Der nahe Tod und die Folgen

Gesellschaft | ML mona lisa - Der nahe Tod und die Folgen

“Da ich keine Angst mehr habe, zu sterben, habe ich auch keine Angst mehr, zu leben“, sagt Sabine. Bei ML erzählt die dreifache Mutter, warum nach ihrem Nahtoderlebnis alles anders war.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.04.2018, 18:00

Für Außenstehende häufig schwer nachvollziehbar, hinterlassen die Nahtod-Erlebnisse tiefe Eindrücke bei den Betroffenen. Ihr Leben sei jetzt ein anderes, sagt auch Sabine Mehne. Die Physiotherapeutin ist Mitgründerin des Netzwerkes Nahtoderfahrung e.V., hält zahlreiche Vorträge auch mit Pim van Lommel, und hat ihre Erfahrungen in Büchern veröffentlicht.

Was der Experte sagt

Das Bild zeigt Pim van Lommel.
Pim van Lommel Quelle: ZDF

Pim van Lommel ist ein niederländischer Kardiologe, der sich seit über 30 Jahren der Erforschung von Nahtoderfahrung widmet. 2001 veröffentlichte er in der renommierten Fachzeitschrift “The Lancet“ die bis dahin einzige prospektive Langzeitstudie über die Nahtoderfahrungen (NTE) von Überlebenden eines Herzstillstandes, die international große Beachtung fand, aber auch viel Kritik auslöste.
2009 erschien sein Buch “Endloses Bewusstsein“ auf Deutsch, das sich auf die Studie stützt und ein internationaler Bestseller wurde. Darin vertritt er die These, dass sich Bewusstsein nicht auf das Gehirn reduzieren lässt, denn es existiere auch nicht-lokal außerhalb des Körpers. Im ML-Interview beantwortet Pim van Lommel Fragen zum Thema.

Das Interview mit Pim van Lommel

ZDF: Wie viele Menschen hatten eine Nahtoderfahrung?

Pim van Lommel: Das war 1969. Ich war junger Assistenzarzt und damals war die Wiederbelebung nach einem Herzstillstand erstmals möglich geworden. Vor 1967 sind alle Patienten mit Herzstillstand gestorben. Wir hatten einen Patienten, der wiederbelebt wurde und nach vier Minuten kam er wieder zu Bewusstsein. Wir waren als Reanimationsteam darüber natürlich sehr glücklich. Aber der Patient war sehr, sehr enttäuscht und sagte etwas über ein Licht, oder Farben, oder Musik oder Tunnel und ich habe das niemals vergessen.
1975 habe ich dann das Buch “Leben nach dem Tod“ von Raymond Moody gelesen über Nahtoderfahrungen. Aber keiner wusste, was das ist. Ich habe an der Universität gelernt, dass bewusste Erfahrungen und Herzstillstand unmöglich sind. Also habe ich ab 1986 zusammen mit Kollegen angefangen, Patienten zu fragen, wie sie einen Herzstillstand überlebt haben, ob sie sich erinnern an die Periode des Herzstillstands. Zu meiner großen Überraschung haben mir innerhalb von zwei Jahren von 50 Patienten zwölf von einem Nahtoderlebnis berichtet.

ZDF: Was ist denn eigentlich eine Nahtoderfahrung (NTE)?

Pim van Lommel: Die Nahtoderfahrung ist die geballte Erinnerung an diesen besonderen Bewusstseinszustand mit diesen universalen Elementen. Diese Nahtoderfahrung wird meistens berichtet durch Menschen, die einen Herzstillstand hatten, klinisch tot waren, aber auch junge Frauen, mit Schock durch Blutverlust, komplizierter Geburt, Menschen, die beinahe ertrunken sind, oder Komapatienten. Aber auch während einer schweren Depression oder existentiellen Krise oder Isolation – es gibt Astronauten mit einer NTE – oder Meditation. Man muss also nicht unbedingt klinisch tot sein für eine NTE.

ZDF: Was erzählen Menschen mit einer Nahtoderfahrung? Gibt es Gemeinsamkeiten?

Pim van Lommel: Die Nahtoderfahrung hat viele Elemente, universale Elemente, aber nicht alle Patienten erleben alle Elemente. Erstens haben sie keine Schmerzen mehr im Körper. Dann haben sie die Möglichkeit, von oben den leblosen Körper zu sehen mit der Wiederbelebung und sind erstaunt, dass das möglich ist. Eine sogenannte “out of body experience“. Sie können in diesem Zustand völlig normal nachdenken, sie haben Emotionen, haben ein klares Bewusstsein. Dann können sie in einen dunklen Raum kommen, haben das Gefühl ein Licht zu sehen, kommen in eine andere Welt, wo sie verstorbene Verwandte sehen können. Von wunderbaren Farben berichten die Patienten, wunderbarer Musik und vor allem von Licht oder einem Wesen von Licht.
Viele erfahren vorbehaltlose Liebe, sie fühlen sich ganz akzeptiert, sie kennen diese Art Liebe nicht von der Erde. Sie haben das Gefühl, Kontakt mit allem Wissen dieser Welt zu haben. Viele haben eine Rückschau, sodass das ganze Leben an ihnen vorbei zieht, auch Kontakt mit anderen Menschen, alle Gefühle, alle Gedanken von anderen Menschen. Die Rückschau, das ist ohne Zeit und ohne Raum, alles scheint gleichzeitig zu sein.

ZDF: Ihre Studie hat sich auch mit längerfristigen Auswirkungen von Nahtoderfahrungen beschäftigt. Wie verändern sich Menschen nach einer NTE?

Pim van Lommel: Wir haben eine Langzeitstudie durchgeführt mit allen Überlebenden eines Herzstillstandes und haben Interviews geführt nach zwei und acht Jahren. Es hat sich herausgestellt, dass nur die Patienten mit einer NTE sich maßgeblich verändern. Bei nahezu allen verschwindet die Angst vor dem Tod. Das ganze Weltbild verändert sich, sie bekommen neue Ansichten, was wichtig ist im Leben, sie sind empathischer als zuvor, haben ein starkes Gefühl der Verbundenheit mit der Natur und den Menschen, und sie haben fast alle eine erweiterte intuitive Sensitivität.

ZDF: Haben alle Menschen mit einer Nahtoderfahrung keine Angst mehr vor dem Tod?

Pim van Lommel: In unserer Langzeitstudie haben wir herausgefunden, dass nur die Patienten mit einer Nahtoderfahrung keine Angst mehr vor dem Tod haben. Offenbar weil sie erfahren haben, dass der Tod nicht der Tod war. Ich war ein Wesen mit Bewusstsein ohne Körper. So ist der Tod nicht der Tod. Er ist nur das Ende des physikalischen Aspektes.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Abo beendet