Altes loslassen und Neues zulassen

Gesellschaft | ML mona lisa - Altes loslassen und Neues zulassen

Zu Neujahr ist der Wunsch nach Veränderung besonders groß. Doch es gibt viele Gründe, das Leben nochmal neu zu denken. Also: Loslassen wie Nico Rosberg, der seine Karriere am Höhepunkt beendete?

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 07.01.2018, 18:00

Egal, ob wir einfach nur Ballast ablegen, uns dem Leistungsdruck verweigern, eine verkorkste Beziehung beenden oder neu anfangen, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Gewohnte Wege zu verlassen und Neues zu wagen könne in allen Bereichen des Lebens eine Wohltat sein, sagen Experten wie Nicole Stern. Die Meditationslehrerin und Autorin erklärt im ML-Interview, warum es oft schwer fällt, loszulassen.

Interview mit Nicole Stern

ZDF: Was bedeutet Loslassen eigentlich?

Nicole Stern: Loslassen ist eine menschliche Fähigkeit, die wir sowieso haben, aber die uns bei einigen Dingen, oder auch Menschen, oder auch inneren Vorstellungen, Wünschen, doch schwer fällt. Das Gegenteil ist Festhalten. Es steckt immer dahinter, es nicht so haben zu wollen, wie es gerade ist. Das heißt, dass wir versuchen, das Leben zu kontrollieren. Loslassen bedeutet, mit dem Fluss des Lebens mitzufließen. Das ist eigentlich eine ganz wunderbare Angelegenheit.

ZDF: Warum fällt es uns oft so schwer, loszulassen?

Das Bild zeigt Nicole Stern.
Nicole Stern Quelle: ZDF

Nicole Stern: In der Regel, weil wir es nicht gelernt haben, weil wir die Überzeugung haben, das was angenehm ist, das möchten wir gern behalten und das, was unangenehm ist, das versuchen wir eher wegzuschieben, aus unserem Leben zu verdrängen. Von daher ist es ganz schwierig, diesen automatischen Mechanismus zu durchbrechen, und das, was eben da ist in unserem Leben – das, was uns geschieht, die Lebensereignisse, die in unserem Leben kommen, die Unterschiede, dieser ständige Wandel – damit umzugehen und zu sagen, ich nehme das alles an. Das wäre eine Art, loslassend durchs Leben zu gehen. Ich nehme all das an, was da ist, und natürlich gibt es immer noch Dinge, die ich nicht so gern mag, aber ich kämpfe nicht mehr dagegen.

ZDF: Kann man Loslassen lernen?

Nicole Stern: Ja. Das kann man lernen. Es wird in allen alten Weisheitstraditionen schon beschrieben. Ich denke, wir müssen es lernen, weil wir alle auf das große Loslassen zugehen. Das letztendliche Loslassen, was das eigene Sterben auch ist. Dann müssen wir spätestens all das, was wir liebgewonnen haben, was wir liebhaben, was wir nicht aufgeben möchten, auch unseren Körper, loslassen.

ZDF: Fällt es Menschen heute schwerer, loszulassen als vergangenen Generationen?

Nicole Stern: Ich glaube, das ist ein Menschheitsthema. Das ist immer schon schwergefallen, loszulassen. Doch ich beobachte, dass wir in unserer jetzigen Zeit unser Leben noch voller stellen. Dass wir zu viel zu tun haben, zu viel angehäuft haben. Dass wir auch ein negatives Bild darüber haben, loszulassen. Wir versuchen alles mitzunehmen, ein ganz pralles Leben zu führen. Wir stopfen uns damit unser Leben voll und haben dann gar keinen Platz mehr für Neues.

ZDF: Gibt es unterschiedliche Arten von Loslassen?

Nicole Stern: Ja, auf jeden Fall gibt es unterschiedliche Arten. Wenn wir lernen wollen, loszulassen, dann geht es im ersten Schritt darum, zu schauen, was ist es überhaupt, was wir loslassen. Wenn wir einen geliebten Menschen loslassen, ist es eine andere Art von Loslassen, weil sie so stark emotional eingefärbt ist, als wenn wir Dinge loslassen. Es ist auch noch bei jedem Menschen sehr unterschiedlich. Das heißt, wenn wir aufräumen, ausmisten, den Kleiderschrank zu voll haben, das ist auch eine Art von Loslassen. Sicherlich kennen das auch Viele, dass sie sagen, ich stehe davor und ich kann mich nicht von den Dingen trennen. Das ist aber ein anderes emotionales Geschehen, als wenn ein geliebter Mensch stirbt oder wir uns trennen oder die Kinder aus dem Haus gehen.

ZDF: Warum tun sich die einen schwerer, andere leichter?

Nicole Stern: Das sind ganz persönliche Dispositionen. Die haben unter anderem auch damit zu tun, was uns vorgelebt wurde, wie wir in der Kindheit gelernt haben, mit Loslassen umzugehen. Aber wir können das jederzeit auch nachlernen. Die Voraussetzung ist immer, dass wir auch den Wunsch haben, wirklich gut loszulassen. Wir müssen einen Sinn darin sehen, wir müssen auch einen Gewinn darin sehen, ansonsten wird es schwer.

Wenn wir uns vornehmen und sagen, das muss ich jetzt loslassen, dann ist es schon zum Scheitern verurteilt. Es braucht einen Ausgleich zu der Konzentration, der Ausrichtung und auch der Entscheidung, ich will loslassen. Eine Entspannung, sodass ich sage, ja, ich habe jetzt die Entscheidung getroffen, jetzt atme ich erstmal durch. Ich schaue mir zum Beispiel meinen Kleiderschrank an. Oder ich überlege mir, wie ist das denn jetzt, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Das ist doch völlig normal, das ist ein ganz normaler Entwicklungsprozess, der ist gesund. Und: Welchen Gewinn habe ich dadurch? Das heißt, z. B. als Mutter, dass ich mich dann wieder um die Dinge kümmern kann, die vielleicht zurückgestellt wurden.

Buchtipp

Das Bild zeigt das Buchcover "Das Muße-Prinzip"
Das Muße-Prinzip Quelle: ZDF

Nicole Stern
Das Muße-Prinzip:
Wie wir wirklich im Jetzt ankommen

Verlag: Arkana (21. November 2016)
ISBN-13: 978-3442342051

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