Krankmacher Krankenhaus

Gesellschaft | ML mona lisa - Krankmacher Krankenhaus

Mangelnde Hygiene, Arbeitsdruck, Leichtsinn – mehr als 600.000 Infektionen mit Krankenhauskeimen gibt es jedes Jahr. Für Patienten bedeutet das ein Martyrium mit teils schlimmen Folgen.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 29.04.2018, 18:00

Wie bei Schauspieler Uwe Fellensiek. Anlässlich einer Routineoperation hatte er sich mit Keimen infiziert. Jahrelang kämpfte er danach mit massiven gesundheitlichen Problemen, musste mehrfach operiert werden. Bei ML erzählt der Schauspieler, der mit seiner “Initiative Kampf dem Krankenhauskeim“ auf das Problem aufmerksam machen möchte, von seinen Erfahrungen. Und wir fragen nach bei dem ehemaligen Chefarzt und Buchautor Prof. Dr. Ulrich Hildebrandt: Welche Gefahr lauert tatsächlich in Krankenhäusern?

Interview mit Prof. Dr. Ulrich Hildebrandt

ZDF: Muss man Angst haben, dass es im Krankenhaus vor multiresistenten Keimen nur so wimmelt?

Das Bild zeigt Prof. Dr. Ulrich Hildebrandt.
Prof. Dr. Ulrich Hildebrandt Quelle: ZDF

Prof. Dr. Ulrich Hildebrandt: Das ist nicht der Fall. Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, muss ich mich auch irgendwo festhalten, oder einen Türknopf drücken, da habe ich eine ähnliche Situation wie im Krankenhaus. Sie sollten vielleicht wissen, dass zwei Prozent der Bevölkerung multiresistente Keime mit sich herumtragen, ohne dass sie krank sind. Aber sie sind damit auch potentielle Überträger von solchen Keimen. Wenn man speziell an das Krankenhaus denkt, da sind es dort tatsächlich auch nur zwei Prozent der Menschen, die rein und raus gehen, die solche Keime mit sich tragen.
Wenn Sie aber stationär im Krankenhaus sind, dann besteht schon die Gefahr, dass Sie sich mit Keimen anstecken, die von anderen Patienten stammen und die durch Unachtsamkeit, oder durch Druck auf das Pflegepersonal, oder durch Hektik, oder zu wenig Personal tatsächlich an Sie übertragen werden. Da ist das Risiko schon ein bisschen größer. Aber es ist nicht so, dass das Krankenhaus nur so von Keimen wimmelt. Die Angst muss man wirklich nicht haben.

ZDF: Wie sehen Sie die Rolle des Chefarztes?

Prof. Dr. Hildebrandt: Ich finde es nicht ganz korrekt, dass man Chefärzte beauftragt oder in die Verantwortung zieht, für die Hygiene zu sorgen, ihnen aber nicht die Mittel gibt, mit denen sie das bewerkstelligen können. Vielleicht wissen Sie, dass es professionell hygienebeauftragte Ärzte, also speziell damit betraute und dafür ausgebildete Ärzte, nur in Krankenhäusern gibt, die mehr als 400 Betten haben. Bei ungefähr 2.000 Krankenhäusern, die wir in Deutschland haben, ist das vielleicht ein Drittel. Das heißt, zwei Drittel der Krankenhäuser haben gar nicht die gesetzliche Verpflichtung, einen hauptamtlichen Hygiene-Facharzt zu beschäftigen, der dafür Sorge trägt, dass es auch im Krankenhaus sauber zugeht.
Da wird immer irgendeiner beauftragt, der ist Hygiene-Beauftragter, der hat aber als Arzt eigentlich eine andere Haupt-Aufgabe. Er macht das quasi nebenbei. Und was das Schlimme ist, er hat null und keine Kompetenz. Das heißt, man hat dann einfach auf dem Papier einen gefunden, der das macht für irgendwelche rechtlichen Auseinandersetzungen im Schadensfall. Man sagt, es wird doch dafür gesorgt, aber in der Praxis sieht das leider schäbig aus.

