Was ist los in Sachsen?

Über Rechtsextremismus und soziale Veränderungen

Gesellschaft | ML mona lisa - Was ist los in Sachsen?

Reise durch ein Bundesland, wo Flüchtlinge und Helfer rechten und fremdenfeindlichen Parolen fast ungeschützt ausgesetzt zu sein scheinen. Übergriffe wie in Clausnitz und Bautzen sorgen für Entsetzen.

Beitragslänge:
6 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.02.2017, 17:38

Sachsen, ein Bundesland, wo Flüchtlinge und deren Helfer rechten und fremdenfeindlichen Parolen fast ungeschützt ausgesetzt zu sein scheinen. Übergriffe wie in Clausnitz und Bautzen sorgen für Entsetzen. Vorurteile, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit konnten sich relativ ungehindert ausbreiten. Über die Gründe dafür sprach ML mit Frank Richter von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und Andrea Hübler von der Opferberatung für Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt  in Sachsen.

ZDF: Herr Richter, worin sehen Sie die Gründe für die rechtsextremen Taten in Sachsen?

Frank Richter: Einerseits wir haben in Sachsen schon seit vielen Jahren eine messbare, rechtsextreme Belastungsquote, sagen die Verfassungsschützer. Das heißt, wir haben entsprechende Wahlergebnisse, zum Beispiel für die NPD. Wir haben freie Kameradschaften, insbesondere im ländlichen Raum, die Konzerttätigkeit von rechts außen und wir haben auch Szeneläden und so weiter. Alle Indikatoren, die Rechtsextremismus anzeigen können, schlagen in Sachsen schon seit vielen Jahren besonders hoch aus.

ZDF: Hat das besondere Ursachen?

Richter: Wir haben insbesondere im ländlichen Raum in Sachsen eine sehr schwierige demographische Entwicklung: Insbesondere viele junge Frauen, die mobiler und flexibler sind als ihre männlichen Altersgenossen, verlassen den ländlichen Raum, mehr jedenfalls als Männer. Zugespitzt kann man das eine oder andere Dorf in den Randlagen Sachsens, aber nicht nur Sachsens, beschreiben wie eine Männer-WG. Es gibt viele Beispiele dafür, dass ältere Männer, vielleicht auch vor dem Hintergrund eines sehr kruden Geschichtsbildes, junge Männer anziehen, zu sich ziehen, und ihnen auf eine eigenartige Weise die Welt erklären.

ZDF: Trotzdem ist es doch auffällig, dass bei Demonstrationen die Männer in der Überzahl sind. Woran liegt das?

Richter: Es gibt Studien, die sagen, das Anti-Asyl und Anti-Islam-Demonstrationsgeschehen ist zu 80 Prozent von Männern dominiert, durch alle Altersgruppen hindurch. Und wir wissen schon seit einiger Zeit, dass Männer durch unser Bildungssystem nicht so gut durchkommen wie junge Frauen. Diese haben durchschnittlich die besseren Schulabschlüsse, es gibt viel weniger Schulabbrecher bei den Mädchen als bei den Jungen, das Aggressionspotenzial ist natürlich viel niedriger als bei den Jungen. Verstärkt wird das noch dadurch, dass positive Männlichkeitsmuster in dieser Gesellschaft sukzessive verloren gegangen sind. Die jungen Frauen können heute fast alle Berufe gleichermaßen ausfüllen und ausüben wie junge Männer. Denen fehlt es dann oft auch an überzeugenden Vorbildern.

ZDF: Aber es sind ja nicht nur junge Männer?

Richter: Ältere Männer wie überhaupt ältere Menschen erleben noch eine andere Schwierigkeit in ihrem Leben: Ihre Erfahrungswelt, die sie im Leben angesammelt haben, ist für die jungen Menschen heute nichts mehr wert. Wir leben in einer beschleunigten Ökonomie, in einer beschleunigten Informations- und Kommunikationsgesellschaft, die das entwertet, was die heute Altgewordenen in ihrer Jugend gelernt haben. Das unterscheidet ihre Wahrnehmung im Vergleich zu ihrer eigenen Jugend. Denn damals konnten sie und mussten sie die Alten fragen, um zu verstehen, wie es in diesem Leben geht. Wir haben also bei. hier haben wir nochmal eine besondere Entwertungserfahrung bei alten Menschen. Hier hat sich tatsächlich ein gesellschaftliches Problem entwickelt, das die Männer in besonderer Weise trifft.

Ein Vakuum muss gefüllt werden

ZDF: Das aber trifft ja nicht nur auf Sachsen zu, oder?

