Der Kampf gegen Kindesmissbrauch

Gesellschaft | ML mona lisa - Der Kampf gegen Kindesmissbrauch

Mehr als 12.000 Ermittlungsverfahren wegen Missbrauchs gibt es jedes Jahr in Deutschland. Vieles bleibt im Dunkeln. Warum ist es so schwierig, Kinder zu schützen und Missbrauch aufzuklären?

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Schutzlose Kinder, sexuell missbraucht von perfiden Erwachsenen. Es passiert aktuell überall: Norwegen, England, Frankreich – auch in jeder deutschen Schulklasse muss man davon ausgehen, dass ein bis zwei Jungen oder Mädchen betroffen sind. Immer wieder werden Fälle aufgedeckt und immer wieder werfen sie die gleiche Frage auf: Warum gelingt es einfach nicht, Kinder zu schützen? Warum tun sich Behörden, Schulen, Institutionen so schwer, das Problem in den Griff zu bekommen? Eine Tagung mit der Bundesbildungsministerin, dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und internationalen Experten in Berlin versuchte, Antworten zu geben.

Die Interviews

Man brauche einen Verhaltenskodex in Schulen und einen Notfallplan bei Verdacht, fordert der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhlem Rörig. Auch Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, setzt sich ein für Aufklärung und Fürsorge zum Schutz der Kinder. Es müsse zum Standard werden, dass Hilfe und Unterstützung schon bei ersten Anzeichen greifen. Im ML-Interview erklären sie, wofür sie sich mit ihren Projekten einsetzen.

Interview mit Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung

ZDF: Ihr Ministerium unterstützt seit fünf Jahren Projekte in unterschiedlichen Bereichen, sei es im Bereich der Bildung, sei es im Bereich Gesundheitsforschung – warum?

Das Bild zeigt Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, 2016.
Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung Quelle: ZDF

Johanna Wanka: Kinder und Jugendliche brauchen unseren besonderen Schutz. Das sind wir ihnen schuldig, dazu sind wir verpflichtet. Und das heißt natürlich, sie auch insbesondere zu schützen vor sexualisierter Gewalt, vor sexuellem Missbrauch. Nachdem in der Öffentlichkeit viele Fälle bekannt wurden, braucht man Forschung: Was passiert im Sportverein? Wie kann man Prävention machen? Wie sollte man Kinder vorbereiten? Unser Forschungsministerium hat die Möglichkeit. Annette Schavan hat damals einen Schwerpunkt darauf gelegt, Gelder konzentriert und wirklich intensive Forschung ermöglicht. Mein Anliegen war von Beginn an, das fortzusetzen, und ich freue mich, dass wir den Start geben können für die nächste Förderphase.

ZDF: Was hat die Forschung rückblickend gebracht?

Johanna Wanka: Die Ergebnisse der Forschung haben in der Öffentlichkeit Resonanz gefunden, haben sensibilisiert dafür. Man kann von der Forschung nicht sofort erwarten, dass sie den Transfer in der Gänze realisiert, aber es sind sehr viele praktische Dinge entstanden, Leitfäden und Orientierungshilfen, aber auch Netzwerke, die geschmiedet wurden zwischen den unterschiedlichsten Einrichtungen wie Kinder- und Jugendeinrichtungen, Landräten, Ärzten und Erzieherinnen, so dass im Mittelpunkt wirklich das Kind steht, und nicht ein Lauf durch die unterschiedlichsten Gremien.
Das Thema Jugendliche mit geistiger Behinderung zum Beispiel, das war vorher überhaupt kein Thema. Wie geht man im Heim um mit Sexualität, und wie schützt man die in besonderem Maße? Das ist eine Zielgruppe, um die man sich im Rahmen dieser Forschung gekümmert hat. Und das sind ganz neuartige Erlebnisse und das ist wichtig. Ich habe ein bisschen Sorge, dass nach dem allgemein großen Interesse das etwas in den Hintergrund gerät.

ZDF: Wenn man alleine auf die vergangenen Tage blickt – wir sprechen von Norwegen, ein Missbrauchsskandal, der da auffällig wurde, von England, von Deutschland – wie wirkt das auf Sie?

