"Die Mädchen sind Leibeigene"

Bärbel Kannemann über Loverboys

Bärbel Kannemann ist pensionierte Kommissarin. Seit einigen Jahren arbeitet die 63-Jährige für die Stiftung "Stop Loverboys", die sich dafür einsetzt, minderjährige Zwangsprostituierte, die Opfer von sogenannten Loverboys geworden sind, aus dem Milieu zu befreien. In den Niederlanden ist über das Thema viel mehr bekannt als in Deutschland. Doch auch hierzulande wächst die Erkenntnis, dass die Zahl der Opfer wohl höher ist als bisher angenommen.

Die sogenannten "Loverboys" sind junge Männer, die minderjährigen Mädchen die große Liebe vorgaukeln. Erwidern die Opfer ihre Annäherungsversuche, schnappt die Falle zu und der angebliche "Lover" zeigt sein wahres Gesicht. Häufig werden die Mädchen dann unter Drogen gesetzt, vergewaltigt, bedroht, erpresst und müssen sich schließlich für den "Loverboy" prostituieren.

Am 26.5.2011 fand in Mainz eine Informationsveranstaltung zum Thema "Loverboys" organisiert vom Landespräventionsrat Rheinland-Pfalz statt. Dabei sprach auch Bärbel Kannemann über die Situation in Deutschland und klärte über das Phänomen auf. Die wichtigsten Aussagen von Bärbel Kannemann hat ML mona lisa zusammengestellt: Es kann jede Familie treffen

"Am Anfang interessiert das niemanden wirklich. Niemand will glauben, dass es jede Familie treffen kann. Dass auch unsere Töchter, dass Mädchen aus allen Schichten betroffen sind. Inzwischen wenden sich selbst Jugendämter, Polizeibeamte und andere Stellen an uns mit speziellen Fragen. Auch wenn die offiziellen Zahlen sehr niedrig sind, denke ich, dass es in Deutschland ein großes Problem ist. Nach jeder Veranstaltung zu dem Thema melden sich bei mir Opfer."



Warum Loverboy

"Zuhälter sind nach der Definition Männer, die Prostituierte beschützen und für diesen Schutz einen Teil ihres Lohnes bekommen. Loverboys dagegen halten die Mädchen, die für sie arbeiten, wie Sklaven. Die Mädchen sind Leibeigene, müssen alles, was sie verdienen, abgeben. Das einzige, was sie bekommen, ist Geld für Kondome, Gleitmittel und Zigaretten. Zigaretten, weil ihnen dort häufig am Anfang Drogen beigemischt werden, zum Teil bis sie wirklich drogenabhängig sind. Und wenn sie dann die Drogen brauchen, müssen sie das Geld dafür auch mit Prostitution verdienen." Ein normales Leben vorgeben

"Die jungen Mädchen gehen häufig weiter zur Schule, darauf achten die Loverboys. Sie passen sogar auf, dass die Mädchen Hausarbeiten machen, bei Tests anwesend sind, damit die Fehlzeiten nicht zu sehr auffallen. Die Mädchen kommen zu spät zur Schule, weil sie entweder schon morgens ganz früh anschaffen müssen oder weil sie die Nacht anschaffen mussten und dann morgens zuhause das normale Schulmädchen spielen müssen, aber müde und verschlafen sind."


Wie Prostitution organisiert wird

"Es ist aber auch so, dass die Mädchen einen Anruf kriegen: 'Nach der nächsten großen Pause bist du klar, ich warte dann auf dich vor der Schule.' Und die Mädchen gehen dann in der Zeit anschaffen, wo die Eltern noch berufstätig sind und so nicht mitbekommen, dass die Töchter in der Zeit nicht Hausarbeiten machen, sondern auf den Strich gehen. Und am Wochenende sagen die Mädchen, ich übernachte bei einer Freundin und müssen dann häufig 24 Stunden am Tag anschaffen. Man muss sich dabei klar machen, dass diese Mädchen, diese Kinder, dann bis zu 15 Freier an einem Tag haben."



Die Masche der Loverboys

"Die meisten Kontakte entstehen in letzter Zeit über das Internet. Die Mädchen sind zuerst verliebt, bekommen Bestätigung, Zuneigung und Anerkennung von den Loverboys. Häufig hat das Mädchen entweder den ersten freiwilligen Sex mit dem Jungen, sie liebt ihn ja schließlich und wird dann überrascht, indem plötzlich seine sogenannten Freunde ins Zimmer kommen und sie von fünf, sechs Männern vergewaltigt wird. Davon werden Aufnahmen gemacht und man erpresst die Mädchen damit, diese Aufnahmen ins Internet zu stellen oder in ihrer Schule zu zeigen."


Ängste der Mädchen

"Bei diesen Gruppenvergewaltigungen handelt es sich fast immer um ungeschützen Verkehr. Das Mädchen hat also außerdem Angst, entweder schwanger oder HIV-infiziert zu sein. Und man droht ihr, entweder sie mache in Zukunft, was man ihr sagt, oder man würde ihre kleine Schwester holen und ihr passiere das gleiche oder ihrer Familie passiere etwas. Das ist recht vielseitig. Sie spielen einfach mit Gefühlen, das ist das Gemeinste, was man tun kann. Ich glaube eine Körperverletzung allein kann man leichter verarbeiten als zerstörte Gefühle."


Aussichten für die Opfer nach Ausstieg

"Opfer brauchen eine intensive Rundumbetreuung, die haben wir in Deutschland, soweit mir bekannt ist, gar nicht. Es gibt wohl finanzielle Hilfen für ausländische Frauen, die Opfer von Menschenhandel werden, aber für deutsche Opfer gibt es keine finanziellen Mittel. Das heißt, die Mädchen werden häufig für ihren Drogenentzug behandelt, vielleicht für Borderline oder für Essstörungen, aber es gibt nicht dieses Rundumpaket, was die Mädchen, eigentlich die ganze Familie bräuchte, um mit dem Mädchen wieder leben zu können."

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