Das Schatten-Dasein der Geliebten

Interview mit Dr. Wolfgang Krüger

Gesellschaft | ML mona lisa - Das Schatten-Dasein der Geliebten

Heimliche Treffen, einsame Wochenenden, endloses Warten auf eine Entscheidung. Auch Anna stand als Geliebte in der zweiten Reihe - bis sie es schließlich nicht mehr aushalten konnte und ging.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 30.04.2017, 00:00

Heimliche Treffen, einsame Wochenenden, endloses Warten auf eine Entscheidung. Auch Anna stand als Geliebte in der zweiten Reihe - bis sie es schließlich nicht mehr aushalten konnte und ging. Über eine Singlebörse hatte Anna einen Mann kennengelernt und sich verliebt. Erst als es zu spät war, gestand er ihr, dass er verheiratet ist. Jahrelang durchlebte sie ein Wechselbad der Gefühle, hoffte immer wieder auf ein glückliches Ende.

Dr. Wolfgang Krüger ist Psychologe und Psychotherapeut mit den Schwerpunkten Überwindung von Ängsten und Depressionen sowie der Aufarbeitung von Beziehungsschwierigkeiten. Bei ML mona lisa beantwortet der Experte Fragen zum Thema:

ZDF: Kann jeder/jede Geliebte/r werden?

Dr. Wolfgang Krüger: Jeder kann das werden. Wir lernen jemand kennen, der interessant ist, den ich unbedingt haben will, und der Andere vermittelt uns, seine eigene Ehe ist nicht gut. Und schon lande ich drin mit der Erwartung, aus dieser Beziehung eine richtige Partnerschaft zu machen.

Dr. Wolfgang Krüger
Dr. Wolfgang Krüger Quelle: ZDF

ZDF: Warum fällt es besonders Frauen schwer, eine Affäre wieder zu beenden?

Dr. Krüger: Die Geliebte hat zunächst den Eindruck: ich habe die bessere Beziehung. Ich habe das Vertrauen, und ich habe den guten Sex mit diesem Mann. Also eigentlich bin ich die Erst-Frau. Dann erlebe ich aber im Urlaub, an Silvester, oder bei Krankheit, dass ich eigentlich die Zweite bin, weil ich dann diesen Mann nicht treffen darf. Ich muss mich verstecken, das heißt, ich darf diesen Mann auf der Straße nicht küssen, nicht dem Freundeskreis vorstellen. Es ist eigentlich ein Schatten-Dasein.

ZDF: Warum tun sich das Frauen an?

Dr. Krüger: Es gibt Frauen, die das wollen, die 45 sind, die Familie gehabt haben, zwei Kinder und sagen, ich bin nicht mehr bereit, mich so sehr für andere aufzuopfern, aber ich will Sex haben und ich will einen Mann haben. Das sind Frauen, die sich freiwillig entscheiden, einen verheirateten Geschäftsmann zu haben. Das sind aber nur ungefähr 20 Prozent. Die restlichen 80 Prozent geraten hinein, aber nicht wieder hinaus. Das sind vor allem Frauen, die sich schon in der Kindheit sehr angepasst haben, die verzichtet haben, die vielleicht einen Bruder hatten, von dem sie entthront wurden, und die im Leben immer gelernt haben, ich bin die Zweite und nicht die Erste.

ZDF: Also ein Frauenphänomen?

Dr. Krüger: Es ist ein allgemeines Phänomen zunächst einmal. 50 Prozent der Männer gehen fremd und etwa 50 Prozent der Frauen. Es gibt nur einen Unterschied: Frauen wollen eine Partnerschaft und halten dieses Doppelleben, neben mir liegt mein Ehemann und ich denke die ganze Zeit an meinen Geliebten, diese Spaltung des Lebens, meistens nicht lange Zeit aus. Mehr als die Hälfte dieser Frauen will eine richtige Partnerschaft. Männer dagegen wollen das häufig als eine Dauerlösung. Das heißt, ich habe zuhause die Ehefrau, die mich versorgt und irgendwo habe ich die Geliebte. Das machen Männer oft über viele Jahre.

