Coming-Out eines Priesters

Gesellschaft | ML mona lisa - Coming-Out eines Priesters

Der polnische Priester Krzysztof Charamsa war Mitglied der Glaubenskongregation im Vatikan. Seine Homosexualität verheimlichte der 44-Jährige lange, bis sein Coming-Out 2015 den Vatikan erschütterte.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.05.2018, 18:00

Krzysztof Charamsa wurde 1972 in Polen geboren,, studierte in Polen und in der Schweiz Theologie und Philosophie. Zum Priester wurde er im Juni 1997 geweiht, und studierte anschließend an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, machte seine Doktorarbeit. Seit 2009 lehrte er selbst dort. 2008 erhielt  er den päpstlichen Ehrentitel "Kaplan Seiner Heiligkeit" mit der Anrede "Monsignore" und wurde 2011 in die Kongregation für die Glaubenslehre im Vatikan berufen. 2015 outete sich Krzysztof Charamsa als homosexuell.

"Der erste Stein" von Krzysztof Charamsa
"Der erste Stein" von Krzysztof Charamsa Quelle: ZDF

Er verlor all seine kirchlichen Ämter, konnte nicht weiter für den Vatikan und die Hochschule Gregoriana arbeiten und wurde als Priester suspendiert. Heute lebt Charamsa mit seinem Partner Eduard in Barcelona, schreibt, hält Vorträge, vor allem zu den Themen Rechte für Schwule, Lesben, Frauen und Minderheiten. Er lebe „das Leben eines"Freiberuflers", wie er sagt. Im April 2017 ist sein Buch „Der erste Stein“ auf Deutsch erschienen. Er erzählt darin vom langen, persönlichen Weg, ehrlich zu sich selbst zu sein. Und sich selbst zuzugestehen, dass er homosexuell ist.

ZDF: Herr Charamsa, wie geht es Ihnen heute?

Krzysztof Charamsa: Sehr gut, weil ich frei bin. Ich denke, dass ich mit der Geschichte meines Coming Outs, mit meiner Liebe auch ein Zeichen setzen musste, nicht nur für Katholiken, sondern für alle, die diskriminiert sind, nicht verstanden werden. Das ist auch ein priesterliches Amt. So bin ich heute ein wirklich glücklicher Priester. Liebe, Beziehungen, Sexualität, Intimität, all das sind wichtige Teile unseres Lebens. Und das eigene Gewissen muss das wichtigste Kriterium für unsere Freiheit sein. Ich glaube, das ist auch in der Religion wichtig. Und in meinem Gewissen, in meiner Beziehung mit Gott, liegt der Grund für meinen Frieden.

ZDF: Wie kam es zu Ihrem Coming Out?

Charamsa: Mein Coming Out war das erste in der Glaubenskongregation, dem wichtigsten Büro der katholischen Kirche und ein sehr homophobes, also schwulenfeindliches. Und dieser 3. Oktober war ein Zeichen: Ich bin ein schwuler Priester, ich habe meine Identität und ich bin ein guter Priester. Mein Problem war nicht die sexuelle Beziehung, mein Problem war, dass in der katholischen Kirche kein Respekt oder Verständnis für meine Identität existiert.

ZDF: Sie sind von Rom nach Barcelona gezogen, zu Ihrem Partner. Wie hat sich Ihr Leben verändert?

Charamsa: Ich glaube, dass sich in meinen Idealen, in meinem christlichen Leben, nicht so viel verändert hat. Die Kirche hat mein Priesteramt verboten, aber ich bin Priester. Ich bin da für andere Menschen, die einen Priester und Religion brauchen. Ich kann sagen, alles ist anders in diesem neuen Leben. Ich bin glücklich. Ich bin ein Mann, ich bin ein Priester und ich arbeite für dieselben Ideale, für die ich Priester geworden bin. Heute bin ich ein Autor, ich schreibe Bücher, ich mache Vorträge, ich bin Coach, aber dabei immer Priester. Und ich glaube, es gibt viele Menschen in dieser Welt, die andere brauchen, die den Mut haben zu sagen: „Wir sind wichtig!“

ZDF: Könnten Sie sich auch vorstellen, dass Frauen irgendwann ein Priesteramt in der katholischen Kirche übernehmen könnten?

