Frauen auf Weltall-Mission

Gesellschaft | ML mona lisa - Frauen auf Weltall-Mission

Während die Welt über neu entdeckte Planeten spekuliert, geht das Auswahlverfahren der ersten deutschen Astronautin in die Endphase. Auch im “Mars-Versuchs-Camp“ war eine Deutsche dabei: die Physikerin Christiane Heinicke.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.03.2018, 18:00

Christiane Heinicke wurde als einzige Deutsche von der NASA für das “Mars-Experiment“ ausgewählt. Isoliert vom Rest der Welt lebte sie mit fünf anderen internationalen Wissenschaftlern in einem Kuppelbau auf einem hawaiianischen Vulkan 365 Tage lang. Ziel der NASA-Mission war es, das Leben auf dem Mars zu simulieren. Bei ML beantwortet Christiane Heinicke Fragen zum Experiment.

ZDF: War das für Sie schon immer ein Traum, an einer Mission teilzunehmen oder ins Weltall zu fliegen?

Christiane Heinicke im Raumanzug
Christiane Heinicke im Raumanzug Quelle: ZDF

Christiane Heinicke: Als Kind war ich sehr fasziniert von der Weltraumfahrt, habe das aber nicht als möglichen Berufsweg für mich richtig wahrgenommen. Erst nach dem Physikstudium bin ich zufällig auf das Projekt gestoßen, das mich dann mehr in die Richtung gerückt hat, und mich davon überzeugt hat, dass es eine faszinierende Sache ist, die ich unbedingt machen möchte. Das hat sich eher so schrittweise entwickelt.

ZDF: Können Sie sich vorstellen, Astronautin zu werden?

Christiane Heinicke: Auf jeden Fall. Ich kann mir sehr gut vorstellen, echte Astronautin zu werden. Ob der Einsatz auf der Raumstation ist oder auf dem Mond oder auf dem Mars, ich denke das ist dann eher zweitrangig.

ZDF: Was fasziniert Sie daran?

Christiane Heinicke: Was mich daran am meisten fasziniert und beeindruckt oder herausfordert, das ist dieser ungewöhnliche Lebensraum oder auch ungewöhnliche Arbeitsplatz. Ich hatte diverse Stellen, in denen die Haupttätigkeit darin bestand, vor dem Computer zu sitzen und Daten auszuwerten, was man auch mal für eine Zeit machen kann. Aber mich hat es dann doch immer wieder dahin gezogen, was draußen zu machen oder etwas Ausgefallenes zu machen, entweder in der Freizeit, dass ich in abgelegenen Gegenden Trekken war oder eben mit dem Mars-Experiment im abgeschlossenen Raum.

ZDF: Würden Sie an einer echten Mars-Mission teilnehmen wollen?

Christiane Heinicke: Wenn ich die Möglichkeit hätte, zum Mars zu fliegen, würde ich ja sagen, wenn die richtigen Menschen dabei sind. Aber zum Mars zu fliegen ohne die Option zur Erde zurückzukommen, das käme für mich nicht in Frage. Dafür ist die Erde einfach zu schön.

ZDF: Waren das in Hawaii echte Bedingungen?

Christiane Heinicke: Der Vulkan auf Hawaii wurde unter anderem ausgesucht, weil die Geologie und das Gestein sehr ähnlich ist, sehr nah an dem ist, was man auf dem Mars schon gefunden hat. Den Himmel, die Atmosphäre, das kann man nicht ohne erheblichen technischen Aufwand simulieren. Da mussten dann Abstriche gemacht werden. Aber gerade was die Isolation angeht, wir waren an dem Berghang und da war nichts rund herum. Und die Kommunikation mit der Außenwelt konnte ausschließlich per Email stattfinden. Insofern war die Simulation sehr realistisch gerade auch was das Psychische angeht. Wir waren tatsächlich in der Situation, dass wir mit niemand anderem in Kontakt treten konnten.

ZDF: Was hat Sie am meisten gestört?

Christiane Heinicke: Nicht so sehr einzelne Situationen, die zu Stress geführt haben, sondern eher andauernde psychische Belastung. Also dieser andauernde Aufenthalt im Habitat, diese Abgeschiedenheit von anderen Menschen, und eben, dass man mit den anderen Crew-Mitgliedern ständig zusammen war. Gerade auch wenn Konflikte auftreten, man kann nicht mal eben rausgehen, man kann nicht mal eben die Tür zuschlagen und spazieren gehen, tief Luft holen und noch mal neu anfangen mit frischer Motivation, sondern man ist ständig in dieser Situation drin. Man kann dem natürlich gegensteuern, es gibt auch  Trainingsprogramme, um mit Konflikten besser umzugehen, aber die Belastung ist natürlich trotzdem da.

ZDF: Gab es Schwierigkeiten danach, in den Alltag zurückzukehren?