ZDF: Inwiefern ist das Problem des multiresistenten Keimes eine Folge des Sparzwangs bzw. wirtschaftlichen Denkens in Kliniken?

Prof. Dr. Hildebrandt:  Es gibt eine Studie, die jüngst veröffentlich wurde, die wurde in Hannover von der medizinischen Hochschule erstellt, und da steht drin, dass es auf jeden Fall einen Zusammenhang gibt zwischen Infektionshäufigkeit und Personaldichte, also Personalmangel. Mit anderen Worten, Qualität im Krankenhaus erfordert auch ausreichend Personal. Und wenn am Personal gespart wird, ist auch das Risiko einer Infektion größer.

ZDF: Wie erkenne ich ein Krankenhaus, das für mich sicherer ist?

Prof. Dr. Hildebrandt: Wenn Sie aus einem Krankenhaus heraushören in Ihrem Bekanntenkreis, von Schwestern, oder wenn es auch in der Zeitung steht, dass dort Personalmangel besteht, dann würde ich sagen, sollten Sie sich Gedanken über die Hygiene dieses Krankenhauses machen.

ZDF: Warum ist der Nachweis so schwer bei einer Keiminfektion, und warum ziehen Patienten häufig den Kürzeren?

Prof. Dr. Hildebrandt: Weil Sie den Verursacher finden müssen. Das Krankenhaus als Verursacher wehrt sich natürlich immer dagegen. Wenn Sie die Institution Krankenhaus verklagen, dann haben Sie wahrscheinlich als Patient vor Gericht relativ wenig Aussicht auf Erfolg. Wenn Sie allerdings den Arzt verklagen, der Sie behandelt hat, bei einer Operation speziell den, der die Operation durchgeführt hat, dann neigen die Gericht dazu, genau diesen Arzt auch tatsächlich als Schuldigen herauszufinden, was natürlich nicht ganz korrekt ist dem Arzt gegenüber. Denn das Krankenhaus als Institution hat nicht nur den Arzt, der die Operation ausführt. Es hat  auch die OP-Schwestern, hat die Leute, die OP-Instrumente sterilisieren, hat die Leute, die den Operationssaal wischen, und hat auch die Schwestern, die dann hinterher die Wunde weiterbetreuen postoperativ.
Es gibt ganz viele Möglichkeiten, wie Keime in Wunden eintreten können. Der Arzt wird sich wehren, der die Operation durchgeführt hat, und wird sagen, nein, ich war’s nicht, möglicherweise war das Instrumentarium nicht steril. Möglicherweise ist es hinterher auf Station bei der Wundversorgung passiert, wir haben so wenig Schwestern, und die haben so viele infizierte Patienten zu betreuen, da ist es dann schon möglich, dass mal Keime unbeabsichtigt in so eine Wunde reingeraten. Da wird man nie so richtig den Schuldigen finden und das ist tatsächlich für den Patienten ein Problem.
Aber es gibt neuerdings in der Rechtsprechung eine Tendenz,  auch mal die Institution Krankenhaus zu befragen. Das heißt, wenn Sie heute als Patient sagen, das Krankenhaus hat meines Erachtens seine Hygiene-Pflichten nicht richtig wahrgenommen. Das sind natürlich Beobachtungen, die sie dort getroffen haben, die sie irgendwie dokumentieren müssen. Wenn Sie das dann tatsächlich vor Gericht ausbreiten könnten. und der Richter sagt, o.k., das kann ich mir gut vorstellen, dann haben Sie eigentlich ein gutes Argument, da wieder einen gewissen Ersatz für das Leiden, was Ihnen zugefügt wurde, zu erhalten. Aber es ist ein schwieriger Weg.

Buchtipp

Ulrich Hildebrandt (Autor)

Die Krankenhausverdiener:
Wollen Sie noch mal krank sein? Ich nicht!
Das Resümee eines langjährigen Chefarztes

Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf (25. April 2016)
ISBN-13: 978-3862655410

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