Natur ist für die Seele lebenswichtig

Interview mit dem Philosophen Andreas Weber

Gesellschaft | ML mona lisa - Natur ist für die Seele lebenswichtig

Endlich raus in die Natur, frische Luft und Sonne tanken. Dieses Gefühl der Erleichterung und Freiheit eint im Frühling, als ob eine Last abfällt und wir uns wieder freier dem Sommer nähern.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.05.2017, 16:38

Jedes Jahr aufs Neue ist es eine kleine Offenbarung. Wenn der Frühling kommt, mit voller Wucht, wenn plötzlich die Lebensgeister Polka tanzen und jeden mitreißen, Große wie Kleine, Einheimische wie Zugereiste. Frühling, die günstigste und gefährlichste Droge der Welt. Aber warum die ersten Sonnenstrahlen, die Wärme und Natur im Allgemeinen für uns Menschen so wichtig sind, darüber haben wir mit dem Philosophen und Biologen Andreas Weber gesprochen.

ZDF: Herr Weber, warum wirkt sich das Draußensein in der Natur gerade in den ersten Frühlingstagen so positiv auf die meisten Menschen aus?

Andreas Weber: In der Natur sind wir unter uns. Das heißt, in der Natur  treffen wir auf das unsere eigene Lebendigkeit. Und wir können erleben, wie sich diese Lebendigkeit und Lust, Blüte und Eros entfalten und können so daran teilhaben, das selbst wieder spüren und ausleben.

ZDF: Die positiven Gefühle, die die Natur in einem auslöst, man fühlt sich unbeschwerter, ausgeglichener, warum ist das eigentlich so? Wie spürt der Körper das, was löst dieses positive Gefühl aus?

Weber: Wir nehmen andere Lebewesen, das was wir als Natur bezeichnen, sind ja andere lebendige Wesen wie wir auch, über all unsere Sinneskanäle wahr. Frühling und Blüte gehen unter die Haut und ist ein extrem sinnliches, ich würde sagen, absolut erotisches Ereignis. Wir dürfen auch nicht vergessen, Blüte ist das Fortpflanzungsgeschehen der Pflanzen und wir nehmen das mit den Augen wahr, wir nehmen das als Duft wahr, in dem wir schwimmen, und wir nehmen das aber auch als Gestalten wahr. Unser Gehirn funktioniert so, dass wir Gestalt von anderen Lebewesen irgendwie als unsere eigene erfahren, wie man inzwischen aus der Biologie weiß. Und wenn das alles plötzlich so nach oben schießt, so leicht in die Luft springt, dann ist das auch unsere Bewegung und uns wird leicht.

ZDF: Verlangt auch unser Körper danach, nach dem Kontakt mit der Natur?

Weber: Wir kommen aus den geschlossenen, klimatisierten Räumen des Winters. Aber wir kommen ja auch aus dem geschlossenen Raum unserer seelischen Befindlichkeit heraus. Natur ist eben nicht nur eine Oberfläche oder ein Material, sondern immer auch ein seelischer Innenraum. Und das heißt, das Aus-sich-heraus-Treten, die Orgie des Verbundenseins öffnet unsere Seele, das ist wie ein Bad in einer Menge mit lauter interessanten, verheißungsvollen, liebevollen, liebkosenden Kontakten.

ZDF: Warum ist es gerade für Kinder so wichtig, draußen zu spielen?

Weber: Für Kinder ist die Natur entscheidend, weil sie sich in der Natur selbst als lebendig erfahren können. Das steht in unserer technischen Zivilisation nicht wirklich im Mittelpunkt. Kinder lernen in der Natur, wie sie selbst Lebewesen sein können. Der Kick für die Kinder ist die Wirkung der Natur, in Freiheit sie selber werden zu können. Wenn sie auf die Welt kommen, ist es das einzige, was sie genau wissen, was es heißt, lebendig zu sein. Und wenn sie dann mit andern Lebewesen in Kontakt treten, die nicht gleich über sie urteilen, wie Eltern oder später auch Lehrer das gerne mal tun, erfassen sie das wieder und ihr eigenes Potenzial, ihre eigene Verspieltheit, ihre eigenen Möglichkeiten. Wenn man Kinder in Natur bringt, dann sieht man ja sofort, wie sie losstürmen, dass sie auf Tiere auf der Wiese zu kriechen oder anfangen, Blätter und Blüten zu sammeln oder kleine Blütenblätter abzureißen. Kinder und Natur und andere Lebewesen, das ist eigentlich eine instinktive Verschwörung.

ZDF: Braucht die Psyche diese Abwechslung, dass sie diese verschiedenen Jahreszeiten wahrnimmt?

Weber: Die Jahreszeiten sind ja so etwas wie ein Lebenszyklus, der von Geburt bis zum Tod und zur Wiederauferstehung führt und dann wieder zu einer neuen Geburt. Das kennt unsere Seele, das kennen wir selbst aus allen Lebensprozessen: Erst das schüchterne, dann immer freudvollere, lustvollere Aufstreben und dann aber auch die Ernte und das Schwinden. Und dass Natur uns zeigen kann, wie wir mit diesen Gefühlen eingebettet sind in eine größeren Zusammenhang, das ist, glaube ich, der größte Trost, den wir überhaupt haben können. Insofern ist das, würde ich sagen, überlebenswichtig.

ZDF: Vielen Dank für das Gespräch.

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