"Family Business" - Pflege in Familien

Interview mit Claus Fussek

Gesellschaft | ML mona lisa - "Family Business" - Pflege in Familien

Arbeitssuchende Frau aus Osteuropa tauscht ihre Familie gegen geldbringende Pflege in deutschem Haushalt. Ein Dokumentarfilm zeigt die Auswirkungen eines immer stärker werdenden Geschäftsmodells.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 23.01.2017, 00:00

In Deutschland können zwei Töchter ihre Mutter nicht länger pflegen. In Polen verlässt eine Mutter ihre Familie, um für die fremde Frau zu sorgen. Ein Dokumentarfilm zeigt die Schwierigkeiten eines wachsenden Geschäftsmodells. Pflege-Experte Claus Fussek kennt die Problematik. Seit Jahrzehnten engagiert sich der Fachmann für bessere Bedingungen in der Pflege und deckt Missstände auf. Bei ML beantwortet Claus Fussek Fragen zu diesem komplexen Thema.

ZDF: Wie wäre die Situation in Deutschland ohne osteuropäische Frauen in der Pflege?

Claus Fussek: Über 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden in den Familien versorgt. Wenn wir die Frauen aus Osteuropa nicht hätten, könnten wir in Deutschland nur noch beten. Denn wer kann sich sonst eine legalisierte Rund-um-die-Uhr-Versorgung leisten? Die meisten der pflegenden Angehörigen sind nach kürzester Zeit am Ende, vor allem, wenn die Pflege länger dauert. Und häufig gibt es diese Familienstrukturen gar nicht mehr, das heißt, es bleibt nur noch das Pflegeheim als Alternative.

Claus Fussek
Claus Fussek Quelle: ZDF

ZDF: Was kostet denn eine normale legale Fremdpflege etwa durch eine deutsche Pflegekraft?

Claus Fussek: Das könnte eine alleine gar nicht machen, sie bräuchten immer mehrere Leute. Denn da sind die Arbeitszeitgesetze, Lohnfortzahlung im Urlaubs- und im Krankheitsfall. Es sind ganz normale Arbeitsverhältnisse, die nach Tarif bezahlt werden, zumindest aber den Mindestlohn erhalten müssen. Das sind mindestens fünf bis sechs verschiedene Frauen, die sich abwechseln würden und dann liegen sie Minimum bei 15.000 Euro im Monat.

ZDF: Wann holen sich Familien fremde Unterstützung ins Haus?

Claus Fussek: Das hängt sehr von der Familienkonstellationen ab. In manchen Familien sind keine Kinder da, oder die Kinder sind nicht bereit, nicht in der Lage, oder berufstätig, oder wohnen woanders. Es gibt verschiedenste Gründe. Aber natürlich auch aus finanziellen Gründen. Ein Pflegeheim kostet etwa 3.500 Euro, die Pflege durch eine osteuropäische Haushaltshilfe kommt auf ungefähr 2.500 Euro im Monat. Die Motive sind sehr unterschiedlich.

ZDF: Wer hat am Ende das Sagen, wenn in einer Familie zum Beispiel die Mutter betreut wird?

Claus Fussek: Die Mutter, denn sie oder er bezahlt diese Frau aus Osteuropa. In der Regel ist es aber so, dass die Familie das Sagen hat. Wenn das klar ist, dann ist das eine harmonische Situation. Das heißt, die Frau aus Osteuropa weiß, dass sie dafür da ist, dass es dem alten Menschen gut geht. Und wenn die Chemie stimmt, das zeigen auch unsere Erfahrungen, dann ist das kein Thema, denn dafür wird sie auch bezahlt. Wenn es gut läuft, kommen die Frauen zum Teil über Jahre hinweg. Ziel ist es, dass sich zwei oder drei Pflegerinnen abwechseln, damit es nicht zu einer zu starken Personalfluktuation kommt. Die Frau aus Osteuropa fühlt sich wohl, verdient ihr Geld und für den pflegebedürftigen Menschen besteht die Möglichkeit, dass er in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann. Die Angehörigen sind entlastet.

ZDF: Was würden Sie Angehörigen in Konfliktsituationen raten?