Richter: Der Osten Deutschlands ist das einzige Territorium in Europa, soweit ich weiß, über das zwei autoritäre, tendenziell totalitäre Diktaturen hinweggegangen sind. Über 60 Jahre, von 1933 bis 1945 die nationalsozialistische Diktatur, dann nach einer kurzen Zwischenphase die kommunistische Diktatur der DDR, die sich ja selbst als Diktatur des Proletariats bezeichnet hat. Das heißt, das sind zwei bis drei Generationen von Menschen, die zum großen Teil diesen staatlichen Vorgaben gefolgt sind, diese geglaubt haben und zweimal schwer enttäuscht wurden. Hinzu kommt, dass die Region der DDR, die 1990 untergegangen ist, eine der säkularisiertesten Europas ist, vielleicht sogar der Welt. Es gibt hier sehr, sehr viele Menschen, die gar keinen Bezug zur Religion haben. Ich meine das nicht als Vorwurf, aber es ist ein Element, das zu dieser weltanschaulichen Leere beiträgt. Für viele Menschen ist Religion eine – wenn auch ambivalente - Ressource für Weltanschauung und Ethik. Dort wo Religion überhaupt nicht zur Verfügung steht, muss ich dieses Vakuum anders füllen. Der Nationalismus stößt auf eine ganz besondere Weise in diese Leere hinein, bietet sich regelrecht an, ist auch bequem. Ein Mensch erhält Anerkennung allein dadurch, dass er Deutscher ist. Und wenn er das noch mit anderen irgendwie pflegt und herab schauen kann auf Schwächere, gewinnt er plötzlich eine Anerkennung für sich selbst, die er offenbar vorher nicht gefunden hat, die er aber braucht.

ZDF: Das alleine erklärt aber doch nicht Fremdenfeindlichkeit?

Richter: Ich glaube nicht, dass die Sachsen per se fremdenfeindlicher sind als andere Menschen. In Sachsen oder beziehungsweise im Osten Deutschlands gibt es eben einfach einige Besonderheiten. Hier kennen die Menschen weniger fremde Kulturen, fremde Religionen, als das anderswo der Fall ist. Sachsen ist nach wie vor ein Land mit einer sehr homogenen Bevölkerung. Dass die vielen Flüchtlinge, die jetzt hier ins Land kommen, ja vieles Fremdes mit sich bringen, in Sachsen eher etwas defensiver oder zurückhaltender, von manchen auch etwas skeptischer betrachtet werden als anderswo, wundert mich gar nicht, weil man eben noch keine Erfahrungen gemacht hat. In gewisser Weise könnte man also sagen, schlechte Erfahrungen sind besser als gar keine Erfahrungen. Wo gar keine Erfahrungen vorhanden sind, können sehr schnell Phobien entstehen, die in der Wirklichkeit gar nicht begründet sind. Rechtsextremisten und andere Extremisten können sich natürlich dieser Phobien, dieser Vorstellungen bedienen und sie politisch instrumentalisieren. Das kann und wird sich auch hier in Sachsen, so hoffe ich, sukzessive geben, je mehr Erfahrungen man mit fremden Menschen aus fremden Kulturen gemacht hat.

Versagen der Politik?

ZDF: Inwiefern ist das auch eine Sache der Politik?

Richter: Es ist mitnichten so, dass die Bevölkerung des ganzen Freistaats Sachsen nun in toto ausländerfeindlich oder rechtsextremistisch ist. Das wäre eine völlig falsche Darstellung. Wir müssen uns der Mühe unterziehen, etwas genauer hinzuschauen. Und ich glaube sagen zu dürfen, überall dort, wo sich die politischen Verantwortungsträger der Sache stellen, wo Flucht und Asyl zur Chefsache gemacht werden und Politiker den Mut haben, vor ihre Bürgerschaft zu treten und zu sagen, jetzt erklären wir mal was passiert und zugeben, dass es für viele Fragen überhaupt noch keine Antwort gibt, wo man Fragen und Sorgen auch ernst nimmt, dort entwickelt sich, nicht gleich von heute auf morgen, aber doch über eine überschaubare Zeit, eine vernünftige Stimmung, eine konstruktive Atmosphäre, und das ist ein gutes Signal.

Überall dort aber, und da muss man einzelne Orte leider Gottes nennen, wo die Verantwortungsträger sich drücken, wo sie meinen, sie könnten das Problem bagatellisieren, verdrängen oder gar auf andere Ebenen abschieben und so tun als hätten sie selber nichts damit zu tun, überall dort stoßen dann natürlich Radikale in den freigewordenen politischen Raum. Und das ist in Sachsen leider an vielen Stellen so der Fall. Überdurchschnittlich, wenn wir den Vergleich anstellen mit anderen Ländern der Bundesrepublik, aber keineswegs exklusiv.

Anstieg der Angriffe in Sachsen

Andrea Hübler ist Beraterin in der Opferberatung für Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt  Sachsen e.V.

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