"Embrace - Du bist schön"

Interview mit Nora Tschirner

Gesellschaft | ML mona lisa - "Embrace - Du bist schön"

Schluss mit Diäten, Schönheits-OPs, Dauerfrust und Selbsthass. Nora Tschirner und Taryn Brumfitt wollen mit ihrem Dokumentarfilm Frauen sagen, liebt euren Körper, denn: „Ihr seid schön, so wie es ist!“

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 13.05.2018, 18:00

Wir haben Nora Tschirner getroffen und mit ihr über das Projekt gesprochen. Für ML beantwortet die Schauspielerin und Producerin des Dokumentarfilms „Embrace – Du bist schön“ Fragen zum Thema.

Interview mit Nora Tschirner

ZDF: Wie kam es zu dem Projekt mit Taryn Brumfit?

Das Bild zeigt Nora Tschirner.
Nora Tschirner Quelle: ZDF

Nora Tschirner: Tatsächlich über Facebook. Taryn stolperte auf mich ein und tauchte in meiner Timeline auf. Ich fand den Trailer sehr ansprechend, den sie gemacht hat und sehr berührend. So bin ich Mitunterstützerin geworden und habe mein Sparschwein überwiesen. Daraufhin hat Taryn sich bei mir gemeldet, um sich zu bedanken. So kamen wir in Kontakt. Daraus ist sehr schnell ein sehr enger Kontakt entstanden, und ein toller inhaltlicher Austausch. Irgendwann bin ich dann als Executive Producer eingestiegen.

ZDF: Was ist die Botschaft des Films?

Nora Tschirner: Es gibt für mich zwei Botschaften in diesem Film: Die eine ist, dass man eine Wahl hat. Ob man sich davon versklaven lassen will oder vielleicht mal irgendwann darüber hinweg kommen kann. Dass das eine Wahl ist, die in uns selbst liegt. Und dass dahinter vielleicht sich ein paar Sachen verstecken, die viel spannender sind als unser Äußeres. Also so eine Gelassenheit mit dem Äußeren. Es geht gar nicht darum, dass man sich den ganzen Tag hinstellt und sagt, ich bin so schön, ich bin so schön. Ehrlich gesagt geht es darum, dass man wieder selbstvergessener wird mit diesen ganzen Themen.
Die zweite Botschaft ist, dass die Leute lernen, nicht ganz so streng mit sich zu sein. Wir sind schon oft sehr viel strenger in so einer Leistungsgesellschaft mit uns selbst als mit anderen. Sich selbst abzuwerten und auch andere. Wenn das ein bisschen weniger werden könnte, wäre das schon sehr hilfreich.

ZDF: Wie stehen Sie denn selbst zu Ihrem Aussehen?

Nora Tschirner:  Es findet in meinem Gedankenapparat nicht mehr so viel statt. Mein Bezug zu meinem Körper ist mittlerweile ein innerlicher. Ich hab mich von Spiegeln, Waagen diesen ganzen Pseudo-Informationen über mich als Mensch vor langer Zeit verabschiedet. Das verliert seine Relevanz.

ZDF: Wie ist das auf dem Roten Teppich?

Nora Tschirner: Wenn ich dahin gehe, dann betrachte ich das schon mit einer kritischen Distanz. Ich gehe relativ selten hin. Ehrlich gesagt, ob es mir dabei gut geht oder ich entspannt bin, hängt davon ab, ob ich meine Oropax dabei habe, weil ich das so anstrengend finde. Wenn man die drin hat, hört man nur noch die Sachen von jemand, der neben einem steht. Dann ist es wieder lustig.

ZDF: Welche Rolle spielt Ihre Oma im Umgang mit Ihrem Körperbild?

Nora Tschirner: Meine Oma war immer sehr vergnügt mit dem Leben. Die war immer so ein totaler Glas-halb-voll-Mensch. Aktiv und sehr selbstbestimmt. Sie hatte mit dem Körper einen flapsigen Umgang. Und sehr früh schon, als ich noch eine junge zarte Nora war und sehr beeinflussbar, stand sie neben mir und sagte: ach das ist sehr lustig, du siehst  ja aus wie ich. Oben rum nix und unten so ein Bauch. Hab mal für einen Ausstatter als Model gearbeitet, der hat immer gesagt, ja vorne und hinten nix, musst Du immer was rein stecken.
Ich hatte einen kurzen Moment von Komplex, kommt der jetzt oder kommt er nicht? Aber die hat das so lustig gesagt, dass ich gedacht hab, okay, das ist jetzt so ein Familiending, so sehen wir halt aus. Und sie lacht sich da einen Ast mit Mitte 70 und mit Mitte 80 später immer noch drüber. Okay, dachte ich, dann kommt man damit also offensichtlich ganz gut weiter. So kann man also auch mit guten Komplexen umgehen, das hat schon viel geholfen. Ich bin nicht ganz frei davon, aber in gewissen Momenten ist das eine Art Hilfestellung.

ZDF: Sind Komplexe bei Frauen auch ein Problem der jetzigen Zeit?

Nora Tschirner: Ich glaube, es ist immer eine Frage von Vorbildern. Es gibt auch heute Vorbilder in Familien, die als Mütter, als Väter, als Omas da eine totale Lässigkeit mit rein bringen können. Und es gibt Familien, wo es schwerer fällt. Dann gibt es heute eine ganz andere Bilderflut, der wir ausgeliefert sind. Ich glaube, so ein bestimmtes, vergnügtes, ein entspanntes Vorleben des eigenen Körpergefühls ist schon sehr wichtig im engsten Umfeld von einem Kind.

ZDF: Warum haben gerade Frauen so wenig Selbstbewusstsein, was ihren Körper betrifft?

Nora Tschirner: Das ist historisch das gewesen, was in Sachen Oberflächlichkeit in der Waagschale lag. Bei Frauen war das das Pfund, mit dem sehr viel gewuchert wurde. Bei Männern waren das eben andere Pfunde. Je mehr wir uns angleichen, je mehr werden die für alle zugänglich, auch die Neurosen. Das war schon immer so: Frau hübsch, adrett und toll, und der Mann ist der Versorger. Das waren die uralten Rollenbilder. In einer Zeit, in der man sich unsicher fühlt und in der man mit sich selber nicht gut verbunden ist, den Kontakt für sich verliert, greift man genau auf diese Vorgaben zurück. Und dann eskaliert das auch mal schnell.

ZDF: Was wünschen Sie sich für die nächste Frauengeneration?

Nora Tschirner: Dass man jetzt endlich mal darüber hinweg kommt. Ich bin aber gleichzeitig auch ein Fan der Menschheit. Und verfolge das Spektakel schon seit Jahren mit. Mit Rückschau auch nach einigen Jahrtausenden. Wir entwickeln uns und sagen dann auch, ja, wir hatten das doch schon in den Siebziger Jahren mit den Feministen. Das dauert auch, wir müssen erst mal umlernen. Ich würde mich auch freuen, wenn die nächste Staffel Frauen mehr Spaß haben würde mit inhaltlichen Sachen, Lust, Gedanken, Kreativität, Lebensfreude. Das fände ich schön, echt gut.

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