Christiane Heinicke: Ich musste mich schon wieder daran gewöhnen jeden Tag zu duschen. Oder was mich sehr überrascht hat, als ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, habe ich mich hier eingeschränkt gefühlt. Dort im Habitat konnte ich dutzende von Kilometern weit schauen, da konnte ich links und rechts bis zum Horizont schauen. Und hier in Deutschland schaue ich aus dem Fenster und sehe ein paar Meter vor mir schon die nächste Hauswand.

ZDF: Dabei waren Sie dort sehr eingeschränkt, hatten keine frische Luft, keine Umgebungsgeräusche, keine Natur – wie kann man das aushalten?

Christiane Heinicke: Der Mensch kann sich an sehr viel anpassen. Komplett auf die Natur zu verzichten für ein ganzes Leben, das weiß ich nicht, ob das erstrebenswert ist. Aber für einen begrenzten Zeitraum ist das durchaus möglich. Das ist ähnlich wie Heimweh, dass man gewisse Sachen vermisst, dass man einfach mal am Strand sitzen möchte, im Wald sitzen, den Vögeln zuhören, oder Regen spüren. Wir hatten diverse Programme, virtuelle Reality-Brillen, mit denen wir dann auch die Möglichkeit hatten, uns in solchen Szenen wiederzufinden. Wir saßen dann tatsächlich im Wald, oder am Strand. Viele haben sich auch Naturgeräusche mitgebracht und über Kopfhörer gehört.

ZDF: In einer Männer-Frauen-Gruppe kommt es vielleicht zu zwischenmenschlichen Beziehungen – wie war das für Sie?

Christiane Heinicke: Liebesbeziehungen an sich sind kein Problem, wenn sich die Beteiligten auch der Gefahren bewusst sind. Da ist natürlich die große Gefahr, dass die Beziehung in die Brüche geht und man muss den Rest der Mission noch mit dem Ex-Partner auf engstem Raum zusammenleben. Die psychische Belastung ist ohnehin schon sehr groß, da muss man das vielleicht nicht noch hinzufügen. Was in anderen Missionen, wenn zu Beziehungen gekommen ist, häufig zu Problemen geführt hat, dass sich das Paar von den anderen abgekapselt hat, lieber im Kämmerchen für sich gewesen ist als an Gruppenaktivitäten teilzunehmen. Die Gruppe ist dann auseinander gefallen. Ich glaube, wenn man sich dieser Gefahr bewusst ist, auch aktiv dagegen angeht, dann kann eine solche Beziehung zu einer großen Stabilisierung in der Gruppe auch führen, und auch dazu, dass sich die Crew-Mitglieder gegenseitig beieinander ausheulen können, wenn es hart auf hart kommt.

ZDF: War Körperkontakt für Sie wichtig?   

Christiane Heinicke: Ich denke, Körperkontakt war für uns alle wichtig. Selbst ohne dass da Beziehungen zwischen anderen gewesen wären. Ich habe mich auch mal mit meiner Freundin dort umarmt, oder Crew-Mitglieder haben sich gegenseitig ausgekitzelt. Berührungsängste darf man da nicht entwickeln, solange es eben nicht aufdringlich wird.

ZDF: Hatten Sie irgendwann das Gefühl, aussteigen zu wollen?

Christiane Heinicke: Wir hatten theoretisch die Möglichkeit, dass wir jederzeit gehen können mit oder ohne Angabe von Gründen, ohne dass uns ein Nachteil entsteht. Aber praktisch existierte diese Möglichkeit nicht. Alle von uns haben sehr viel Energie, sehr viel Zeit, sehr viel Herzblut in dieses Projekt gesteckt und die anderen fünf  haben sich auf einen verlassen, dass wir das durchziehen. Man wurde ja auch gebraucht und die beteiligten Wissenschaftler haben genauso gehofft, dass wir das durchstehen. Insofern gab es keine realistische Option, mal eben zu sagen, ich habe keine Lust mehr, ich gehe. Auch in schwierigen Situationen war aufgeben nie eine Option. Das heißt egal wie schwierig es war, wir haben immer irgendwie versucht, eine Lösung zu finden und doch weiterzumachen.

ZDF: Hat Sie das Experiment verändert als Mensch?

Christiane Heinicke: Also die große Persönlichkeitsveränderung, die große persönliche Erkenntnis, die ist nicht gekommen. Das war auch nicht das Ziel. Immerhin meine Freunde, meine Familie haben sich nicht beschwert, dass ich mich ins Negative verändert hätte. Ich habe jedenfalls gemerkt, dass ich deutlich stressresistenter geworden bin. Wenn der Zug Verspätung hat, oder es funktioniert etwas nicht so wie es sollte, das ist alles so vernachlässigbar im Moment.

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