ZDF: Was ist das Gute, was das Schlechte an dieser Position?

Dr. Krüger: Das Gute ist zunächst einmal, es gibt nicht den nervigen Alltag, es gibt keine Kinder, es gibt kein Geschrei, es gibt eine regelrechte Fokussierung auf diese wenigen Stunden, wie eine Theatervorstellung. Das hat eine hohe Intensität an Liebe, an Erregung, das ist das Wunderbare. Aber was ich eben nicht habe, ist der normale Alltag, das Beiläufige, wo der eine kocht und der andere macht die Steuererklärung. Das entspannte Miteinander, eine Zukunft zu haben, das fehlt. Frauen wollen eine Beziehung, sie wollen gesehen werden, Intensität. Sie wollen viel mehr als Sexualität haben, sie wollen eine wirkliche Bindung. Wenn Männer merken, dass es zu sehr eine Bindung gibt, die ihren Lebensentwurf mit der Ehefrau zusammen zu bleiben bedroht, dann wird die Beziehung allmählich nur zu einem Sexabenteuer.

ZDF: Wer hat eine Machtposition?

Dr. Krüger: Die Machtposition hat immer der, der weniger will. Und am Anfang ist es natürlich so, dass die Geliebte das Gefühl hat, sie hat die besseren Karten: ich verstehe den, es besteht eine hohe Intensität. Ich bin besser zu ihm als die Ehefrau, ich gehe mit ihm ins Bett. Da ist man vollständig davon überzeugt, der muss mit mir eine vollständige Beziehung eingehen. Mit der Zeit merkt sie, wie ohnmächtig sie ist, weil der Mann einen ganz anderen Plan hat: er hat ein Haus, er hat Kinder und er will daran nichts ändern. Er will irgendwo Herzklopfen haben. Insofern ist eigentlich der Starke, der die Machtposition hat, in diesem Fall fast immer der Mann.
Die besseren Karten hat im Grunde die Ehefrau. Denn in dem Moment, wo die Ehefrau sagt, du gibst das auf oder ich trenne mich, würden die meisten Ehemänner, die ängstlich sind, die nichts auf eine Karte setzen wollen, die Geliebte opfern.

ZDF: Wie viele Männer trennen sich von ihren Ehefrauen?

Dr. Krüger: Wir wissen nur, dass halb so viele Männer wie Frauen sich trennen. Männer sind erheblich ängstlicher als Frauen. Männer wollen das Bestehende bewahren und haben Angst vor diesem Neuanfang, dass sie nochmal alles auf eine Karte setzen.

ZDF: Wie schaffen es die Frauen am besten, sich zu lösen?

Dr. Krüger: Sie müssen zunächst aktiv träumen, sie müssen aufhören, sich anzupassen, sich vorstellen, wie wünsche ich mir eine Beziehung. Dann werden sie merken, wie riesig der Abstand ist zu dem, was sie haben und da bekommen. Sie müssen anfangen, wieder ihr eigenes Leben zu führen. Sie müssen mehr unternehmen, mehr im Freundeskreis machen, unabhängiger werden, selbstbewusster werden, und sich von diesem Mann entfernen.

ZDF: Was raten Sie?

Dr. Krüger: Man müsste eigentlich, in dem Moment, wo man merkt, der ist verheiratet, was man nicht immer schon am Anfang weiß, die Hände davon lassen. Solche Beziehungen werden fast immer unendlich schwierig. Also Finger weg!
In dem Moment, wo ich mich verliebe, könnte ich diesem Mann sagen: Ich liebe dich und finde dich ganz großartig, wir können eine Beziehung beginnen, wenn du dich für mich entscheidest. Das wäre eigentlich die konsequente Lösung. Alles andere kann große Glücksmomente zunächst einmal beinhalten, aber solche Beziehungen sind nach aller Erfahrung ausgesprochen schwierig.

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