Die Mutter von Qurghan

Bildung für alle ist ihr Ziel

Seit über 20 Jahren kümmert sich die Hamburgerin Ursula Nölle um Frauen und Mädchen in Afghanistan. Durch ihr Hilfsprojekt "Schulen in Afghanistan" hat sie bereits 100.000 Kindern einen Schulabschluss ermöglicht. Was 1983 als private Spendensammlung begann, ist heute zu einer großen Initiative geworden, die in 40 Schulen in ganz Afghanistan unterrichtet.

Im März 1983 kam die unerschrockene Lehrerin in das von den Russen besetzte Afghanistan: "Es hat mich umgehauen. Ich war infiziert von diesen Kindern, auch gerade nachdem ich das Lager gesehen hatte. Keine Möglichkeit, keinen Platz zum Spielen, da war ja Zelt an Zelt. Die mussten ja auch psychisch kaputt gehen, wenn nichts für sie da ist, was sie tun können."

Wie alles begann

Die Kinder ließen sie nicht mehr los. Ursula Nölle wollte helfen. Sie besuchte den Unterricht in einer provisorischen Schule und erinnert sich: "Die Mädchen saßen mucksmäuschenstill da, als bekämen sie eine Offenbarung. Es war ein Privileg, lesen und schreiben zu lernen. Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben." Als Ursula Nölle damals von einer Lehrerin erfuhr, dass für 1000 Euro ein Klassenzimmer für viele Kinder gebaut werden könnte, beschloss sie spontan, sich zu engagieren.

Bereits auf dem Rückflug nach Deutschland hatte sie die ersten 25 Euro eingesammelt. In Hamburg gründete sie dann einen Verein. Schon ein halbes Jahr später konnte die erste Schule eröffnet werden. Bis heute macht sie mit Dia-Vorträgen auf die Situation der Menschen in Afghanistan aufmerksam und stellt fest: "Die Menschen sind die größte Faszination, das ist so unglaublich, wenn man erlebt, wie tapfer die nach 23 Jahren Krieg sind. Ich habe die größte Bewunderung vor den Menschen."

Schule in Afghanistan Quelle: ZDF

Ein gebeuteltes Land

Auch in Zeiten der Taliban ließ Ursula Nölle Afghanistan nicht im Stich. Sie schmuggelte Spendengelder ins Land. Man drohte ihr damit, alle Schulen zu schließen, wenn sie nicht bereit wäre, auch für Schulen für Taliban zu sorgen. Doch sie wollte sich von dem regierenden Gouverneur nicht einschüchtern lassen: "Ich habe gesagt, wissen Sie, ich kann sofort nach Hause gehen. Ich habe zwölf Enkelkinder, die freuen sich, wenn ich zu Hause im Sessel sitze und ihnen Geschichten erzählen kann. Ich muss nicht hier sein."

Dank deutscher Spenden konnte Ursula Nölle weiter Schulen bauen. Vom Kindergarten bis zur Hochschulreife, vom Computerkurs bis zur Nähstunde. Über 100.000 Mädchen und Jungen haben in den vergangenen Jahren in einer ihrer 40 Schulen eine Ausbildung erhalten. Bildung für alle ist ihr erklärtes Ziel. Dabei legt sie Wert darauf, nicht nur Mädchenschulen zu errichten.

Aufgeben, niemals

Krieg, Hunger, Flucht und Vertreibung: Afghanistan ist ein gebeuteltes Land, das ohne Hilfe nicht auszukommen scheint. Ursula Nölle wird von den Afghanen als "Mutter von Qurghan" verehrt. Doch vor wenigen Wochen erhielt ihre Arbeit einen jähen Rückschlag, denn einer ihrer engsten Mitarbeiter wurde hinterrücks ermordet: "Wir sind schon öfter in dieser Situation gewesen, wo man eigentlich sagt, man kann nicht weitermachen. Manchmal habe ich dann gesagt, jetzt erst recht."

Und sobald sich die Lage ein bisschen entspannt hat, so fügt die 82-Jährige hinzu, wird sie wieder in "ihr" Afghanistan fahren. Denn Angst hatte sie nie, in all den Jahren, in denen sie sich engagiert hat. Darf man auch nicht haben, so ihre Überzeugung, sonst könne man gleich zu Hause bleiben.

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