Oh, du fröhliche Weihnachtszeit ...

Warum der Stress?

Gesellschaft | ML mona lisa - Oh, du fröhliche Weihnachtszeit ...

Die Erwartungen sind groß, die Enttäuschungen auch. Alles soll perfekt sein, sämtliche Wünsche sich erfüllen, die Familie sich freuen. Warum aber wird aus Weihnachtslust schnell Weihnachtsfrust?

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.12.2016, 00:00

Die Erwartungen sind groß, die Enttäuschungen auch. Alles soll perfekt sein, sämtliche Wünsche sich erfüllen, Familienfriede herrschen. Warum aber wird aus Weihnachtslust schnell Weihnachtsfrust?

Dipl.-Psychologe Jörg Wesner erklärt im ausführlichen ML-Interview, warum gerade an Weihnachten so viele Emotionen hochkochen.

ZDF: Was versprechen sich denn die meisten von Weihnachten?

Jörg Wesner: Das Wichtigste an Weihnachten ist eine Art Glücksversprechen, ein Heilsversprechen. In unserer Kindheit haben die meisten von uns allen ein unglaubliches Glücksempfinden gehabt an Heilig Abend, wenn die Tür aufging oder das Tuch vom Weihnachtsbaum entfernt wurde. Wir sehnen uns nach diesem Glücksgefühl.

Jörg Wesner
Jörg Wesner Quelle: ZDF

ZDF: Was ist das für ein Glücksgefühl, wonach sie suchen?

Jörg Wesner: Das ist die Heilste aller Welten. So heil ist es nur an Weihnachten - in der Erinnerung. Es gibt Geschenke, es gibt besondere Gerüche, es gibt Natur im Haus. Es gibt Bäume im Haus, das gibt es ja sonst nicht.

ZDF: Warum haben so viele Leute so hohe Erwartungen an Weihnachten?

Jörg Wesner: Man möchte zurück eigentlich in die Kindheit: Das geht als Erwachsener nicht und das ist blöd.

ZDF: Welche Risiken birgt das Weihnachtsfest für die Familie?

Jörg Wesner: Weil alle so viel erwarten und wollen, dass es absolut gelingt, besteht natürlich die Gefahr, dass irgendwas misslingt, irgendwas nicht stimmig ist, irgendjemand nicht mitsingen will, was auch immer.

ZDF: Welche Rolle spielt das schlechte Gewissen an Weihnachten?

Jörg Wesner: Wenn wir nicht kommen können zu Mutter, Vater oder auch Großeltern, dann ist es, als würden wir als Kind unsere Eltern verlassen. Also es ist nicht nur Weihnachten, es ist nicht einfach nur: Ich komm nicht zu dem Fest.

ZDF: Weihnachten birgt oft Erinnerungen, auch traurige Erinnerungen – was passiert dann?

Jörg Wesner: Weihnachten ist das Familienfest, an dem alle da sind. Ist jemand gestorben, der Vater, der Großvater, Großmutter, wer auch immer, eine Tante, die immer dabei war – dann ist es so gefühlt, als ob dieser Stuhl leer bleibt. Und das macht nochmal das Besondere von Weihnachten deutlich. Es gibt kein anderes Fest, wo wir wie an Weihnachten sagen, es ist das erste ohne Vater, oder das erste ohne Oma. Wir sagen nicht das erste Ostern ohne, oder das erste Grillen ohne, sondern wir sagen das nur an Weihnachten.

ZDF: Was ist diese typische Situation an Weihnachten?

Jörg Wesner: Weihnachten in Deutschland heißt in der Regel für fast alle Menschen, die ich kenne: Es ist der stressigste Tag im Jahr. Es gibt noch ganz viel zu erledigen am 24. selber, das heißt dieser Tag müsste eigentlich doppelt so lang sein. Man will aber natürlich wegen der Kinder um 15:00 Uhr fertig sein. Ganz viele sind, auch wenn sie keine Kinder haben, um 15:00 Uhr mindestens schon zwei Mal durchgeschwitzt, ziehen sich dann schnell die schönen Klamotten an und wollen eigentlich nur noch entspannen.

Aber jetzt fängt das Fest erst an. Das macht es tatsächlich zu etwas Schwierigem. Es gibt natürlich auch Menschen, denen es gelingt, sich gut vorzubereiten, alles am 23. zu erledigen und den 24. wirklich zu genießen. In der modernen Zeit, wenn man am 23. noch bis 18 oder 20 Uhr arbeitet, ist es nicht möglich.

