irgendwann in Schwierigkeiten geriet und pleite ging, und der sich mit seinem Sohn sehr harte Kämpfe lieferte, teils auch gewalttätig, weil dieser unangenehme Fragen zur Nazizeit stellte. Jochen Busse sagte mir hinterher: "Ich habe diese Geschichte jetzt zum ersten Mal öffentlich erzählt, es wird auch bei diesem einen Mal bleiben." Gehört für mich bis heute zu den Gänsehaut-Momenten der Sendung, weil er mir in diesem Moment dieses große Vertrauen geschenkt hat.

Wie schaffen Sie es, Menschen zum Reden und Erzählen zu bringen?

Ich glaube, dass man sich wirklich gut vorbereiten und dann alles wieder vergessen muss, um sich ganz auf den Moment einzulassen. Bei jedem von uns gibt es etwas, was uns treibt, was uns wirklich wichtig ist. Wenn man es schafft, den Punkt zu erwischen, und versteht, was es ist, was diese Saite zum Schwingen bringt, dann entsteht manchmal so ein magischer Moment. Aber das kann man natürlich nicht planen. James Comey, der von Trump geschasste FBI-Chef, war so einer. Er hatte eine Mission: Dieser aufrechte Beamte mit einer beeindruckenden Karriere als Staatsanwalt, der die ganz großen Mafia-Prozesse geführt hat und so weiter, wollte klarmachen, dass es eine Situation im Leben geben kann, in der man die Wahl hat zwischen einer "sehr schlechten Entscheidung und einer absolut grauenvollen Entscheidung" – so drückte er das aus. Er wollte erklären, warum er ganz knapp vor der Wahl neue Ermittlungen gegen Hillary Clinton aufgenommen hat, obwohl er wusste, dass er damit Trump möglicherweise zum Präsidenten machen würde. So kam es dann ja auch. Es geht dabei um eine große Frage: Darfst Du, um vielleicht Deinem Land an dem Punkt einen Dienst zu erweisen, die Wahrheit manipulieren? Oder bleibt die Wahrheit immer die Wahrheit, auch um den Preis, dass möglicherweise ein hochintelligenter und manipulativer Mann wie Trump Präsident wird? Comey hat sich für Letzteres entschieden. Das war der große Konflikt.

Hinter Ihnen steht ein ganzes Team, das Ihnen zuarbeitet. Wie wichtig sind Ihre Mitarbeiter für den Erfolg der vergangenen Jahre?

Ich glaube, dass es wenige Redaktionen gibt, die so gut arbeiten und funktionieren wie unsere. Sonst könnten wir nicht in dieser Frequenz Sendungen machen: 130 Produktionen pro Jahr. Und die Kollegen wissen, dass ich mich wirklich blind auf sie verlasse. Wenn also in einem Dossier etwas drinsteht, dann gehe ich davon aus, dass es ganz sicher stimmt. Wenn es nicht stimmt, habe ich ein Problem – das wissen die Kollegen auch. Deswegen wird so ein Dossier in aller Regel sehr akribisch erstellt und auch von den Teamleitern nochmal sehr akribisch nachgearbeitet. Das, was ich dann in die Hand kriege, ist in aller Regel ein richtiges Qualitätsprodukt. Dafür bin ich sehr dankbar. Fernsehen ist ja ohnehin in allererster Linie Teamarbeit.

In einem Talk müssen sich auch immer wieder unangenehme Fragen stellen. Wägen Sie kurz ab, wie der Gast reagieren wird?

Ja, man muss natürlich eine Antenne dafür haben, wie einer reagiert. Da darf man aber auch nicht zucken. Wenn ich merke, das wird jetzt unangenehm, überlege ich: Warum wird das jetzt unangenehm? Trete ich ihm vielleicht zu nahe, weil es zu intim ist? Dann muss man aufhören, denn dann hat jemand eine rote Linie definiert, über die man nicht hinweggehen sollte, weil man ihn sonst verletzen könnte. Wenn es wiederum jemand ist mit politischer Verantwortung beispielsweise, und ich merke, jetzt will er der Frage ausweichen oder entwischen, dann ist es meine Aufgabe, genau das nicht zuzulassen. Da darf man keine falsche Scheu entwickeln, finde ich, denn das wird von der Gegenseite umgekehrt sonst sofort als Schwäche interpretiert und ausgenutzt. Das sind alles Profis, die spüren das. Wenn die merken, dass man zuckt, hat man verloren.

So war es ja, als der ehemalige britische Premierminister Tony Blair zu Gast war. Der behandelte Sie am Anfang schon so richtig von oben herab.

Das war eine Minute, bevor das Interview losging. Da schaute er plötzlich an mir herunter und sagte, so als sei das jetzt das Wichtigste der Welt: "Ihre Schuhe gefallen mir. Wo haben Sie die her?" Dabei haben ihn die Schuhe natürlich überhaupt nicht interessiert. Es war eine Szene wie aus "Frost/Nixon", in der Richard Nixon den jungen Journalisten David Frost vor mehreren langen Interviews immer wieder mit privaten Fragen aus dem Konzept bringt. Ich habe Blair dann nach einem kurzen Geplänkel ziemlich unvermittelt an den Kopf geworfen, dass ich davon überzeugt sei, er sei nur deshalb zum Katholizismus konvertiert, um all die Lügen aus dem Irak-Krieg beichten zu können. Plötzlich beugte er sich nach vorne, fasste mich kurz am Unterarm an und sagte: "Markus, hören Sie zu, es war doch so und so ..." Das Anfassen, die Nennung meines Vornamens – auch das waren natürlich rhetorische Tricks, um elegant aus der Sache rauszukommen. Aber ich merkte: Ok, jetzt muss er arbeiten. Und es wurde dann ein richtig gutes Gespräch.

Gehen Sie noch immer mit der gleichen Freude in die Sendung wie vor zehn Jahren?

Ja! Und es hat tatsächlich noch nie so viel Spaß gemacht wie im Moment. Das liegt natürlich auch daran, dass wir gerade in unglaublich spannenden, wenngleich auch komplizierten und irgendwie mühsamen Zeiten leben.

Das Interview führte Lydia Bautze. 

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