Johanna Wanka: Ernüchternd, und auch immer noch Entsetzen auf meiner Seite, Ich empfinde große Empathie und habe bei den eigenen Kindern versucht, sie zu schützen und wehrhaft zu machen. Dass es in so hohem Maße, wie jetzt die Zahlen anzeigen, geschieht, dass Kinder missbraucht werden in einer Gesellschaft wie der unseren, in einer offenen Gesellschaft, ist eigentlich etwas, was man nicht fassen möchte, was man aber nicht verdrängen darf. Man muss etwas dagegen tun, das heißt, Aufklärung aber auch wissenschaftliche Aufarbeitung.

ZDF: Sie setzen ein Zeichen damit, dass Sie diese Forschung unterstützen. Warum sagen Sie, wir wollen diese Nachhaltigkeit?

Johanna Wanka: Wir sind eigentlich ein Zukunftsministerium. Wir sind zuständig beispielsweise für die Zukunft des Alterns. Wir sind für globale Fragen zuständig, Forschungsfragen, die die Zukunft der ganzen Erde betreffen. Und wir sind natürlich insbesondere für die Zukunft der Kinder und Jugendlichen zuständig, damit sie sich entfalten können, damit sie ein selbstbestimmtes Leben haben, damit sie glücklich sein können. Dazu gehört, dass man gerade in den Jahren, in denen sie besondere Fürsorge brauchen, diese auch leistet. Das ist etwas ganz Normales, was dieser Gesellschaft wichtig sein muss. Gerade deswegen.

ZDF: Können Sie sich noch erinnern, wie es Ihnen erging vor sechs Jahren als die Skandale publik wurden, die eine ganze Welle ausgelöst haben? Canisius Kolleg, Ettal, Odenwaldschule und so weiter?

Johanna Wanka: Entsetzen, vor allem auch Scham, dass so viel Heuchelei da ist. Gerade in Einrichtungen, die ein ganz anderes Image haben. Dass das dort passiert, und dass man so vielen Menschen das Lebensglück, zum Teil den Lebenssinn, genommen hat, wenn man an Selbstmord, oder an Suchterkrankungen denkt, die in Folge dieser sexuellen Übergriffe entstehen.

ZDF: Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Johanna Wanka: Eigentlich möchte ich, dass es in allen Einrichtungen zum normalen Standard gehört, dass man sensibel ist. Dass man, wenn so etwas auftritt oder nur der Verdacht besteht, entsprechend reagiert. Dass man Hilfe und Unterstützung anbietet, und dass wir in einigen Jahren sagen können, dass die erschreckenden Zahlen überhaupt nicht mehr relevant sind.

Interview mit Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung

ZDF: Was hat sich in den letzten sechs Jahren verändert?

Johannes-Wilhelm Rörig: In den letzten sechs Jahren ist die Vorstellungskraft in der Gesellschaft erheblich gewachsen, was Erwachsene, Kindern Schreckliches antun können. Da haben die Medien einen wichtigen Beitrag geleistet, aber beispielsweise auch Pola Kinski mit ihrem sehr berührenden Buch, aber auch Andreas Huckele, der über den Missbrauch an der Odenwaldschule geschrieben hat.

ZDF: Worauf begründet sich diese Sensibilisierung noch?

Das Bild zeigt Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, 2016
Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung Quelle: ZDF

Johannes-Wilhelm Rörig: Die Gesellschaft ist heute aufmerksamer und die Eltern passen sehr genau auf, wo sie ihr Kind hingeben, wem sie ihr Kind anvertrauen, beispielsweise einer Kirchengemeinde oder einem Sportverein. Und die, die die Verantwortung in den Einrichtungen tragen, sind aufgerufen, alles zu unternehmen, dass beispielsweise ein Sportverein, eine Schule, eine Kita, kein Tatort wird. Zugleich haben die Einrichtungen die Aufgabe, dass die Kinder, die Missbrauch beispielsweise durch Gleichaltrige im sozialen Umfeld, oder in der Familie selbst erleiden, dort Hilfe bekommen, dass sie dort vertrauensvolle Ansprechpersonen finden, die ihnen Wege zur Hilfe aus ihrem Leid heraus aufzeigen können. Das ist die große Herausforderung unserer Gesellschaft. Da sind wir im Moment noch am Anfang, aber wir haben in Deutschland den richtigen Weg eingeschlagen. Jetzt kommt es darauf an, dass genug Geld und genug Zeit zur Verfügung gestellt wird, dass auch all das, was möglich ist, um Kinder besser zu schützen, ihnen bessere Hilfe zu gewähren, dass das auch zur Verfügung gestellt wird.