ZDF: Warum kommen ausgerechnet am Weihnachtsabend Tabuthemen auf den Tisch?

Jörg Wesner: Normalerweise wenn wir uns begegnen, haben wir eine Menge psychischer Möglichkeiten, diese Dinge unter dem Deckel zu halten. Wenn dann aber die Nerven so blank liegen, wie gesagt aus diesem ganzen Stress, habe ich keine Kraft mehr, um das unter dem Deckel zu halten. Also kommt es doch auf den Tisch. Es passiert nicht absichtlich, aber es fehlt die Kraft, das weg zu regulieren. Die Erwartungen sind so hoch, dann kommt meistens noch ein bisschen Alkohol ins Spiel, es kommen alte Erinnerungen ins Spiel und die gesamte Enttäuschung, dass ich nicht mehr Kind bin, was manche auch nicht wahrhaben wollen, und schon ist es soweit: dann kommt alles hoch, was da ist.

ZDF: Was kann man machen, damit Weihnachten nicht zum Desaster wird?

Jörg Wesner: Das eine ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das heißt zu entscheiden, was brauche ich wirklich vorher? Also klar, Weihnachtsbaum, Kerzen, aber braucht es wirklich auch noch ein besonderes Essen, das sehr aufwendig ist? Ich fände es eine vernünftige Idee, das aufwendige Essen auf den ersten Weihnachtstag zu verschieben. Und natürlich das alte Lied von der Planung. Also wenn man alles eingekauft hat, ist der Heilig Abend viel entspannter. Das gelingt selten. Es gelingt vor allen Dingen, wenn man nicht diese hohe Erwartung hat, es wird alles schön und es wird keinen Streit geben, sondern wenn man sagt: Ja klar, es wird das geben und ich überlege mir schon vorher, wie kann ich reagieren, wenn das auf den Tisch kommt?

Umgeworfene Gegenstände auf einer weihnachtlich geschmückten Tafel.
Desaster an Weihnachten Quelle: ZDF

ZDF: Wie entschärfen Sie zumindest eine Bombe?

Jörg Wesner: Wir werden zur Bombe, weil ich es nicht wahrhaben will. Dann explodiert etwas. Wenn es einfach offen auf dem Tisch ist, wenn sozusagen die Schale von der Bombe fehlt, dann kann es nicht mehr explodieren, dann zischt es nur noch.

Eine Familie hat es dann schwer, wenn sie immer so tut, als gäbe es die Themen nicht. Die platzen dann tatsächlich an Weihnachten raus. Wenn man sagt, ja, wir haben den Konflikt und man spricht zum Beispiel die Schwester an und sagt: Weißt du, wir kennen uns beide, und diesen Konflikt werden wir auch dieses Jahr nicht lösen. Was hältst du davon, wenn wir das einfach dieses Jahr rauslassen?

ZDF: Ist das Gefühl, dass man allein ist, an Weihnachten besonders ausgeprägt?

Jörg Wesner: Das Fehlen von anderen ist glaube ich an keinem Tag deutlicher spürbar. Wenn die Einsamkeit das ganze Jahr über da ist und ich habe keine Kontakte, dann habe ich immer diese inneren Strategien, wie ich mir das zurechtlegen kann. An Heilig Abend sind überall die Lichter und alle sitzen zusammen, nur ich sitze hier alleine. Ich kann mir nicht mehr in die Tasche lügen.

ZDF: Wenn ich denke, ich bin der alleinigste Mensch auf der ganzen Welt – was raten Sie mir dann?

Jörg Wesner: Wenn dieses Gefühl aufkommt, ist es erstmal nur ein Gefühl und kein Sachverhalt. Um Sie herum sind auch noch andere Menschen genauso alleine, meistens sogar im selben Haus. Das heißt, einfach rausgehen, klingeln, mit einer Flasche Wein vielleicht in der Hand und fragen, was halten Sie davon, wenn wir beide, die wir alleine sind, vielleicht Heilig Abend zusammen verbringen?

ZDF: Meine Eltern, deine Eltern, meine Kinder, deine Kinder - Wie kann ich das gerecht bekommen, wenn ich sie nicht alle an einen Tisch kriege?

Jörg Wesner: Sowohl als auch – da gibt es einfach das Abwechslungsprinzip. Das ist das Einzige was da funktioniert. Wenn Sie nicht alle an einen Tisch können oder nicht alle an einen Tisch wollen, dann gibt es nur die eine Lösung. Dieses Jahr hier, das nächste Jahr dort. Eine andere Lösung gibt es nicht.

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