Gewalt hinter verschlossenen Türen

Gesellschaft | ML mona lisa - Gewalt hinter verschlossenen Türen

Mehr als 100.000 Frauen pro Jahr werden zu Opfern, so die aktuellen Zahlen des BKA. Doch die Dunkelziffer ist höher. Was sind die Ursachen häuslicher Gewalt? Und – wer sind die Täter?

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.11.2017, 18:00

Die Zahlen sind alarmierend. Auch Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig sieht dringenden Handlungsbedarf: Häusliche Gewalt sei keine Privatsache, sondern Strafsache, sagt die Ministerin. Um schnelle und effektive Hilfe leisten zu können, steht ein bundesweites Hilfetelefon des Bundesamts für Familie und Zivilgesellschaftliche Aufgaben unter der Telefonnummer 08000116016 für Betroffene, Angehörige und Freunde rund um die Uhr zur Verfügung.

Die Aggression der Männer

Schock nach der Beziehungstat in Hameln: Eine junge Frau wird lebensgefährlich verletzt, als ihr Ex-Partner sie an sein Auto gehängt durch die Straßen schleift. Ein unfassbares Verbrechen – wie konnte das geschehen?
Wir fragen nach bei dem Kriminologen Prof. Christian Pfeiffer. Im ML-Interview beantwortet der Experte Fragen zum Thema “Gewalt gegen Frauen“:

ZDF: Welche Formen häuslicher Gewalt gibt es?

Prof. Christian Pfeiffer
Prof. Christian Pfeiffer Quelle: ZDF

Prof. Christian Pfeiffer: Beim Stalking fängt es an, dass man als Mann die Kränkung, dass eine Frau sich von ihm getrennt hat, dass sie ihn zurückgewiesen hat, einfach nicht so runterschlucken kann. Dann terrorisiert man sie mit Telefonanrufen, mit nächtlichem Klingeln, mit unter Umständen sogar körperlichen Bedrohungen. Das kann sich dann steigern bis hin zu aktiver Gewalt, bis hin zum Tötungsdelikt.

ZDF: Sind Männer mit Migrationshintergrund häufiger Täter häuslicher Gewalt gegen Frauen?

Prof. Christian Pfeiffer: Wenn sie frisch in unser Land gekommen sind, wie beispielsweise amerikanische Soldaten, die zu einem großen Teil in der Umgebung von Heidelberg stationiert wurden, dann war Heidelberg plötzlich die Stadt mit der höchsten Vergewaltigungsrate in Deutschland. Die Zusammenballung von jungen Männern ohne Familie, ohne Freundinnen, nicht der Sprache kundig, das hat damals zu großen Problemen geführt.
Weil jetzt so viele junge Männer aus arabischen Ländern gekommen sind, ist es wichtig, dass wir denen, sofern sie einen festen Aufenthaltsstatus bekommen und hier leben und arbeiten dürfen, erlauben, dass sie ihre Freundinnen und Ehefrauen nachholen. Sonst haben wir das Problem, ähnlich wie es bei den Amerikanern auftrat: junge Männer, ohne familiäre Anbindung sind nun mal ein Risiko.

ZDF: Was sind die Gründe für die Ausübung von Gewalt gegen Frauen?

Prof. Christian Pfeiffer: Es hat etwas mit der Machokultur zu tun, in der sie aufwachsen, die sie prägt. Von daher haben wir höhere Gewaltraten, auch höhere Raten von sexueller Gewalt. Aber es gibt die erfreuliche Botschaft, dass es kulturelle Lernprozesse gibt. Wir haben seit 1998 in Hannover immer wieder die Jugendlichen repräsentativ erfasst, und da zeigt sich: Am Anfang sind fast ein Drittel der jungen Türken kernige Machos, die den Satz voll unterschreiben, der Mann ist das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls mit Gewalt durchsetzen. Inzwischen sind es nur noch 10 Prozent, die Gewaltrate ist in allen Bereichen zurückgegangen.
Das heißt, Bildung hilft, soziale Integration hilft. Das ist die Botschaft, die wir jetzt wieder hochhalten müssen, wenn es darum geht, die etwa 250.000 bis 300.000 nichtbegleiteten, jungen Männer aus arabischen Ländern in unsere Gesellschaft zu integrieren, sobald ihr Asylverfahren gelaufen ist und sie wissen, sie können hier bleiben.

ZDF: Viele Menschen haben Angst vor der Machokultur von Migranten. Wie beurteilen Sie das?

Prof. Christian Pfeiffer: Das kann ich verstehen. Wir hatten letztes Jahr eine Zuwanderung von einer Million Menschen, und die große Mehrheit von ihnen waren junge Männer. Trotzdem sind die Vergewaltigungszahlen der Polizei rückläufig um 4,5 Prozent. Die großen Ängste sind nachvollziehbar, weil man vor Fremdem immer Angst hat. Aber man muss sich klar machen, diese Menschen, die zu uns gekommen sind, wollen nicht negativ auffallen, weil sie sonst keine Chance mehr haben als Asylbewerber.
Ob sie sich dann gut einfinden, hängt von zwei Faktoren ab: 1. Arbeit und 2. Familie. Also müssen wir alles tun, dass sie möglichst bald aus ihrer Untätigkeit herauskommen und fähig sind, sich ihr eigenes Geld zu verdienen. Und wir sollten ihnen die Chance eröffnen, Frauen, Familie, Kinder nachzuholen, dann befrieden wir die Szene.

ZDF: Würden Sie sagen, dass die Tat in Hameln ein besonders brutales Verbrechen ist, ein Sonderfall?

Prof. Christian Pfeiffer: Selbst für die Kurden ist es ein extremer Sonderfall. Auch dort, wo sie herkommen, ist diese Brutalität nicht üblich. Wir wissen aber generell, dass bei Migranten aus diesem kulturellen Milieu, die die Dominanz der Männer in der Kindheit noch erlebt haben, dass die durchaus sich schwerer tun, die Trennung von einer Frau zu akzeptieren, und eher dazu tendieren, in einer solchen Situation Gewalt einzusetzen, zuzuschlagen. Auf diese Weise, wie das dort geschehen ist, das ist selbst in solchen Kreisen nicht üblich.

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