Gegen Gewalt an Kindern

Prof. Dr. Jörg Fegert im Interview

Gesellschaft | ML mona lisa - Gegen Gewalt an Kindern

Markus‘ Kindheit bestand aus Schlägen und Demütigungen durch seinen gewalttätigen Vater – und alle sahen weg. Von Geborgenheit keine Spur. 30 Jahre lang hat er sein Trauma verdrängt.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.02.2017, 10:36

Markus Breitscheidels Kindheit bestand aus Schlägen und Demütigungen durch seinen gewalttätigen Vater – und alle sahen weg. Von Geborgenheit keine Spur. 30 Jahre lang hat er sein Trauma verdrängt. Fast 200.000 Kinder in Deutschland werden pro Jahr Opfer häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer ist hoch, hinter den Fassaden der heilen Welt tun sich Abgründe auf. Markus hat seine Erinnerungen zu Papier gebracht, auch als Mahnung, nicht einfach wegzusehen. Doch immer noch sterben jede Woche drei Kinder in Deutschland wegen häuslicher Gewalt, die Dunkelziffer ist hoch. Was das für die Gesellschaft und die Kinder bedeutet, darüber sprach ML mona lisa mit dem Kinderpsychiater Prof. Dr. Jörg Fegert.

ZDF: Herr Prof. Jörg Fegert, man geht bei den Fällen von häuslicher Gewalt gegen Kindern von einer hohen Dunkelziffer aus. Woran liegt das?

Prof. Jörg Fegert: Der Hauptgrund dafür ist, dass viele Betroffene sich nicht trauen, darüber zu reden. Teilweise kommt es täglich zu Fällen von Gewalt. Doch kleine Kinder können sich nicht ohne Hilfe an jemanden wenden und größere Kinder sowie Jugendliche trauen sich oft nicht. Manchmal wenden sie sich an Lehrer, doch dann geht es auch nicht weiter. Letztendlich führt das in unserem System dazu, dass die Zahl der Fälle, die in unserem System, also bei der Strafjustiz oder den Hilfeeinrichtungen tatsächlich ankommen, relativ klein ist.

ZDF: Bleiben viele gewaltsame Tode von Kindern unentdeckt?

Prof. Dr. Jörg Fegert
Prof. Jörg Fegert Quelle: ZDF

Fegert: Ich denke, die gewaltsamen Tode werden schon wahrgenommen und es gibt sehr viel mehr rechtsmedizinische Möglichkeiten, also dass eine Autopsie stattfindet und insgesamt darüber gerichtet werden kann. Häufig unentdeckt bleiben die quasi Fast-Todesfälle, verschiedene Schütteltraumata usw., die im Kindesalter doch recht häufig sind. Wir machten vor einigen Jahren eine Expertise für das Bundesfamilienministerium nach dem Fall Kevin, der damals einen Skandal auslöste. Wir konnten innerhalb eines Jahres hunderte weitere Fälle beschreiben. Im Hilfssystem wird zu wenig miteinander kommuniziert, deshalb ist es wichtig, dass wir die Möglichkeit haben, nicht die Schweigepflicht brechen zu müssen, sondern zusammen reden zu können.

ZDF: Seit 2000 gibt es das Recht auf gewaltfreie Erziehung, die Zahlen sind trotzdem konstant hoch. Was muss noch passieren?

Fegert: Ich denke, dies war trotzdem ein wichtiger Schritt, dass wir endlich um die Jahrtausendwende das Recht auf gewaltfreie Erziehung als Standard, eingeführt haben. Wenn Sie sich Studien zur Einstellung von Eltern im Erziehungsverhalten anschauen, haben sich die Einstellungen seither auch massiv geändert. Schlagen wird eher verpönt, während man früher häufig sagte, das hat noch keinem geschadet.  Ich denke, dass man die absoluten Zahlen von Misshandlungen in Extremsituationen wahrscheinlich in jeder Gesellschaft nie auf null bringen wird.

ZDF: Kommt es in Deutschland zu mehr Gewalt gegen Kindern im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

Fegert: Die Weltgesundheitsorganisation hat gerade eine Übersicht für die europäische Region gemacht und Vergleiche gemacht. Und wir können sagen, dass Gewalt gegen Kinder in Gesamteuropa relativ seltener ist als zum Beispiel im Vergleich zur Welt. Gerade beim sexuellen Missbrauch haben wir schon etwas niedrigere Raten. Mein Erachtens nach ist das auch eine Folge der ganzen Bemühungen zum Kindesschutz. Wir haben aber immer noch Zahlen im ein- bis zweistelligen Prozentbereich. Das bedeutet, das ist im Prinzip wie bei Volkskrankheiten. Wenn Sie sich vorstellen, wie viele Diabetiker Sie in Ihrem Umfeld kennen, mindestens genauso viele misshandelte Personen kennen Sie. Damit man ein Gefühl für die Zahlen bekommt.

ZDF: Wie kann man Nachbarn dazu bringen sich sinnvoll einzumischen?

Fegert: Viele betroffene Kinder erleben Schweigen oder wenden sich an jemanden und niemand reagiert. Weil das peinlich ist, weil man Nachbarn so etwas nicht unterstellen will und weil man den Kindern schlicht und einfach auch nicht glaubt. Manche Kinder meinen auch, den Familienzusammenhalt verteidigen zu müssen, indem sie nicht „schlecht“ über die Eltern sprechen. Also schweigen sie. Um helfen zu können muss man Vertrauen schaffen und die Beziehung zu den Kindern ernstnehmen. Wir wissen aus vielen Studien, dass viele Kinder versuchen, sich anzuvertrauen und dass sie oft nicht gehört werden. In einer Befragung für die Bundesbeauftragte Frau Dr. Bergmann haben ganz viele betroffene Erwachsene haben gesagt, wie oft sie das eigentlich erlebt haben, dass ihnen keiner zugehört hat.

ZDF: Sollten wir eine gesetzliche Meldepflicht in Deutschland haben?

Fegert: Es gibt in Deutschland keine gesetzliche Meldepflicht und ich halte das auch für vernünftig und gut. Denn in Ländern wie den USA, wo eine Meldepflicht eingeführt wurde, sind die Meldungen noch geringer geworden. Weil wir uns dann quasi selbst zensieren und uns fragen, kann ich diesen Vorwurf wirklich erheben. Und das sind Güterabwägungen, welche eigentlich vor Gericht oder dem Jugendamt stattfinden sollten. Wir brauchen eine offene Kommunikation, die Fachleute beim Jugendamt, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiater wie wir, sollten uns die Fälle ansehen und den Betroffenen Unterstützung  geben, aber keine Meldepflicht haben.

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