Wenn gesundes Essen krank macht

Interview mit Uwe Knop

Gesellschaft | ML mona lisa - Wenn gesundes Essen krank macht

Eigentlich wollte Annika alles richtig machen in Sachen Ernährung, geriet dabei aber immer tiefer in ein Zwangsverhalten. Am Ende war sie krank. Bleibt die Frage: Was heißt gesund essen?

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 21.05.2017, 00:00

Eigentlich wollte Annika alles richtig machen in Sachen Ernährung, geriet dabei aber immer tiefer in ein Zwangsverhalten. Am Ende war sie krank. Bleibt die Frage: Was heißt “gesund essen“?

Uwe Knop ist Ernährungswissenschaftler und Buchautor. Er gilt als scharfer Kritiker der Manie um gesunde Ernährung. Im ML-Interview erklärt der Experte unter anderem, warum er nicht viel von Ernährungsregeln hält.

Uwe Knop
Uwe Knop


ZDF: Es gibt Leute, die teilen gesunde und ungesunde Lebensmittel – wie sehen Sie das?

Uwe Knop: Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn. Das liegt einfach daran, weil die Studienlage es nicht hergibt. Ich habe in meinem Buch über 1000 aktuelle Studien ausgewertet und da kommen Sie nur zu dem Schluss, wenn Sie sich das objektiv und ohne ideologische Brille anschauen, es gibt keine Beweise für gesunde Ernährung und auch keine Beweise für gesunde oder ungesunde Lebensmittel. Das ist eine Glaubensphilosophie, sonst nichts.

ZDF: Chips sind also vielleicht genauso gesund wie Kopfsalat?

Knop: Es gibt keinen Beweis dafür, dass Chips ungesünder sind als Salat, oder umgekehrt, dass ein Salat gesünder ist als Chips. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis.

ZDF: Und in Bezug auf Nährstoffe, Inhaltsstoffe, Fasern für die Verdauung etc.?

Knop: Wo ist die Energie beim Salat? Null. Also, Sie sehen schon, man muss differenzieren. Wenn Sie Hunger haben, macht ein Salat Sie mit Sicherheit nicht satt. Da essen Sie vielleicht eher Chips als Salat, wenn Sie jetzt nur die beiden haben. Man kann Nahrungsmittel nicht auf ein paar Inhaltsstoffe reduzieren und sagen, nur weil ich jetzt denke, da sind Ballaststoffe drin und Vitamine, dann ist das gesünder als etwas, wo viel Energie drin ist. Selbst die deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt, die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn. Und genauso ist es.

ZDF: Wann wird Essen zum Problem?

Knop: Das Problem wird dann beim Essen manifest, wenn man sich davon zu viel erhofft, wenn man davon zu viel hineininterpretiert. Das heißt, ich esse nur noch gesund, weil ich meine Gesundheit fördern will, und ich fixiere mich so sehr darauf, dass es irgendwann auch zu einem psychischen Problem wird. Das nennt man Orthorexie – den Zwang nur noch Gesundes zu essen. Also je mehr ich ins Essen hineininterpretiere, je mehr Heilskraft in allen möglichen Ebenen, desto gefährlicher kann das werden. Dann wird das Essen gerne mal zur Ersatz-Religion, da muss man vorsichtig sein.

ZDF: Warum fällt es vielen Menschen schwer, das Essen einfach nur zu genießen?

Knop: Viele Menschen haben ein Problem, ihr Essen einfach nur zu genießen, weil sie einem gewissen Ernährungswahn unterliegen, der darauf basiert, dass eben zu viel kommuniziert wird zum Thema Ernährung. Es wird in Vegan hineininterpretiert, in Paleo, in Detox, Low Carb und so weiter und so fort. All das nehmen die Menschen auf, die ernährungssensibel sind, und haben dann ein Problem, auf ihren Körper zu hören, weil sie auf dieses gefährliche Halbwissen hören. Dann können sie nicht mehr durch den Supermarkt gehen und sagen, ich kauf mir das, was mir gut schmeckt und was mir gut tut, nein ich kaufe lieber das, wo ich weiß, das ist gesund und die Ungesunden lasse ich weg. Das heißt es verschiebt sich genussvoll Essen hin zu dem fast ängstlichen Essen, dass man was Falsches ist. Das ist ein großes Problem.

ZDF: Entscheidet Ihrer Meinung nach das Maß über gesund und ungesund?

Knop: Das Maß ist immer eine individuelle Geschichte. Jeder hat sein eigenes Maß, was für den einen viel ist, ist für den anderen vielleicht wenig. Es gibt jemanden, der verträgt sehr viel Rohkost und isst unheimlich gern viel Obst und Gemüse, der andere ist ein wenig davon und bekommt sofort Blähungen und Bauchschmerzen. Das Maß muss jeder für sich selbst herausfinden und das kann er nur, indem er auf seinen Körper hört: Wann habe ich den echten, den körperlich biologischen Hunger? Worauf habe ich Lust? Was schmeckt mir? Und vor allem, was vertrage ich sehr gut? Es gibt so viel gesunde Ernährung wie es Menschen gibt.

ZDF: Welche Rolle spielt die Ernährungsindustrie?

Knop: Die Ernährungsindustrie ist im Prinzip Trittbrettfahrer, weil die schaut, welche Trends gibt es und die werden dann bedient. Wenn zum Beispiel große Wursthersteller anfangen, vegane Würste zu produzieren, dann machen die das nicht deshalb, weil sie denken, das ist toll und rettet die Welt. Sondern sie sehen, da kommt ein Trend, der wird gefördert von Lobby-Verbänden, das gilt als gesund, also wollen wir den Markt bedienen, damit wir auch ein paar Euro daran verdienen. Die Industrie ist sozusagen sekundärer Erfolgsverwerter.

ZDF: Sie sind ein Kritiker von Studien. Was kritisieren Sie da genau?

Knop: Ich bin ein Kritiker von der Fehlinterpretation von Studien. Ernährungswissenschaft basiert vorwiegend auf Beobachtungsstudien und die lassen keine Kausalitäten, also Ursache-Wirkungs-Beziehung zu, das heißt Studien liefern keinerlei Beweise, sondern nur Hypothesen, Vermutungen und Spekulationen. Und wenn daraus jemand Wahrheiten macht, wie Obst und Gemüse ist gesund, oder Fleisch verursacht Darmkrebs, dann ist das einfach nur eine bewusste oder dumme Fehlinterpretation.

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