ZDF: Was ist das alles?

Johannes-Wilhelm Rörig: Es geht um Präventions- und Schutzmaßnahmen beispielsweise in den Schulen. Man muss in der Schule definieren: wie nah ist zu nah? Man muss definieren, wie geh ich an, was alle angeht? Das sind zum Beispiel die Slogans unserer neuen Initiative “Schule gegen Gewalt“. Man muss einen Verhaltenskodex in der Schule aufstellen. Man muss klären, was darf auf Klassenfahrten passieren, ja oder nein. Man muss klären, ob Lehrerinnen und Lehrer über die sozialen Medien in Kontakt mit den Schülern stehen dürfen, wenn ja: nach welchen Regeln? Und es ist zum Beispiel auch zu klären, was bei einem Verdacht zu tun ist. Dazu braucht man einen Notfallplan, und ein solcher Notfallplan muss in jeder der 30.000 Schulen in Deutschland formuliert werden.

ZDF: Wie sehen Sie die Tendenz insgesamt?

Johannes-Wilhelm Rörig: Wir haben leider noch eine riesige Dimension an Missbrauch in Deutschland. Die Zahlen sind bisher noch nicht zurückgegangen. Wir haben jedes Jahr noch mehr als 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren in Deutschland wegen sexuellen Kindesmissbrauchs und die Dunkelziffer ist sehr viel höher. Die Gesellschaft, die Politik, die Kirchen, der Sport, und die Wohlfahrtspflege müssen alles dafür tun, dass die Zahl zurückgeht. Dafür muss Geld zur Verfügung gestellt werden, dafür braucht man Fortbildung. Das Thema sexueller Missbrauch, um eine richtige Sensibilisierung zu bekommen beispielsweise für Lehrerinnen und Lehrer, muss in die Ausbildung von Lehrern integriert werden. Da ist noch sehr viel zu tun. Es muss erkannt werden, dass der Kampf gegen sexuellen Missbrauch in Deutschland eine Daueraufgabe ist. Es muss klar sein, das Thema ist noch lange nicht durch. Wir alle müssen uns dem Thema stellen, und wir müssen alles dafür tun, dass Kinder vor sexueller Gewalt geschützt werden. Weil hier geht es um die Menschlichkeit bei uns in der Gesellschaft.

ZDF: Was ist für Sie das effektivste Mittel für Prävention?

Johannes-Wilhelm Rörig: Klare Regeln zu Nähe und Distanz, Achtsamkeit, Hinsehen, und ein Wissen zu haben, wie man richtig reagiert, wenn man einen Verdacht hat. ZDF: Was kann man gegen die Dunkelziffer tun? Johannes-Wilhelm Rörig: Darüber sprechen. Wir müssen klarhaben, der Schutz der Kinder ist eine Qualität des Aufwachsens für die Kinder. Wenn eine Einrichtung, eine Kita oder eine Schule ein Schutzkonzept einführt, dann macht sie das nicht, weil sie möglicherweise sich selbst unter Generalverdacht gestellt sieht, sondern sie macht es, um eine pädagogische Qualität beispielsweise zu implementieren. Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche beteiligt werden bei der Einführung von Schutzkonzepten. Es ist wichtig, dass Schulen und Kitas Unterstützung durch Fachberatungsstellen bekommen, die sich genau auf das Thema der sexualisierten Gewalt spezialisiert haben. Fachberatungsstellen sind Kompetenzzentren in unserem Themenfeld. Das muss alles zusammengeführt werden, so dass Kinder Sport treiben können, dass Kinder in die Kirchengemeinde gehen können, kirchliche Kinderarbeit mitmachen können, ohne dass sie dort mit sexueller Gewalt oder sexualisierter Gewalt konfrontiert werden.

ZDF: Denken Sie, dass für die Aufarbeitung der bekanntgewordenen Fälle seit 2010 ausreichend viel getan wurde?