Claus Fussek: Grundsätzlich gilt: Immer miteinander Reden und zwar von Beginn an. Bei guten Agenturen ist von vornherein festgelegt, was sind die Wünsche, was sind die Essenswünsche, was wollen sie auf keinen Fall, auf was muss man Rücksicht nehmen. Man versucht dann auch, Frauen zu finden, die vielleicht früher schon in einer ähnlichen Situation gearbeitet haben, die zusammenpassen und wenn Konflikte da sind, miteinander reden. Da ist es umso wichtiger, dass sich die Angehörigen, soweit sie da sind, auch selbst kümmern und die Frauen aus Osteuropa entlasten.

ZDF: Wie findet man seriöse Anbieter?

Claus Fussek: Nach meiner Erfahrung Mund-zu-Mund-Propaganda. Das Internet ist voll, es ist natürlich auch ein Riesengeschäft und es herrscht eine große Konkurrenz. Man muss sich einen Eindruck von der Vermittlungsagentur verschaffen: Wie seriös treten die auf, kümmern die sich um die Frauen oder hat man das Gefühl, da werden Sklavinnen vermarktet. Kennen sie diese Frauen, begleiten sie diese Frauen in deren Situation?
Diese Frauen haben auch Familien in ihrer Heimat, sind 20, 30 Fahrtstunden entfernt und wenn dort Probleme auftreten, dann stehen die Frauen auch unter Strom. Es ist klar, dass Angehörige von zu Pflegenden diese Frauen ebenfalls hegen und pflegen müssen. So wie man ein Pflegeheim aussucht, muss auch hier die Chemie stimmen. Aber entscheidend sind die individuellen und persönlichen Bedürfnisse des alten Menschen. Und es ist auch klar, dass es für alte Menschen eine große Herausforderung ist, sich plötzlich einem fremden Menschen anvertrauen zu müssen, sich mit ihm auseinandersetzen und eigentlich arrangieren zu müssen.

ZDF: Worauf sollte man besonders achten bei der Suche?

Claus Fussek: Das wichtigste ist das Vertrauen, neben der Sprache und Kommunikation. Da ist man plötzlich 24 Stunden zusammen und kann nicht miteinander sprechen, das geht gar nicht. Vertrauen, das heißt, man muss das Gefühl haben, dass man Mutter oder Vater dieser Frau anvertrauen kann und zwar 24 Stunden. Das muss stimmen.

ZDF: Worauf muss sich jede Familie finanziell einrichten, wenn die Situation eintritt und man Angehörige nicht ins Heim geben will?

Claus Fussek: Wenn man es legal macht, muss man mindestens mit 2.500 Euro im Monat rechnen, bei freier Unterkunft und Verpflegung plus Fahrtkosten. Man muss auch mitrechnen, dass man diesen Frauen Freizeit geben muss, sie müssen mindestens ein, zwei freie Tage pro Woche haben, und Möglichkeiten, mit ihrer eigenen Familie zu kommunizieren, zu telefonieren, zu skypen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.

ZDF: Was kann oder muss die Pflegereform bringen?

Claus Fussek: Eigentlich ist es klar: Pflege betrifft alle. Es wird keine Familie in Deutschland oder Europa geben, die nicht irgendwann mit diesem Thema konfrontiert wird. Umso eher erstaunt es, warum diese Frage immer noch nicht Schicksalsfrage der Nation ist und sich keine Partei damit ernsthaft auseinandersetzt. Die Pflegereform ist immer nur besser als gar nichts. Es sind immer nur ‘Reförmchen‘, aber nie bedarfsgerecht. Nirgendwo sonst spricht man immer von Obergrenzen, in der Pflege aber gibt es immer Obergrenzen.
In diesem System brauchen wir eine bezahlbare Entlastung, sonst kollabieren die Frauen, denn meist pflegen immer noch die Frauen. Es kann doch nicht sein, dass wir die Frauen aus Osteuropa als festen Bestandteil zur Sicherung der Pflege brauchen. Wir bräuchten ein System, in dem wir nicht auf die Frauen aus Osteuropa angewiesen sind. Warum haben wir nicht, wie bei Kinderkrippen oder Ganztagsschulen, entsprechende Tagespflegen, die bezahlbar sind? Wir diskutieren über kostenlose Kitaplätze. Wieso diskutieren wir nicht über kostenlose Tagespflegeplätze für pflegende Angehörige? Es ist eigentlich eine gesellschaftspolitische Frage, aber wir verdrängen das Thema und kümmern uns erst dann, wenn wir in der Familie selbst betroffen sind.

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