Gefühle der Schuld verarbeiten

Interview mit Dr. Fanja Riedel-Wendt

Gesellschaft | ML mona lisa - Gefühle der Schuld verarbeiten

Franziska war Polizistin in Berlin, als sie in Notwehr einen Täter auf der Flucht erschoss. Rein rechtlich hat sie nichts falsch gemacht, dennoch plagen Franziska schwere Schuldgefühle.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.02.2017, 00:00

Franziska war Polizistin in Berlin, als sie in Notwehr einen Täter auf der Flucht erschoss. Rein rechtlich hat sie nichts falsch gemacht, dennoch plagen Franziska schwere Schuldgefühle. Für sie gab es nach dem dramatischen Einsatz vor 17 Jahren keine psychologische Betreuung. Auch ihr Mann ist damals überfordert. Die Polizistin quittiert den Dienst, beschäftigt sich mit Pferden.

Diplompsychologin Dr. Fanja Riedel-Wendt beantwortet für ML mona lisa Fragen zum Thema Schuldgefühle:

ZDF: Wie weit reicht die Palette der Gefühle, wenn man sich schuldig fühlt?

Dr. Fanja Riedel-Wendt
Dr. Fanja Riedel-Wendt Quelle: ZDF

Dr. Fanja Riedel-Wendt: Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ich glaube, das Allerschlimmste an diesem Gefühl, ich bin die Ursache für ein Unglück, ist der Vorwurf, wenn ich das und das getan hätte, dann wäre es vielleicht so nicht passiert. Die Menschen spielen die Situation immer und immer wieder durch, sie fragen sich, warum habe ich an der Stelle so gehandelt, warum nicht anders. Das ist meistens auch der Grund, warum die Menschen so lange daran leiden. Es gibt auf diese Frage keine Antwort, egal wie oft sie das durchspielen. Es wird immer das Ergebnis bleiben, es ist trotzdem passiert. Das ist eigentlich das Quälendste nach so einem Ereignis.

Mit Schuld gehen einfach ganz viele verschiedene Gefühle einher. Das heißt, es reicht von wahnsinniger Trauer über das was passiert ist, bis hin zum Mitgefühl für die Menschen, die betroffen sind. Angst vor möglichen Konsequenzen und ein sehr schlimmes Gefühl ist auch Scham, die Scham über das eigene Versagen.

ZDF: Auch wenn man juristisch nicht schuldig ist für ein Geschehen, spürt man als Mensch trotzdem eine Verantwortung und auch Schuld. Warum ist das so?

Dr. Riedel-Wendt: Der Grund dafür ist, dass es natürlich einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was ich getan habe und dem negativen Ausgang. Der Zusammenhang besteht darin, dass Schuld auch ganz eng verwandt ist mit dem Begriff Verantwortung. Ich mache etwas und löse damit etwas aus. Das heißt, ich bin in irgendeiner Weise die Ursache für diese Konsequenz. Das Wort Schuld beinhaltet, dass ich es in irgendeiner Form absichtlich gemacht habe. Der große Unterschied, um den es geht in einem juristischen Zusammenhang: Habe ich das mutwillig getan? Für mich selber bleibt es dabei, ich habe etwas getan und deswegen gab es eine ganz negative Konsequenz, und davon kann ich mich selber nicht unbedingt freisprechen. Das ist der große Knackpunkt.

In den Menschen entsteht im Nachhinein eine ganz große Verzerrung davon, wie eigentlich der Hergang war. Aus der Position jetzt in meinem Leben kann ich natürlich sagen, hätte ich damals nicht ... Aber indem sie das immer wieder durchspielen, gehen sie irgendwie davon aus, dass sie es auch damals hätten schon wissen müssen.

ZDF: Wie können Sie ansetzen, um Schuldgefühle zu bewältigen?

Dr. Riedel-Wendt: Ein ganz zentraler Punkt ist, sich ganz detailliert mit der damaligen Situation auseinanderzusetzen und wirklich zu gucken, was ist eigentlich damals passiert. Aus welchem Grund habe ich in der Sekunde diese Entscheidung getroffen. Was habe ich gehört, was habe ich gerochen in der Situation und ein ganz wichtiger Teil ist auch, welche Gefühle hatte ich damals. Oft passieren solche Dinge aus einer Stresssituation heraus, also das heißt, damals war ich aufgebracht, hatte Angst. Das kann schmerzhaft sein, aber man muss sich dann auch mit den Gefühlen aus der damaligen Zeit auseinandersetzen.

ZDF: Wenn jemand solche Schuldgefühle hat, kommen die Menschen allein damit zurecht?

Dr. Riedel-Wendt: Es gibt sicher Menschen, die selbst einen Weg finden, durch Wiedergutmachung in irgendeiner Form. Und dann gibt es Fälle, wo Menschen nicht damit umgehen können, was sie getan haben. Da ist es dann schwer, allein wieder rauszukommen. Das ist nicht zwangsläufig so, dass man eine Therapie braucht, aber Menschen die das Gefühl haben, sie könnten die Spirale nicht beenden, für die ist es sicherlich auch sinnvoll jemanden zu suchen, der sie dabei begleitet.

ZDF: Wie könnte denn so eine Therapie dann aussehen?

Dr. Riedel-Wendt: Eine Therapie sieht im Grunde so aus, dass man sich gemeinsam erstmal überlegt, worunter leidet man am meisten. Welcher Aspekt daran ist am Quälendsten? Und dann geht es vor allem darum, noch mal zu gucken, was ist denn eigentlich real vorgefallen, wie viel Verantwortung trage ich ganz real.
Der zweite Schritt ist, mit den Gefühlen umzugehen, die damit zusammenhängen. Und ein ganz wichtiger Teil davon ist, wie integriere ich das wiederum in mein Selbstbild. Wie kann ich sagen, mir ist dieser Fehler passiert und trotzdem bin ich ein vollwertiger Mensch, ein guter Mensch. Je nachdem was das eigene Selbstbild dann ist, kann man damit weiterleben.

ZDF: Hilft es, mit Angehörigen der Opfer in Kontakt zu treten?

Dr. Riedel-Wendt: Das kann helfen. Ich glaube, wichtig ist es dabei, dass man als Verursacher eine große Wertschätzung für das Leid des anderen entgegenbringt. Unabhängig davon, ob man das absichtlich gemacht hat oder nicht. Denn, egal ob es absichtlich war oder nicht, für die Betroffenen ist es ein ganz furchtbares Ereignis. Ich glaube, wenn es demjenigen, der es verursacht hat, gelingt, das zu kommunizieren, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass von den Angehörigen das Verständnis entgegengebracht wird, dass es keine absichtliche Handlung war.

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