Johannes-Wilhelm Rörig: Auch im Bereich der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Vergangenheit sind wir in Deutschland erste wichtige Schritte gegangen. Die Katholische Kirche beispielsweise oder auch die Evangelische Nordkirche um Hamburg herum haben sich an großen Aufarbeitungsprojekten der Vergangenheit gestellt. Auch in einzelnen Einrichtungen ist aufgearbeitet worden. Manche tun sich sehr schwer, beispielsweise die Brüdergemeinde Korntal in Stuttgart oder auch im Bistum Regensburg hat man große Probleme bei den Domspatzen gehabt, ist aber jetzt einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gegangen.
Was wir bisher in Deutschland noch nicht im Blick hatten, ist der Missbrauch im familiären Kontext und im sozialen Umfeld von Kindern und Jugendlichen. In diesem Jahr 2016 haben wir eine neue unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs eingerichtet auf der Grundlage eines Bundestagsbeschlusses. Die befasst sich mit der Aufarbeitung von Missbrauch im familiären Kontext, die hört Betroffene an, die in der Kindheit von ihrem Vater, ihrem Onkel, ihrer Mutter oder auch von dem Bruder beispielsweise missbraucht wurden. Diese Kommission wird viele Wahrheiten ans Licht bringen, die bisher noch unentdeckt sind. Sie wird auch Strukturen aufzeigen, die zu Missbrauch führen, vielleicht auch falsche gesellschaftliche Einstellungsmuster. Sie möchte aber auf jeden Fall, und das ist ganz wichtig, den Betroffenen ein Stück Genugtuung geben, und vor allen Dingen das Unrecht, was den Kindern in ihrer Kindheit angetan wurde mit den schweren und schwersten Folgen, gerne anerkennen.

ZDF: Warum tun wir uns als Gesellschaft so schwer, dieses Verbrechen zu eliminieren?

Johannes-Wilhelm Rörig: Es ist das geheimste Verbrechen der Gesellschaft, das muss man zum einen sagen. Und es gibt viele Mitwisser, die reagieren könnten. Aber, wenn zum Beispiel eine Mutter einen Verdacht hat, dass ihr Mann das Kind missbraucht, ist sofort auch die Familienstruktur in Frage gestellt, das gesamte Fundament der eigenen Lebensplanung, des eigenen Lebensstils. Es gibt in dem Themenfeld des sexuellen Missbrauchs wahnsinnige Abwehrmechanismen. Man möchte sich das nicht vorstellen, was Kindern tatsächlich angetan wird. Dann kommen normale Tabu-Reaktionen oder Peinlichkeit zu dem Thema, und allgemeine Inkompetenz mit dem Thema umzugehen, hinzu.

ZDF: Und da müsste man ansetzen?

Johannes-Wilhelm Rörig: Wir müssen uns dem Thema stellen. Es ist Gewalt, die den Kindern angetan wird. Sie basiert auf sexueller Motivation und eine Gesellschaft darf sich nicht zurückziehen und sagen, wir überlassen unsere Kinder den Menschen, die Pädo-Kriminelle oder Pädo-Sexuelle sind. Das ist eine Riesenaufgabe in Deutschland aber auch in der ganzen Welt, um Kindern ein gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen.

ZDF: Glauben Sie, wir werden das schaffen?

Johannes-Wilhelm Rörig: Meine Hoffnung ist, dass wir zu einem Rückgang der Fallzahlen kommen. Wir werden sicherlich in den nächsten 10, 20 Jahren es nicht erreichen, dass wir keine Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland mehr haben. Aber wir müssen wegkommen von dieser wahnsinnig hohen Zahl der Missbrauchsfälle.

ZDF: Stagniert die Zahl der Fälle?

Johannes-Wilhelm Rörig: Wir haben bei Ermittlungs- und Strafverfahren eine relativ konstante Zahl von etwa 12.000 pro Jahr in Deutschland. Im Bereich der digitalen Medien, sexuelle Gewalt vermittelt über Internet oder soziale Medien, haben wir einen ziemlich starken Anstieg zum Beispiel im Bereich des “Cyber-Grooming“. Es handelt sich dabei um Kontaktaufnahme mit dem Ziel, einen persönlichen Kontakt zu dem Kind zu bekommen. Der Anstieg lag bei sieben Prozent im letzten Jahr. Es sind 2.000 Ermittlungsverfahren wegen “Cyber-Grooming“ in Deutschland anhängig.

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