Brennpunkt Brenner

Interview mit Reinhold Messner

Gesellschaft | ML mona lisa - Brennpunkt Brenner

Erleichterung auf italienischer Seite: In Österreich will man nun vorerst doch auf Grenzkontrollen verzichten. Aber wie erleben die Menschen rund um den Brenner das Hin und Her um den Schlagbaum?

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.05.2017, 00:00

Erleichterung auf italienischer Seite: In Österreich will man nun vorerst doch auf Grenzkontrollen verzichten – zumindest solange die Flüchtlingszahlen nicht weiter ansteigen. Aber wie erleben die Menschen rund um den Brenner das Hin und Her um den Schlagbaum? Europa-Fan Reinhold Messner erklärt im ML-Interview, was er von der Entwicklung hält.

ZDF: Was bedeutet für Sie Reisefreiheit?

Messner: Reisefreiheit ist für mich ein Lebenselexier. Ich habe in meinem Leben weit mehr als 100 Expeditionen gemacht und ich reise mit meiner Familie. Ich reise weltweit, weil ich Vorträge mache. Also für mich zählt sehr wohl, wie ich in ein Land hineinkomme und wie ich aus einem Land wieder herauskomme. Ich fahre heute nicht mehr gern nach Amerika, weil die Grenze unangenehm kontrolliert wird.

ZDF: Was halten Sie von dem europäischen Umgang mit den Flüchtlingen?

Messner: Zuerst einmal müssen wir sagen, dass es in Europa sehr viele Menschen gibt, die sich ganz privat einbringen, die helfen, die ihre Empathie zeigen mit den Menschen. Die verstehen, dass es da Hilfe braucht. Man kann nicht Flüchtlinge aus Syrien, die vor den Bomben fliehen, nicht aufnehmen. Das geht nicht, das gehört zu unserer Kultur. Wir Europäer haben die stärkste Kultur, was soziale Probleme angeht, was Ökologie angeht und vor allem auch was Menschenrechte angeht.
Wir haben in den letzten Monaten und in den letzten Jahren Einiges an Anerkennung auch weltweit gefunden, weil wir im Grunde die Einzigen sind, die diese Werte auch zeigen. Aber es gibt eine große Zahl, je nachdem in welchem Land, die nicht bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen. Natürlich sind die Prozesse sehr lang, bis die Anerkennung da ist, und diese Zeitspanne kostet sehr viel Geld und wir verlieren damit auch Zeit, um sie zu integrieren. Aber auf lange Sicht wird das Europa sehr gut tun. Und es wird den Österreichern nicht gut tun, dass dort eine so mächtige Anti-Haltung ist gegen eben die Flüchtlinge von außen.

ZDF: Was bedeutet der Brenner für Sie persönlich?

Messner: Der Brenner für mich persönlich bedeutet, dass ich jetzt keine Grenze mehr spüre. Ich bin Südtiroler und jetzt auch Tiroler, seit Schengen gefallen ist. Früher hatte ich immer ein kleines Problem zu sagen, ich bin Tiroler, weil wir durch den Brenner getrennt wurden. Wir sind eine wohlhabende Region in Europa geworden, eines der schönsten Stückchen Europa, leben vom Tourismus. Wir könnten jetzt durch die Brennergrenze, die scharf kontrolliert wird, auch an wirtschaftlichem Erfolg einbüßen, weil die Touristen dann die Nase rümpfen und sagen, warum soll ich da ewig lang an der Grenze stehen, dazu bin ich nicht bereit. Das ist nachvollziehbar. Vor allem bei der Heimreise würden sie lange stehen.

Durch Schengen hatte ich wie jeder andere Südtiroler das Gefühl, wir sind jetzt eben Südtiroler, gehören zwar laut Pass zur Italienischen Nation, aber wir sind keine Italiener, so wenig wie wir Österreicher oder Deutsche sind. Wir sind Europäer, das ist das Schöne. Wir sind sozusagen Vorbildeuropäer mit mehreren Sprachen, mehreren Kulturen verinnerlicht, und vor allem einer großen Begeisterung für dieses gemeinsame Europa. Nur das kann unser Weg sein kann, das gemeinsame Europa um sozusagen zu einer Haltung, zu einer Emotion zu finden, um nicht mehr zwischen den Stühlen zu sitzen, sondern mittendrin.

ZDF: Befürchten Sie, wenn der Brenner geschlossen ist, dass weniger Besucher nach Südtirol kommen werden?

Reinhold Messner: Dass weniger Besucher kommen, das ist wahrscheinlich. Der Brenner wird hart kontrolliert werden, wenn viele Flüchtlinge aus dem Süden kommen. Die Italiener versuchen jetzt zwischen Verona und dem Brenner die Flüchtlinge herauszufischen, die nicht hierher gehören. Aber das ist nicht so einfach. Man muss auch Verständnis haben, dass Italien die Außengrenzen etwas schwerer kontrollieren kann als Österreich.
Nun haben die Österreicher diesen Weg gewählt, weil die Rechtspopulisten in Österreich so stark geworden sind und die Koalitionsregierung nachgegeben hat. Das hat mir persönlich wehgetan und vielen Südtirolern auch. Damit sind wir wieder emotional abgespalten von Österreich. Nur dieses Mal war es nicht Italien. Früher haben wir immer gesagt, die Italiener sind so böse, die lassen uns Südtiroler unsere Autonomie nicht voll entfalten. Jetzt plötzlich werden wir vom Mutterland, das Südtirol immer zur Herzensangelegenheit erklärt hat, sozusagen wieder abgeschnitten.
Ich hatte in den letzten 20 Jahren, seit Schengen zählt, nie mehr das Gefühl, ich fahre über die Grenze. Ich war in Tirol, bin nach Nordtirol ins Theater, ins Konzert oder nach München und die Grenze gab es nicht mehr.

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