Wenn die virtuelle Welt zur Sucht wird

Ein Weg raus aus der Computersucht

Gesellschaft | ML mona lisa - Wenn die virtuelle Welt zur Sucht wird

Anerkennung, Erfolg, sich wie ein Held in der virtuellen der Online-Rollenspiele fühlen, kann süchtig machen. So wie Laslo, der seinen PC nicht mehr ausmachte und sein Zimmer nicht mehr verließ.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.04.2018, 18:00

Gordon Schmid ist Leiter von Lost in Space, einer Beratungsstelle für Computerspielsüchtige und Internetsüchtige in Berlin. Wir haben mit ihm über das Thema gesprochen.

ZDF: Herr Schmid, wer kommt vor allem in Ihre Beratungsstelle?

Gordon Schmid: In unsere Beratungsstelle Lost in space kommen hauptsächlich Männer, das Durchschnittsalter liegt bei circa 25, 26 Jahren. Sie suchen Hilfe, weil sie zu viel am Computer spielen, zu viel am Rechner recherchieren, zu viel Online-Pornographie nutzen und das einschränken oder beenden möchten, es aber nicht alleine schaffen. Die andere Zielgruppe sind die Erziehungsberechtigten, weil sie besorgt sind, dass die Kinder zu viel am Rechner spielen, sei es der 14-Jährige oder 15-Jährige oder weil die Jungs noch mit Mitte 20 zu Hause leben und den ganzen Tag nur vor dem Rechner sitzen.

ZDF: Wie hoch ist der Prozentsatz der Computersüchtigen in Deutschland?

Schmid: Es gibt unterschiedliche Studien über die Häufigkeit der Computerspielsucht. Die Zahlen schwanken hier noch sehr. So besagt beispielsweise eine aktuelle Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse DAK, dass 8,5 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an einer Computerspielsucht erkrankt seien. Ich denke, wenn man alle Studien zusammenfasst, dass sich die Zahl der Süchtigen sich zwischen zwei und vier Prozent einpendeln wird.

ZDF: Gibt es unterschiedliche Formen der Computersucht?

Gordon Schmid, Leiter "Lost in Space" Berlin
Gordon Schmid, Leiter "Lost in Space" Berlin Quelle: ZDF

Schmid: Wir unterscheiden zwischen einer allgemeinen Internetsucht, einer Online-Computer-Spielsucht, einer Online-Pornographie-Sucht und der Online-Glücksspielsucht. Allgemein bedeutet, dass es keinen direkten, klaren Schwerpunkt gibt, sondern man sich im Internet aufhält, surft, liest, Spiele spielt. Beim größten Teil derjenigen, die zu uns in die Beratungsstelle kommen, geht es um Betroffene, die nach Onlinecomputerspielen  MOBAS, MMORPGS, süchtig sind. Ein anderer Bereich ist die Online-Pornographie-Sucht, die Betroffene auch ganz klar äußern, die das über 6 bis 8 Stunden am Tag nutzen und selbst darunter leiden. Und dann gibt es noch den Bereich der die Online-Glücksspielsucht, Betroffene, die online Glücksspiele spielen, sei es über Smartphone, Computer, Tablet, von überall.

ZDF: Sie sprechen von vor allem computersüchtigen jungen Männern. Wie sieht es bei den Frauen aus?

Schmid: Bei den jungen Männern, die in die Beratungsstelle kommen, geht es hauptsächlich um die Spiele, die sie konsumieren. Bei den Frauen ist es ein bisschen ein anderes Bild. Da ist es häufig eine Mischung von sozialen Netzwerken oder Serien-Streamen oder Nachrichten lesen. Früher hat man telefoniert, heute hält man Kontakt über soziale Netzwerke, über Facebook, WhatsApp, Instagram. Betroffene holen sich darüber viel Bestätigung und Befriedigung. Ein Beispiel: Ich poste ein Bild von mir mit meiner neuen Sonnenbrille und bekomme innerhalb einer Stunde etwa 10, 20 Likes, das tut erst mal gut, es ist die schnelle Bestätigung, ich habe etwas Tolles gepostet. Im „Real life“ passiert mir das eben nicht. Wenn ich die Sonnenbrille aufsetze und durch den Park spazieren gehe, werden mich wahrscheinlich nicht 20 Personen ansprechen und meine Sonnenbrille bewundern. Wenn wir soziale Netzwerke nutzen und darüber Bestätigung erhalten, finden bei uns auch neurobiologische Prozesse statt. Das heißt, dass dann durch die Bestätigung zum einen Serotonin oder auch Oxytocin ausgeschüttet wird, was Befriedigung für uns bedeutet und Wohlbefinden auslöst. Das wird aber dann zur Sucht oder Gefahr, wenn es mehr Raum einnimmt, wenn ich mich immer mehr zurückziehe in meine virtuelle Welt und nicht mehr hinausgehe in die reale Welt.

ZDF: Kann man da selbst auch bewusst entgegen steuern?

Schmid: Unser Ansatz ist es, nicht zu sagen wir müssen jetzt alles Smartphones und Rechner wieder verbannen. Sondern wir müssen lernen, damit gesund umzugehen. Sich bewusst Offline-Zeiten einzurichten, sei es nur beim Abendessen das Smartphone wegzulegen, nachts das Smartphone offline zu stellen, oder sich auch wieder eine Armbanduhr anzuschaffen, um hier wieder ein Bewusstsein für das „Real life“ zu bekommen. Wichtig ist auch, sich selbst zu beobachten: Ziehe ich mich mehr aus meiner Realität zurück und halte ich mich viel mehr in der virtuellen Welt auf? Dann spätestens sollte ich vorsichtig sein und wieder Gegenmaßnahmen einleiten. Auf der anderen Seite darf man das Ganze auch nicht dramatisieren und jeden Jugendlichen, der ein Egoshooter-Spiel oder ein Onlinerollenspiel spielt, gleich als Süchtigen abstempeln. Ich glaube, wir müssen lernen und akzeptieren, dass die Medien einfach in die heutige Zeit gehören, dass wir mit ihnen umgehen und dass wir es schaffen, auch wieder Offline-Zeiten einzurichten und uns nicht zu abhängig von diesen Medien zu machen.

ZDF: Gibt es ausreichend Beratungsstellen?

Schmid: Wir brauchen auf alle Fälle ein flächendeckendes Angebot, das muss schon in Kindergärten anfangen, um Kinder, um Jugendliche, aber gerade auch Eltern zu warnen und ihnen beizubringen, einen gesunden Umgang zu finden, damit sie davor nicht kapitulieren. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr in Prävention, in Frühintervention investiert würde, aber auch auf der Beratungsseite, auf der Therapieseite, damit wir dann ein flächendeckendes Angebot in ganz Deutschland haben.

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