Charamsa: Es ist für mich ein Skandal, dass in der katholischen Kirche Frauen nicht Priester sein können. Es gibt auch keine theologischen Argumente gegen Frauenpriester. Das Problem ist in der Kirche, es ist eine Regierung von Männern, das ist unchristlich, gegen das Evangelium, also eigentlich ein Skandal.  

ZDF: Hat es Ihren Glauben beeinflusst, dass die Kirche Sie heute ablehnt?

Charamsa: Nein, nicht so sehr. Ich bin Katholik, ich bin Priester und heute sage ich, Gott sei Dank hatte ich den Mut und habe Hilfe in der Liebe gefunden. Jetzt bin ich traurig angesichts der Position der Kirche, aber es blockiert mich nicht in meinem Glauben. Mein Glaube ist frei. Jetzt bete ich für meine Kirche und hoffe, dass es zu einer Änderung kommen wird. Ich bin sicher, dass die Kirche Zeichen wie mein Coming Out braucht, dass die Kirche Priester braucht, die keine Angst haben und Mut besitzen zu sagen: „Wir sind hier!“ und wir brauchen auch den Respekt der Kirche. Ich sehe in Deutschland zum Beispiel „Wir sind Kirche“ oder in Österreich „Pfarrerinitiative“, das sind diese Tendenzen in der katholischen Kirche, wo Leute sagen: „Wir sind hier, wir lieben diese Kirche, aber diese Kirche muss bitte auch uns lieben.“

ZDF. Was bedeutet jetzt das Buch für Ihren Lebensweg?

Charamsa: Dieses Buch ist ein Zeichen der Befreiung, ein Teil meines eigenen Befreiungsprozesses. Wie der Titel schon sagt „Der erste Stein“ und ich glaube, jede Person braucht einen Grundstein in der Liebe. Aber das Leben endet nicht mit diesem ersten Stein, sondern es ist dynamisch, entwickelt sich. Dieses Buch braucht ein bisschen Empathie vom Leser. Ich glaube, dass wir Priester nicht genug Empathie lernen. Wir lernen Mitleid zu haben mit anderen, aber Mitleid ist kein gutes Gefühl. Mitleid ist eine Haltung von oben herab, also ich sehe dein Leiden und sage, tut mir leid. Empathie ist etwas anderes, das heißt, ich höre Deine Geschichte und fühle mit Dir.

ZDF. Wie war das eigentlich in Ihrer Jugend in Polen, welches Verhältnis hatten Sie damals zum Thema Homosexualität?

Charamsa: Ich bin in einem sehr katholischen Polen und in der Zeit der kommunistischen Diktatur aufgewachsen, eine sehr homophobe Mischung. Uns war klar, Homosexuelle gibt es einfach nicht. Und wenn, dann gehört so ein Mann nicht zu unserer Welt. Ich hatte immer eine große Angst vor Homosexualität und wenn ich davon in meinen Wünschen, in meiner Sexualität, in meinen Träumen das gefühlt habe, dann war das damals für mich eine Tragödie.

ZDF: Welche Rolle spielte Ihr Partner für Ihr Coming-Out?

Charamsa: Er war sehr, sehr wichtig. Ich hatte nur Eduard, er war in diesem Moment da, er hat meine Angst in Liebe verwandelt. Heute denke ich, dass richtige Liebe für mich etwas ist, das sich erst in der Zeit erweist, nicht in einem Moment. Wahre Liebe ist hier, ist Eduard. Und aus diesem Grund war er wichtig für mein Coming Out, er war diese Energie, diese Sicherheit, diese Liebe, die die Befreiung brachte.

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